Konzerte & Party

Unvergessliche Nächte im Berliner Nachtleben

Tresor

Es gibt kategorische Aussagen, denen Sie unbedingt misstrauen sollten, liebe User. Etwa: „Das Netz vergisst nichts.“ Oder: „Wer sich an die 80er erinnert, der ist nicht wirklich dabei gewesen.“
Und glauben Sie auch ja nicht, dass man sich auf das digitale Gedächtnis der Communitys, Clouds und Giga-Speicherkapazitäten wirklich verlassen kann. Denn die schönsten Geschichten sind nicht etwa auf Festplatte, sondern ganz tief in unseren Herzen gespeichert. Manchmal schlummern sie dort ewig, weil es keinen Anlass gibt, sie überhaupt wieder hervorzuholen. Dann ist die Erinnerung verloren wie einer dieser traurigen alten Schuhkartons mit Familienfotos, die sich auf den Flohmärkten oder beim Nachlass-Antiquariat zu Tausenden finden. Auch ganze Bilderserien, das mussten wir bei unserer Fotorecherche für diese Titelgeschichte feststellen, sind mit dem Berufswechsel der Urheber oder gar deren Tod unwiederbringlich verloren gegangen.
Manchmal indes braucht es aber auch einfach nur einen Auslöser, um alles wieder hervorzuholen: ein Blick auf den Dachboden, ein Treffen mit alten Freunden, eine nicht eingelöste Getränkemarke, die sich überraschend im Küchenschubfach wiederfindet. Oder auch ein Buch.
Wir haben einen Vorabdruck des am 14. Oktober erscheinenden Sammelbandes „Nachtleben Berlin. 1974 bis heute“ (Herausgeber: Stefanie Seidl, Wolfgang Farkas und Heiko Zwirner) durchgeblättert und waren vollauf begeistert: „Guck mal, das Risiko, der Tresor, und da, die Insel der Jugend – da war ich doch auch!“ Oder: „Hey, und da sind ja Nick Cave und Blixa Bargeld, wie sie sich eine Wodka-Flasche teilen. Oh Gott, gut, dass ich da nicht mit auf dem Bild drauf bin, nach dem Abend ging’s mir auch ziemlich schlecht …“
Aftershow - Club MariaUnd schon waren wir mitten drin im Erinnern. Nostalgie? Mag sein. Aber der ursprünglich eher in der Wissenschaft eingesetzte Begriff der Oral History trifft es hier wohl besser. Denn die immer schneller werdenden Häutungsprozesse unserer Stadt machen uns alle irgendwie zu Zeitzeugen. Zu Zeugen einer Zeit, die oft schon nach einer Dekade grausam vergessen oder hemmungslos verklärt wird. Keinen Aufschluss kann da nachträglich der Wikipediaeintrag geben und auch nicht der noch übrig geblieben Werbeflyer, der uns einst das Bunte von Himmel versprochen hatte. Man muss den Leuten schon zuhören, die dabei waren. Und dies hat unsere Autorin Ulrike Rechel getan. Sie sprach mit Stars und Sternchen des Nachtlebens, mit Machern und Gästen, die ihr von ihrer tollsten Nacht in dieser Stadt berichteten.
Die Auswahl muss da ganz schön schwer fallen, wenn man, wie unsere Kolumnistin Jackie A., schon seit Jahren fast täglich für den tip im Berliner Nachtleben unterwegs ist. In ihrem Buch „Apple zum Frühstück“ hat Jackie nun ihre schönsten Kolumnen zusammengefasst, erweitert zudem um ihre jüngst wiederentdeckten Teenager-Tagebücher, die einen schönen Einblick ins Leben der DDR-Jugend bieten. Nehmen Sie sich die Zeit und lesen Sie das Interview, das tip-Redakteur Erik Heier mit ihr geführt hat. Anschließend fällt auch Ihnen sicher wieder ein, was Ihre ganz persönliche, beste Nacht in dieser Stadt war.
Und wenn Sie der Meinung sind, dass diese Erinnerung viel zu schade ist, um gleich wieder vergessen zu werden, dann scheuen Sie sich nicht, sie für uns aufzuschreiben. Wir sind gespannt.

Text: Hagen Liebing

Ihre beste Berliner Nacht? Her damit! [email protected]

Sven Marquardt Eine Zeit, die es so nie wieder gegeben hat, das war Anfang der Neunzigerjahre in dem ersten Laden, in dem ich gearbeitet habe, dem Suicide Circus, im wilden Ost-Berlin. Der ist ja inzwischen reanimiert worden, aber früher war der Laden woanders, in Mitte in einem Hinterhof, DJ Clй hat dort aufgelegt, und vorn war ein Puff drin, der „Bienenkorb“. Nach Feierabend bin ich oft mit der Barfrau und der übrigen Belegschaft weitergezogen, in die Gogo-Bar auf der Neuen Schönhauser. Die Bar war Tag und Nacht auf – eben so lang Leute da waren – und vielleicht 30 Quadratmeter groß. Das war ein Ort jenseits von Zeit und Raum, an dem man den Tag vor der Tür völlig vergaß, den Berufsverkehr, die Straßenbahn. Das war noch ein anderes Berlin. Jetzt ist es ein neues Berlin, und es ist auch gut.
Sven Marquardt hütet die Tür des Berghain und arbeitet als Fotograf

Anja SchneiderAnja Schneider Ein Schlüsselerlebnis war für mich, als ich 1992 nach Berlin kam. Ich war aus Köln, und solche Läden, die ja häufig unter nicht ganz legalen Bedingungen liefen und wo die Betreiber quasi mit einem halben Bein im Knast standen, sowas gab’s dort nicht. Ich bin in meiner Ente nach Berlin gefahren, hatte gehört, es soll den Club Tresor geben und das E-Werk, mit Schließfächern und Stroboskop, und dass es da bis sechs oder sieben Uhr ging. Das war für mich unvorstellbar. Ich bin dann bei einem Freund untergekommen und allein zum Tresor gegangen. Im oberen Geschoss war ja der Globus, da wurde HipHop gespielt, und ich hab mich gewundert: Wo ist denn jetzt der Techno? Nach vier Stunden hab ich mich mal getraut, jemanden zu fragen, und da hat ein Junge meine Hand genommen und mich zu einer Tür gebracht, wo ich allein nie reingegangen wäre. Das, was mir entgegen kam, war ein Wummern, es stank und alles war voller Nebel: Diese Atmosphäre, die Zeit zu vergessen, und wo jeder mit jedem redet, das war für mich ein einschneidendes Erlebnis. Nach diesem Wochenende bin ich sofort nach Berlin gezogen.
Anja Schneider moderiert bei fritz, ist DJ und führt ihr eigenes Label Mobilee 

Foto Tresor (oben): Andrй C. Hercher

Foto Maria (mittig): Ben de Biel

Foto Anja Schneider (unten): Zu Pan

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