Konzerte & Party

Van Dyke Parks in der Passionskirche

Van Dyke Parks in der Passionskirche in BerlinIn seiner Rolle als Beiratsmitglied des Hauses der Kulturen der Welt kommt er nun nach Berlin und nutzt die Gelegenheit für eines seiner raren Konzerte.

tip Es ist schon fast unheimlich, aber Sie sorgten schon in den 60er Jahren für Intellektualität und Weltsicht in der Musik.
Van Dyke Parks Die Sixties sind unschlagbar. Keiner wusste damals auch nur das Geringste. Und als John F. Kennedy starb, nachdem er jedem vermittelt hat, er sei ein Hot Dog, hatten die USA ihr Trauma weg. Daraus erwuchs eine Dringlichkeit für Songwriter, die auf der Suche nach sich selber waren und gleichzeitig agitierten. Im Vergleich dazu ist heute alles eine Meile groß, aber nur ein Inch tief. Dass Amerika eine so starke Kultur wie den Rock’n’Roll exportiert hat, aber selber so wenig zuhört, beschäftigt mich sehr.

tip Heute arbeiten Sie mit der nächsten Generation, Inara George, Tochter von Lowell George (Little Feat), Rufus Wainwright, Clare Muldaur, Tochter von Geoff Muldaur. Die Endlos-Songs von Joanna Newsom sind nicht so unumstritten …
Parks An meiner Arbeit gibt es etwas recht Typisches: Ich übernehme oft Jobs, die kein anderer will. Als Dean Martin als Inbegriff des Popsängers galt, hatte es Randy Newman schwer, einen Plattenvertrag zu bekommen. Keiner glaubte an ihn als Sänger, und also bekam ich den Job, sein erstes Album zu produzieren. Ganz ohne Vorbehalte, ohne zu urteilen. Nicht, dass ich politisch oder musikalisch immer damit übereinstimme, aber ich möchte die von mir vermutete Sensibilität herausarbeiten mit angemessener Stimmführung, mit ansprechenden Arrangements, ohne massiv einzugreifen. Jeder, der dazu in der Lage ist, sollte eine Chance haben.

tip Ihr eigenes Werk tritt dabei fast in den Hintergrund, zumal Sie die Ups und Downs von Brian Wilson mitmachten.
Parks Es fing als intime Freundschaft an. So intim, wie man sich eine Freundschaft nur vorstellen kann. Fast wie Brüder. Aber nun ist er unglaublich berühmt, mit allen Segnungen und Herausforderungen, während ich eher ein anonymes Leben lebe – mit kleinem Glorienschein und einer Fußnote im „Rolling Stone“. Ich bin der jüngste von vier Brüdern, und in einer Bibelstelle heißt es: Bin ich meines Bruders Beschützer? Ja, das bin ich. So sehe ich es. Ich denke aber auch, dass vielleicht noch mal ein Projekt aufkommen wird, das uns in eine ähnliche Beziehung miteinander bringt wie zu Zeiten von „Smile“ oder auch von „Orange Crate Art“, eine traurigerweise missachtete Arbeit. Damit überquerte Brian den Rubikon, und ihm wurde klar: Ja, ich kann es. Das wurde zu einem Wendepunkt in seinem Leben und hat den Erfolg vorbereitet, der folgen sollte.

Van Dyke Parks in der Passionskirche in Berlintip Mitte, Ende der 90er traten zunehmend junge Musiker nach vorne und sagten: „Brian Wilson is God“.
Parks Wir sprechen hier von einem Mann, der eine ganze Industrie geschaffen hat! Der Kopf von Warner Music wurde mal gefragt, was große Musik ist? Tonnage, sagte er, tonnage, my boy. Allein auf diesem Level hat Brian Wilson, haben die Beach Boys große Musik geschaffen, und trotzdem war die Industrie blind ihm gegenüber, anstatt ihn zu hegen und zu pflegen. Und als wir 1995 das Album „Orange Crate Art“ machten, wollte immer noch keiner etwas mit ihm zu tun haben, er war persona non grata. All die bizarren Geschichten zu seiner psychischen Erkrankung zu lesen, die ihn als Paria behandelten, das war schmerzhaft. Seine Begabungen wurden verleugnet. Und so ist es wunderbar zu sehen, dass ihm zu seiner Gerechtigkeit verholfen wurde. Sie haben es ermöglicht, dass „Smile“ auf die Bühne gebracht werden konnte.

tip Sie haben nicht nur mit von sich aus komplexen Musikern zusammengearbeitet, sondern auch mit der Songwriterin Mary Gauthier aus den Südstaaten.
Parks Ich liebe sie!

tip Wo liegt der Unterschied z.B. zu Ry Cooder?
Parks Ich wurde in Mississippi geboren und habe in Lake Charles, Louisiana, gelebt, allein ihr Name, Gauthier, war Musik für mich. Mir haben ihre Kommentare zu Katrina gefallen und ihre pure Wahrheit darin. Unsere Welten sind denkbar verschieden, sie ist eine offene Lesbe, ich bin ein altmodischer männlicher Hetero, es war großartig, die Anstrengung zu unternehmen, uns dennoch zu treffen. Für mich war es eine Ehre, für sie zu spielen, sie hat ein Herz aus Gold. Ry Cooder – wie schön, mit jemandem seit 40 Jahren zu arbeiten. Vor drei Monaten rief er an: Bob will, dass du mit uns spielst. Wir drehen gerade einen Film „The People Speak“, und du sollst Teil unseres Trios sein. Mit zwei rootsorientierten Musikern, mit zwei solchen Giganten zu spielen, am Klavier zu sitzen – ich war außerordentlich dankbar dafür, alles andere wäre blasiert. Mir gefallen beide Welten gut – die unvorbereitete, aus dem Bauch heraus, bis in das Weltall vorzudringen im freien Fall mit anderen, aber auch in einem Anfall von Krämpfen dazusitzen und für einen Song ein Arrangement vorzubereiten. Dafür brauche ich im Durchschnitt eine Woche. Beide Herangehensweisen entspringen derselben Leidenschaft – etwas zu kommunizieren, etwas zu teilen, etwas zu geben, das sehr viel gekostet hat. So versuche ich in allem zu handeln, was ich tue.

Interview: Christine Heise

Van Dyke Parks + Klaus Voorman, Passionskirche, So 15.11., 20 Uhr, VVK: 35 Euro

Tickets unter www.tip-berlin.de/tickets

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