Konzerte & Party

Vashti Bunyan in der Volksbühne

Vashti BunyanGlück oder Vorsehung? Blickt man auf die Lebensgeschichte der 1945 in London geborenen Sängerin Vashti Bunyan, dann dürfte wohl beides zutreffen. Von Glück darf man sprechen, weil ihre Musik nicht verloren gegangen ist, obwohl es lange Zeit danach aussah. Jene brüchig-mystischen Folk- und Popballaden, die Bunyan Mitte bis Ende der Sechziger sang, zum Teil unter der Anleitung ihres Entdeckers und damaligen Managers der Rolling Stones, Andrew Loog Oldham. Perlen wie „Winter Is Blue“ oder das tieftraurige, von Bob Dylan inspirierte „I Want To Be Alone“, und nicht zuletzt ihre erste Single, das Stones-Cover „Some Things Just Stick In Your Mind“, gehören unbedingt in den Liederschatz der britischen Singer- und Songwriterszene. Selbst wenn sich Bunyan nie als Teil der britischen Folkbewegung angesehen hat, sondern eher als Popsängerin mit klassischen Einflüssen, die sie ihrem Vater zu verdanken hat. Doch trotz Oldhams guten Verbindungen und der Hilfe des renommierten Produzenten Joe Boyd, der die erste Single von Pink Floyd und auch Nick Drakes Platten produzierte, war ihr Erfolg nicht vergönnt – zu schlecht das Marketing und zu eigenwillig ihre Songs, die sich den Genregrenzen entzogen und weder nur Folk, nur Jazz oder nur Pop sein wollten.
Die bildhübsche Bunyan, von Natur aus ohnehin extrem scheu, zog sich enttäuscht aus der Öffentlichkeit zurück. Anfangs streifte sie mit einem Pferdewagen umher, bereiste die britischen Inseln, besuchte ihren alten Freund Donovan und lebte mehr als drei Jahrzehnte fernab der Musik auf dem Land. Sie züchtete Tiere, verkaufte Bauernmöbel und kümmerte sich um ihre Kinder bis die Vorsehung in ihr Leben trat. Um 2000 herum gab sie das Landleben auf, kehrte zurück in die große Stadt, kaufte sich einen Computer und stellte erstaunt fest, dass ihre Musik alles andere als vergessen war. Junge Vertreter des amerikanischen Freak Folk wie Devendra Banhart und Joanna Newsom feierten sie als wegweisende Künstlerin. Ihr erstes und bis dahin einziges Album „Just Another Diamond Day“ (1970) erreichte Höchstpreise auf Ebay, sie genoss plötzlich Kultstatus. Durch Anregung und Hilfe der Enkelgeneration erschien dann exakt 35 Jahre später mit „Lookaftering“ ihr längst überfälliges zweites Album. Heute genießt Bunyan ihren alten Traum von einem Leben als Musikerin und den Status, als Großmutter des Freak Folk zu gelten. Beim ersten Konzert in Deutschland wird sie Songs von ihren beiden Platten singen und vielleicht ein paar neue Stücke, dabei begleiten sie zwei junge schottische Musiker. Zur Einstimmung auf dieses mit Sicherheit berührende Konzert läuft im Vorprogramm Kieran Evans Dokumentarfilm „Vashti Bunyan: From Here To Before“.

Text: Jacek Slaski

Foto: Whyn Lewis

Vashti Bunyan, Volksbühne, Mo. 10.5., 20 Uhr, VVK: 18/14 Euro

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