Konzerte & Party

Vier Nachrufe und ein Todesfall – Alex Kögler (1958-2014)

Kristof Hahn Der Musiker und einstige Risiko-Tresenkraft Kristof Hahn zum Tod von Alex Kögler

Alex Kögler ist am 31.8. gestorben. Er wurde 57 Jahre alt. Etliche seiner Gäste von damals und einige seiner Mitarbeiter hat es schon vorher dahingerafft. Das Risiko war während der Zeit, als er dort sein chaotisches Kommando führte – jenem Gravitationszentrum der Beriner Szene, in dem so gut wie jede Band aus der Postpunk-Szene in Berlin Station machte. Die Getränke (vorwiegend scharfer Alkohol) wurden nach Sympathie und in großen Darreichungsgrößen ausgeschenkt, entsprechend hoch war der Alkoholpegel, der gepaart mit beschleunigenden Drogen und der Beschallung durch von Rock’n’Roll Stalinisten zusammengestellten Cassetten den ganzen Laden in eine Petrischale verwandelte, in der der Gedankenschwurbel der Gästeschar die erstaunlichsten Blüten treiben ließ. Hier wurden Projekte ausgekungelt, Filmideen ausgebrütet und Bands aufgelöst und gegründet – das bekannteste Beispiel sind vielleicht Nick Caves Bad Seeds. Auf Aussenstehende wirkte der Laden wie die Pforte zu Dantes Inferno.
Dies alles wurde ermöglicht von Alex Kögler. Der Mann sah aus wie eine Mischung aus Bryan Ferry und Robert Mitchum, sein Blick unter den schrägstehenden Augenbrauen schien immer in die Ferne gerichtet, seine Haare schon im Alter von 25 ergraut. Seine Stimme hatte oft etwas Deklamatorisches, doch gleichzeitig gebrauchte er Formulierungen wie “niedlich” oder “ach, wie süss” ohne jede Ironie. Meist – nicht immer – trug er Anzug und Kravatte, doch die Spendierhosen gehörten zu seinem ständigen Outfit. Alex Kögler schien beseelt von der Weisheit, dass geteilte Freude doppelte Freude darstellt. In den Neunzigern zog er sich zusehends aus der Szene zurück und geisterte als mythische Gestalt durch die Erzählungen derjenigen, die noch in der Lage waren, sich an diese wilden Zeiten zu erinnern, wobei immer wieder die bange Frage fiel: Lebt Alex überhaupt noch? Von jetzt an wird es leider keine Entwarnung mehr geben. Er war ein großartiger, nicht unkomplizierter Mensch mit einem großen Herzen, der mir eine Weile ein toller Freund gewesen ist und dem ich eine Menge zu verdanken habe. Schade, dass er nicht mehr da ist.

Alex Kögler (1958-2014) – Nachruf des Autors und Galeristen Oliver Koerner von Gustorf

Alex hatte von allem viel zu viel und nie genug. Er hatte Stil im Blut, selbst wenn er im Anzug blutend auf dem Boden lag oder auf irgendeinem Barhocker einschlief. Ich war etwa 19, als ich ihn im Risiko  hinter den Yorkbrücken kennenlernte, das er später mit seiner Freundin Sabina übernehmen sollte. Sie war damals eine Über-Frau von wasserstoffblonder Schönheit. Er erinnerte mich in seiner Unberechenbarkeit an Robert Mitchum in die „Nacht des Jägers“. Wie Figuren aus einem F. Scott Fitzgerald Roman waren Sabina und Alex verstrickt in eine trunkene, zerstörerische Liebe: Punch Drunk Love. Und auch deshalb brachten sie etwas sehr Mondänes in den früheren Wave-Laden: den Geschmack von Torch-Songs und Kriminalität, die Dekadenz von Jazz, eine flirrende, hedonistische Energie. Es war Alex Kögler, der allen das Gefühl gab, dass das hier keine Bar war, sondern eine mit Amphetaminen befeuerte 24 Stunden Party, die er in der Manier eines reichen Erben schmiss. Ich putzte den Laden, füllte die Flaschen auf, organisierte ab und zu Partys. Im Risiko bildete sich aus dem Zusammentreffen von Berlinern wie den Einstürzenden Neubauten, der Tödlichen Doris, Malaria oder der Haut und Ex-Pats wie Nick Cave, Anita Lane, Lydia Lunch und den Bad Seeds eine neue Szene mit internationaler Strahlkraft. Schon bald wurden Türsteher wie die legendäre Maria Zastrow angestellt, die aussah wie ein Hybrid aus Joe Dallesandro und dem jungen Elvis. Die Küche wurde zum abgeriegelten Backstage-Bereich für Bands, Intellektuelle, Filmleute mit denen Alex befreundet war. Das Risiko war wie er: großzügig, komisch, respektlos, laut und süchtig. Wie Alex wurde es im Laufe der Nacht fortschreitend exzessiver, chaotischer, brutaler. Alex war für mich ein wahrer Punk. Wenn er schwitzend in ein Mikrophon schrie, in Menschen hineinrempelte, um sich trat, oder einen bei einer Umarmung einfach nicht mehr los ließ, war das keine Pose, sondern schiere Notwendigkeit, reine Freude, Wut oder Verzweiflung. Das Risiko war sein Kunstwerk, aber als Person verweigerte er sich radikal jedem ambitioniertem, künstlerischem Getue. Seine Liebe zur Musik, zur Kunst, zu Drogen und Menschen hatte wirklich etwas Absolutes, Gefährliches. Dafür habe ich ihn bewundert und auch gefürchtet. Das letzte Mal  begegnete ich ihm vor etwa zwei Jahren. Ich war gerade auf dem Weg von meiner Agentur nach Hause und sah ihn auf dem U-Bahnsteig am Kottbusser Tor: zahnlos, von Alkohol und Medikamenten aufgedunsenen, eine Geistergestalt. Ich habe weggeschaut, bin auf die andere Seite gegangen, voller Angst diesem  Leben in die Augen zu schauen, das auch einmal meines war.

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