Konzerte & Party

Vier Tage C3-Festival in Berghain und Radialsystem

Victoire

Ein Oberbegriff für die Musik, die Jennifer Dautermann seit Jahren in Berlin begeistert, lässt sich so leicht nicht finden. „Exploring the Undefined“, lautet daher die Unterzeile des C3-Festivals, das die Amerikanerin in der Wahlheimat initiiert hat. Nach dem erfolgreichen Auftakt 2009 im Berghain öffnet sie nun erneut eine Plattform für Künstler, die in der Klassiksphäre und der eigenen Sozialisation mit Laptop und Clubmusik keinen Widerspruch sehen. Diesmal umfasst das Spektrum so Unterschiedliches wie den französischen Elektronik-Expressionisten Pierre Jodlowski, das Kammerpop-Kollektiv Victoire aus New York (Foto) und das Trio ESJ mit der ungewöhnlichen Besetzung Turntables, Flöte und Gambe.
C3 sieht Dautermann, die lange an Berlins British Council für Kunst und Clubkultur zuständig war, als spezifisches Festival für eine derzeit sehr lebhafte Strömung. „Es wird nur Musik zu hören sein, die heute geschrieben wurde“, betont sie, „Werke früherer Epochen sind meiner Meinung nach für andere Situationen gedacht als der Club-Kontext. ‚Bach Remixed‘ oder so etwas wird es nicht geben.“ Andere Neue-Musik-Festivals wie Maerz Musik hält die Kuratorin für künstlerisch spannend, aber „so etwas richtet sich an Spezialisten. C3 soll nicht exklusiv sein, die Stücke erschließen sich auch, wenn man vorher nichts dazu gelesen hat.“ 
Einen ähnlichen Ansatz vertritt Missy Mazzoli aus Brooklyn, die mit ihrer Gruppe Victoire an die harmonische Gestimmtheit der Minimal Music anknüpft, ihre wohlklingenden Arrangements für Streicher und Bläser aber mit Electronica und dem Lo-Fi-Gestus des Post Rock versieht. Auch Mazzoli beobachtet das Bedürfnis junger Klassikmusiker, sich zu vernetzen abseits vom „Dogmatischen“. Viele experimentierlustige Komponisten drängt es daher in Richtung Freiheit, an die Schwelle zur Clubkultur mit ihrem Instrumentarium: Turntables, Loops, Samples, Plug-ins.
Damit arbeitet auch Pierre Jodlowski aus Toulouse. Die mit Videokunst ergänzten Auftritte des studierten Komponisten gehen fast als Perfomance durch: Mittels selbst konstruierter Geräte und vorgefertigter Klangschnipsel, die er live abruft und verfremdet, kreiert der 40-Jährige apokalyptische Soundscapes, die mehr an Throbbing Gristle erinnern als an manches seiner eigenen, klassisch besetzten Werke.

Text: Ulrike Rechel

Foto: Stephan S. Taylor

C3-FESTIVAL – Club Contemporary Classic, Berghain und Radialsystem, Mi 23. bis Sa 26.11., VVK: je 17 Euro

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