Konzerte & Party

Viktoria Tolstoy & Das Claes Crona Trio im Wintergarten

Georg Strecker

tip Herr Strecker, Sie kommen jetzt mit einer Reihe, wie man sie nicht unbedingt im Wintergarten-Varietй erwartet. Kann man die Artisten nicht jeden Tag der Woche auf die Bühne scheuchen?
Georg Strecker Die kann man sogar zweimal am Tag auf die Bühne scheuchen, wie Sie sagen. Aber der Markt gibt das nicht her. Es ist in Berlin so viel los, jeden Tag 1?500 Veranstaltungen aller Art, da sind allein im Bereich gehobenes Entertainment 20?000 Tickets auf dem Markt. Und es ist eben nicht so, dass du dann jeden Tag dein Haus ausverkaufst. Und so hat es sich ergeben, dass wir in den ersten Monaten des Jahres meistens den Montag und Dienstag varietйfrei haben und damit dieses wunderschöne Haus dann leider leer steht.

tip Ab Januar bieten Sie da eine Mischung aus Jazz, Chanson, Lesungen und Kabarett an…
Georg Strecker Das sind Kunstformen, die gut zu unserem Haus passen. Ich finde, dass Jazzmusik hier eine gute Heimstatt hat, nicht nur wegen des vielen Brass, was im Haus verbaut ist.

tip Die Dauerveranstaltungen schienen bislang  eher auf ein touristisches Publikum ausgerichtet. Zielen Sie jetzt auf die Berliner?
Georg Strecker Das ist sicherlich richtig. Ich möchte aber die Gelegenheit nutzen, mit dem Mythos aufzuräumen, dass in den Wintergarten nur die Touristen gehen. Wir haben ziemlich genau zur Hälfte auswärtige Gäste und Berliner oder Leute aus dem Umland. Im Sommer sind es etwas mehr Auswärtige, weil der Berliner lieber im Tiergarten grillt oder in Tempelhof Rollerskates fährt. Aber wir wollen sie sowieso alle. Da muss man auch mal das Wort Tourist gerade rücken. Es ist ja nicht jeder so ein Pauschal-Reisender. Der eine ist beruflich hier, der andere macht eine Kulturreise. So geht es einem selbst doch auch, wenn man mal in Köln ist und etwas Zeit hat. Da sucht man dann nach Unterhaltung.

tip Spannend könnte für Berlin sein, dass sich da wieder ein Veranstaltungsort auftut, den manche noch als Quartier Latin kennen, wo in den 70er- und 80er-Jahren Rockgeschichte geschrieben wurde, mit dem ersten Auftritt von Nina Hagen im Westen, aber auch mit Bands wie Laibach. Wäre so etwas heute wieder möglich?
Georg Strecker Da möchte ich doch schon mal unsere Show „Forever Young“ erwähnen. Das ist doch zu weiten Teilen auch ein Rockkonzert, wo eine Symbiose aus Publikum, Band und Varietй-Artisten entsteht. Die haben inzwischen so viel Spaß aneinander, dass die Show statt zwei mittlerweile fast drei Stunden dauert – und nach viereinhalb Monaten Spielzeit bereits über 50.000 Zuschauer begeistert hat.

tip Aber an eine Varietй-Show dachte ich jetzt  nicht. Eher an eine Öffnung für den Konzertmarkt. Die Aura dieses Ladens ist doch ein Pfund, mit dem man wuchern kann.
Georg Strecker Seit wir diese Show hier produziert haben, ist das gar keine Frage mehr, dass die Rockmusik sehr gut in den Wintergarten reinpasst. Das ist ganz klar eine Option. Wir verhandeln da mit vielen. Bei manchen haben wir aber einfach den Punkt verpasst, wo sie zu groß geworden sind. Also Leute wie Tim Bendzko oder Clueso. Das ist sehr schwierig zu finanzieren mit den 460 Plätzen, die wir haben. Allerdings wird überlegt, inwiefern wir eine unbestuhlte Variante hinkriegen, damit sich die Zahl der möglichen Besucher erhöhen lässt.

tip Ob das der Konkurrenz gefällt?
Georg Strecker Hier soll ja nicht der Eindruck entstehen, dass wir den Kollegen das Wasser abgraben wollen. Wir glauben, wenn der Wintergarten maximal zweimal in der Woche was anderes macht, dann nehmen wir den anderen, die das 365 Tage im Jahr machen, nichts weg. Wir werden immer ein Varietй bleiben.

tip Generell scheinen ja eher wenige Veranstalter derzeit auf Rosen gebettet zu sein.
Georg Strecker Sicher, 2000/2001, da waren hier goldene Zeiten, da war es einfach, das Geld aufzusammeln. In Verbindung mit dem Regierungsumzug, als die ganzen Ministerien hierherkamen, die Botschaften, die Verbände mit ihren Repräsentanten. Da war die Stadt voll mit neuen Leuten, die erst mal alles erkunden mussten. Dieser Boom hat aber blitzartig ganz viel andere Player angelockt, die gemeint haben, in Berlin können wir uns jetzt auch die Taschen vollmachen. Die haben sich hier dann auch noch festgebissen. Der Markt ist aber nicht mehr gewachsen.

tip Profitieren Sie wenigstens von den Veränderungen in der Potsdamer Straße, der man gerade einen Aufschwung attestiert?
Georg Strecker Jein. Ich kann jetzt nicht sagen, weil sich hier hinter den ganzen Gemäuern aktuell einiges tut mit dem Zuzug der Kunstschaffenden und auch ein anderes Flair in der Straße entstanden ist, dass deswegen bei uns die Besucherzahlen angeschwollen sind. Aber ich würde nicht ausschließen, dass sich das auf dem Ticket mal ändern könnte. Andererseits ist die Potsdamer eine der am stärksten befahrenen Straßen in Berlin und ihre Bürgersteige sind sehr schmal, deshalb wird diese Straße nie einen boulevardesken Charakter bekommen. Mit diesem schwierigen Touch wird die Straße weiterleben müssen – aber damit ist sie ja auch schon recht alt geworden.

Interview: Hagen Liebing

Foto: Harry Schnitger

Spotlights – Viktoria Tolstoy & das Claes Crona Trio, Wintergarten, Di 10.1., 20 Uhr, VVK: 19,90 Euro

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