Konzerte & Party

Das Berlin Festival 2014

Berlin Festival

Die neue Entwicklung kommt schon überraschend, wenn man bedenkt, wie es im Vorjahr war. Da spielten in Tempelhof Björk, die Pet Shop Boys und die lange absenten britischen Ausnahmekönner Blur und My Bloody Valentine. Eine echte Top-Besetzung. Jetzt müssen die Veranstalter des Berlin Festivals erkennen, dass sie nicht von grenzenlosem Wachstum ausgehen können. Sie verzichten ab sofort auf die Buchung spektakulärer Headliner und bleiben ganz im Arena Park in Treptow, wo zuletzt schon die Nachtschicht stattfand. Ein vernünftiger Schritt? Im ersten Moment absolut. Die Fatboy-Slim-Krise aus dem Jahr 2010 hat gezeigt, dass Ordner unter Druck geraten, wenn Besuchermassen in plötzlichen Schüben auf das Flughafengelände strömen. Der Auftritt des englischen DJ-Superstars wurde kurzfristig abgesagt und Monate später andernorts nachgeholt. Unabhängig davon war das Airport-Gelände ohnehin nicht ideal. Ständig auf einer Betonpiste zu stehen,  ist nicht angenehm. Man erinnert sich auch an die schlechte Akustik und Soundprobleme. Sogar HipHop-Acts wie die Beginner um Jan Delay haben ihren Auftritt unterbrochen und sich über mangelhaften Klang beschwert.
Berlin FestivalNun wäre der ganze Umzugsvorgang gar nicht einmal so dramatisch, wenn damit ein Programm von außerordentlicher Güte einhergehen würde. Genau da aber liegt der Haken. Man muss nicht lange warten, bis sich beim Studieren der Liste der jetzt angekündigten Musiker Enttäuschung einstellt. Einen Act, den man unbedingt live sehen will, weil man das Gefühl hat, es gäbe vorerst keine andere Gelegenheit, findet sich nicht. Das Line-up besteht nahezu ausschließlich aus Namen, die schon in den Monaten zuvor im Berliner Konzertkalender zu lesen waren. Die Editors und Moderat spielten in der Columbiahalle, Darkside im Astra, Warpaint im Heimathafen, Bombay Bicycle Club im Postbahnhof, Crystal Fighters und Austra im Lido, Neneh Cherry & Rocketnumbernine, Dieter Meier und Todd Terje im Berghain. Damit hat man die renommiertesten Künstler der aktuellen Festival-Auflage bereits im Wesentlichen beisammen. Wenn man bedenkt, dass im Pop alles immer ganz schnell geht und Leute, die heute als heiß gelten, morgen schon wieder abgestanden wirken, ist das eine erschreckend betagt anmutende Auswahl. Festivals leben von exklusiven Auftritten. Oder man sichert sich mit topaktuellen und innovativen Musikern einen Vorsprung. Zurzeit gibt es einige Kandidaten. Kasabian, FKA twigs oder La Roux haben neue Platten veröffentlicht, spielen aber doch lieber später alleine im Herbst.
Jessie WareBei aller Kritik ist das Berlin Festival in diesem Jahr ein guter Indikator für den Zustand der gesamten Szene. Es ist nicht zu überhören, dass den Musikern die reißerische Art abhandenkommt. Der Trend geht hin zum introvertierten Pop, zum unterkühlten Soul, zu zerbröselnden Beats und ätherischem Sound. Einigen auf dem Festival auftretenden Acts ist diese Neigung deutlich anzumerken. Jessie Ware (Foto rechts) verspricht mit „Wildest Moments“ und „Tough Love“ dem Namen nach einiges. Was im ersten Moment auf Temperament und harte Bandagen hindeutet, entpuppt sich am Ende aber als zarte Liebkosung. Warpaint sind optisch eine Wucht und waren zu Beginn des Jahres auf vielen Magazintiteln zu sehen. Auf dem zweiten, nach der Band benannten Album vermeiden die Damen aber jeden Anflug von Direktheit. Zoot Woman läuteten zu Beginn der Nullerjahre die Wiederentdeckung des Achtziger-Pop ein und coverten Kraftwerks „The Model“. Auf ihrem neuen Album „Star Climbing“ hört man gut produzierten Electro-Pop, dem es an Zugkraft fehlt. Adam Bainbridge alias Kindness liebt den Soul und Funk der Achtziger, den unvermeidlichen Prince, aber auch Alexander O’Neal oder Steve Arrington, verzichtet in seinen Songs jedoch ausgerechnet auf die exaltierte Art und Körperlichkeit, die den Vortrag der Originale so besonders machten. Die Zeiten haben sich geändert. Musiker, die zu Hause am Computer produzieren, haben eine andere Mentalität als Leute, die sich ständig im Übungsraum treffen und abreagieren. Künstler, die auf der Bühne erst richtig aufleben und eine Anführerrolle übernehmen, werden unter diesen Umständen immer mehr zur Ausnahme. Für Festivalveranstalter ist das keine gute Nachricht.

Text: Thomas Weiland

Fotos oben und mittag: Stephan Flad, [email protected]

Berlin Festival 2014, Arena Park, Eichenstraße 4, Treptow, Fr 5.9.–So 7.9., VVK: Tagesticket 44 Euro, Festivalticket 79 Euro zzgl. Gebühr

www.berlinfestival.de

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