• Konzerte & Party
  • „Was derb ist, muss derb klingen!“ – Gespräch mit René Jacobs

Oper

„Was derb ist, muss derb klingen!“ – Gespräch mit René Jacobs

Der belgische Dirigent René Jacobs über Henry Purcells „King Arthur“ an der Staatsoper, die Sünden der Oper und seine größten Erfolge in Berlin

René Jacobs, Foto: Josep Molina/ Molina Visuals
René Jacobs, Foto: Josep Molina/ Molina Visuals

tip Herr Jacobs, seit fast einem Vierteljahrhundert machen Sie Barockoper an der Staatsoper. Aber Henry Purcell haben Sie noch nie aufgeführt. Warum nicht?
René Jacobs Es war einmal „The Fairy Queen“ im Gespräch, mit Sasha Waltz als Regisseurin. Ich habe mich dagegen entschieden, denn ich wollte, dass das Stück mit Schauspielern aufgeführt wird – so wie wir es jetzt bei „King Arthur“ mit Sven-Eric Bechtolf als Regisseur machen, übrigens zweisprachig. Sasha Waltz damals wollte nur Musik und Tanz.

tip „King Arthur“ ist eine Semi-Oper. Was bedeutet das?
René Jacobs England tat sich im 17. Jahrhundert schwer mit der Idee der Oper. Die Engländer konnten sich nicht mit der Idee anfreunden, dass auch Dialoge gesungen werden. Das liegt an der Stärke des elisabethanischen Theaters – an Shakespeare. Also wurde vokale und instrumentale Musik zwischen den Akten eines Theaterstücks eingefügt. Ich bin mir sicher, dass auch Purcell die Hinwendung zur Oper vollständig vollzogen hätte, wäre er nicht ebenso früh gestorben wie Mozart.

tip Gibt es für Purcells derbe Trinklieder ein rhetorisches Regelwerk des Rülpsens, Glucksens und Betrunkenseins, auf dass sie sich im Sinne der historischen Aufführungspraxis beziehen können?
René Jacobs Nicht dass ich wüsste. Ich denke mir: Was derb ist, muss auch derb klingen! Die Theater der damaligen Zeit waren klein – so klein, dass man die Sänger in Nahaufnahme erlebte. Ein derbes Trinklied ist vor allem in der Schluss-Szene von „King Arthur“ eingefügt, welche die Vorzüge Englands als kommender imperialistischer Großmacht feiert. Diese Verherrlichung werden wir – nach dem Brexit – ohnehin ironisieren.

tip Ihre größten Erfolge in Berlin waren „La Calisto“ von Cavalli, „Croesus“ von Keiser und „Griselda“ von Scarlatti. Warum haben Sie in keinem dieser Fälle an den Erfolg anzuknüpfen versucht – mit einem zweiten Werk?
René Jacobs Ich hätte es gewollt. Aber der Intendant, der nach Georg Quander kam, hatte Angst vor unbekannten Stücken. Von Alessandro Scarlatti planen wir jetzt endlich „Il primo omicidio“ für 2019. Der Regisseur Romeo Castellucci hat es sich gewünscht. Von Keiser hatte ich „Nebukadnezar“ vorgeschlagen, aber daraus wurde nichts. Von Cavalli würde ich gerne „Eliogabalo“ machen, dessen Inszenierung in Brüssel mir zu brav war.

tip Von Nikolaus Harnoncourt stammt der Satz: „Bei ‚historisch informiert’ wird mir schlecht.“ Was sagen Sie?
René Jacobs Mir geht es genauso. Musik ist keine Frage der Informiertheit. Man muss die entsprechende Sprache sprechen lernen, sie in der Praxis leben. Je weiter man zurückgeht in der Musikgeschichte, desto größer bleiben die Lücken, die man nicht wegbekommt. Dann zählt nur der Instinkt. Man muss frei werden im Denken.

tip Sie sind kürzlich 70 Jahre alt geworden. Folgt daraus irgendwas?
René Jacobs Ja, ich stelle fest, dass fünf neue Produktionen innerhalb eines Jahres vielleicht etwas zu viel für mich sind. Ich will mehr Zeit für geistliche Musik. Zu viel Oper ist Sünde! Da braucht man ab und zu ein schönes Oratorium, damit Gott die Sünde wieder vergibt.

tip Was ist so sündig an der Oper?
René Jacobs Ich würde mal sagen: zu viele Egos.

Staatsoper im Schiller-Theater So 15.1., 18 Uhr, Di 17.1., Do 19.1., Sa 21.1., So 22.1., jeweils 19 Uhr, Eintritt 28–88 €

Mehr über Cookies erfahren