Festival

Wassermusik 2017

Zu ihrem zehnjährigen Jubiläum widmet sich die Wassermusik erstmals keiner speziellen Weltgegend, bringt aber dafür Alemayehu Eshete, den äthiopischen Elvis, nach Berlin

Orchestre Les Mangelepa

Ein Elvis fällt ja selten einfach so vom Himmel. Es mögen ihm gewisse Talente in die Wiege gelegt worden sein, doch ohne ein fruchtbares Umfeld, in dem er Wurzeln schlagen kann, kommt er gar nicht erst zur Entfaltung. Und so waren es die goldenen 60er-Jahre in Addis Abeba, die den äthiopischen Elvis hervorbrachten: Alemayehu Eshete, 1941 geboren, also ungefähr sechs Jahre nach dem Original-Elvis, war mit der Gabe gesegnet, so singen zu können wie James Brown oder Otis Redding, deren Musik mit den GIs nach Ostafrika gekommen war. Er kopierte die US-amerikanischen Vorbilder aber nicht einfach, er blieb seiner Muttersprache, dem Amharischen, und den charakteristischen Tonskalen seiner Heimat treu und wurde damit zur Stimme des Äthio-Jazz.

„Das waren paradiesische Zustände – nicht nur in Äthiopien“, sagt der Berliner Drummer und Produzent Max Weissenfeldt, der vor allem im westafrikanischen Ghana umhergereist ist, auf der Suche nach dort lebenden Meistertrommlern. In vielen afrikanischen Ländern, die sich damals die Unabhängigkeit erkämpften, habe es eine „Kulturexplosion“ gegeben. „Es herrschte eine Aufbruchstimmung, ein totaler Enthusiasmus.“ Bis die Brutalität kriegerischer Auseinandersetzungen und diktatorische Militärregime alle Hoffnungen und Illusionen zunichte machten. Doch das Genre des Äthio-Jazz, geboren aus dem selbstbewussten Geist der 60er Jahre, der Neugierde und des Austauschs, ist geblieben und erlebt gerade wieder eine Renaissance. Wer sich davon selbst überzeugen will, muss glücklicherweise nicht nach Addis Abeba reisen, denn der Elvis Äthiopiens kommt nach Berlin.

Der große Alemayehu Eshete ist im August zu Gast bei der Wassermusik im Haus der Kulturen der Welt, die in diesem Jahr ihr zehnjähriges Jubiläum feiert und deshalb nicht nur eine Weltgegend zum Thema macht wie in den vergangenen Jahren, als man sich auf die Karibik oder den indischen Subkontinent konzentrierte. Stattdessen sind Musiker aus sämtlichen Kontinenten und Kulturen eingeladen, darunter der algerische Sänger Khaled, die nordwestindischen Barmer Boys oder die kolumbianische Band Los Piranhas, die in den Vorjahren für „besondere Gänsehautmomente“ gesorgt haben, wie Kurator Detlef Diederichsen im Programmheft formuliert.

Von einem „großartigen Konzept“ schwärmt auch Max Weissenfeldt, der nun erstmals selbst auf der Wassermusik-Open-Air-Bühne stehen wird. Mit seinem famosen Bandkollektiv, den Polyversal Souls, wird er eigens für den Abend ein Repertoire erarbeiten und Alemayehu Eshete begleiten. „Ein toller Typ, ein toller Sänger“, sagt Weissenfeldt über den äthiopischen Superstar, mit dem er vor zwei Jahren schon einmal zusammengearbeitet hat. Damals haben sie in Berlin ein kleines Live-Konzert gespielt und vier Titel aufgenommen, darunter eine unfassbar kraftvolle, Funk und Soul atmende Version des Klassikers „Alteleyeshegnem“, die man sich auf der Bandcamp-Seite von Weissenfeldts Label Polyphon anhören kann. Darin zeigt sich im Übrigen auch, was den Gesang Alemayehus wie überhaupt die äthiopische Musik so besonders macht.

„Das klingt sehnsüchtig – es schwingt immer eine ­Melancholie mit“, sagt Max Weissenfeldt, dessen Auseinandersetzung mit afrikanischer Musik der Arbeit eines Archäologen gleicht. Er legt Schicht um Schicht frei, ­nähert sich einerseits über das Gefühl an, das die Musik in ihm weckt, andererseits über die Analyse der Skalen und Rhythmen, der musikalischen „Grammatik“, wie er das nennt. Und die äthiopische Musik verfüge über andere Modi, über andere Tonfolgen, die über die üblichen Moll- und Dur-Pentatoniken hinausgehen, erklärt der 42-Jährige. Dadurch erschließen sich andere Stimmungs- und Klangwelten, die in europäischen Ohren zuweilen orientalisch klingen.

Mit Weltmusik habe das allerdings sicher nichts zu tun, betont Weissenfeldt. „Das ist eine Seifenblase, die längst zerplatzt ist“, sagt er, „ein Konstrukt der Musikindustrie, die auf oberflächliche und naive Art und Weise Aromen von da und dort mischt.“ Streng genommen müsse das dann „Rest-der-Welt-Musik“ heißen. Abgegriffene Klischees der sogenannten „Weltmusik“ in Frage zu stellen und zu überwinden, war ohnehin immer ein Anliegen der Wassermusik, die ja gerade mit anderen Perspektiven und Bildern überraschen will. So wird es vor dem Konzert von Alemayehu Eshete und den Polyversal Souls eine Modenschau geben: Streetwear aus dem kongolesischen Kinshasa, geprägt von Mut zur Farbe und viel Gold. Max Weissenfeldt erinnert das an seine eigenen Eindrücke aus Afrika: „Ein Farbenmeer – Städte so bunt wie Perserteppiche.“

Es ist nur ein Verdacht, der seine Vorfreude auf den Wassermusik-Abend trübt. Ein YouTube-Video behauptet, der 75-jährige Alemayehu Eshete habe verkündet, noch in diesem Jahr mit der Musik aufhören zu wollen. „Es könnte also sein letztes Konzert sein“, so Weissenfeldt. Aber ist so etwas überhaupt vorstellbar: ein Elvis im Ruhestand? Eben.

Haus der Kulturen der Welt John-Foster-Dulles-Allee 10, Tiergarten, Fr 21.7. –So 13.8., Tagestickets für zwei Konzerte + Film 12–28 €, Diskussionen: Eintritt frei

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