Konzerte & Party

„Wassermusik“ im Haus der Kulturen der Welt

Tinariwen

Schon die alten Ägypter wollten die Sahara bewässern. Seither ist es ein Traum der Menschheit, kostbares Nass in die Wüste zu tragen und blühende Täler zu erschaffen, wo jetzt nur Sand ist. Doch die Wirklichkeit der letzten vier Jahrtausende erzählt eine andere Geschichte. Der große Sand breitet sich unter eifrigem Zutun des Menschen immer weiter aus. Eingekeilt zwischen Ozean, Wüste und ewigem Eis, sind wir verzweifelt bemüht, unsere Lebensräume zu verteidigen. Doch mit welchen Mitteln? Die Prognosen einschlägiger Futurologen fallen höchst gegensätzlich aus. Während die einen den Meeresspiegel stetig steigen sehen, befürchten die anderen die unaufhaltsame Überwüstung allen organischen Lebens. Einigkeit herrscht nur darüber, dass uns nichts Gutes blüht.
In einer Stadt wie Berlin mit ihren unzähligen Wasserläufen, Seen, Tümpeln und Fontänen ist es schwer vorstellbar, dass die Wüste vor den Toren steht. Unbekümmert waschen wir unsere Autos und fluten unsere Beete. Doch was bedeutet Wüste für uns? Wie viel Migration wird von Wüsten und den blutigen Kriegen um ihre Bodenschätze und Wasserreserven ausgelöst? In Berlin mag es grünen und blühen und ein Gewitter den nächsten Wolkenbruch jagen, aber die Wüste sucht uns längst als soziales Phänomen heim. Gründe genug, sich auch hier einmal musikalisch dieses Themas anzunehmen. Und was böte sich als Forum für diesen konfliktreichen Gegenstand besser an als ein Festival, das sich Wassermusik nennt?
Namibia CrossingWüsten breiten sich auf allen Kontinenten aus. Entsprechend bunt ist auch die Karawane der Musiker, die sich mit ihren geradezu gegensätzlichen Haltungen und Ansprüchen in der Spree-Oase treffen. Einige wollen archaische Traditionen überwinden, andere wollen sie gerade erhalten. Einige vertreten ein politisches Ansinnen, andere sind Wüstenromantiker, die sich in Dünen und karstigem Gestein vor der Zivilisation verstecken. Zu Letzteren gehört Howe Gelb. Seine Bands hat er alle paar Jahre gewechselt, geblieben ist der Name Giant Sand. Der knurrige Songpoet aus Tucson, Arizona, der seine Zelte vorübergehend in Dänemark aufschlug, trägt die Wüste in sich. Jenes alternative Image der Wüste als grenzenloses Rückzugsgebiet, das Michelangelo Antonioni einst in seinem Film „Zabriskie Point“ festhielt, übersetzt er in alternative Rocksounds, die mit Country-Music, Rockabilly und mexikanischem Temperament angereichert werden. Über seine amerikanischen Landsleute, die mit gigantischem Aufwand für reiche Rentner Seen und Golfplätze in der Wüste anlegen, schüttelt er nur den Kopf. Er selbst ist ein moderner Beduine, den Blick auf den Horizont gerichtet, mit der Seele jedoch stets ein Stück hinter dem Sonnenuntergang. Wenn Wüste ein Synonym für Sehnsucht ist, dann ist Howe Gelb der Desert-Poet schlechthin.
Ganz anders die Tuareg-Band Tinariwen (gr. Foto). Sie gilt zwar neben dem 2006 verstorbenen malinesischen Gitarristen Ali Farka Tourй als Erfinder des nordafrikanischen Wüstenblues, entstand jedoch aus politischem Druck heraus. Die Mitglieder der Band waren einst militante Kämpfer für die Unabhängigkeit und Würde ihres Volkes. Im Internierungslager legten sie die Gewehre aus der Hand und griffen zur Gitarre. Heute geht es ihnen darum, den Jahrtausende alten Kulturraum der Wüste zu erhalten. Weitab jeder Stadt werfen sie mitten im Sand ihre Generatoren an, stöpseln die Gitarren ein und zelebrieren ihren schweren Blues, der die Last der Ewigkeit trägt. „Unsere Lieder handeln von den Problemen der Tuareg„, erklärt Bandsprecher Abdallah Ag Alhousseyini mit Blicken wie Pistolenkugeln, „aber wir suchen auch den Dialog mit dem Rest der Welt. Wir singen über Bildungsnotstand, Stammesfehden, Korruption und verlogene Politiker. Vieles davon betrifft auch die Menschen in Berlin, London und New York. Die Wüste ist überall.
Group DouehAls Botschafter verstehen sich auch Amadou & Mariam, ein blindes Ehepaar aus Mali, das mit seiner speziellen Mischung aus Afrobeat, Reggae, HipHop und Hendrix-Gitarre zwischen Bamako und Paris pendelt. Ihre Themen ähneln denen von Tinariwen, aber sie wollen weniger provozieren, als zu einer weltweiten Party aufrufen. „Wir denken positiv“, erklärt Gitarrist Amadou Bagayoko. „Dem negativen Afrika-Bild in Europa wollen wir Aspekte wie Liebe und Hoffnung entgegenstellen. Wir singen jedoch auch über den Krieg und erinnern die Politiker daran, wem sie ihre Macht verdanken. Sie bringen dem Volk einfach nicht genug Respekt entgegen. Aber dieses Problem teilt Afrika wohl mit dem Rest der Welt.“ Die Songs von Amadou & Mariam verbinden traditionelle Instrumente wie Balafon, Kora, Djembe und Ngoni mit Beats und Samples und zeigen, wie kurz die Wege aus der Wüste in die europäischen Großstädte sind.
Mit Politik und Religion hat sich auch der algerische Rai-Star Khaled angelegt. Die Morddrohungen, die er nicht nur für seinen Song „Aicha“ erhielt, nimmt er durchaus ernst und reist mit einem Tross von Bodyguards. Die israelischen Pseudomexikaner Ramirez Brothers gewinnen dem Wüstenklischee indes auch sehr fröhliche Aspekte ab, an denen ein Quentin Tarantino helle Freude hätte. Ein Geheimtipp ist Group Doueh (Foto rechts) aus der Westsahara, die traditionelle Stammessongs mit Wah-Wah-Gitarren zu einer Art Trance-Musik versetzt.
Die Wüste ist gleichermaßen schön und gefährlich. Die Wüste ist politisch. Die Wüste, das zeigt Wassermusik auf eindringliche Weise, geht uns alle an.

Text: Wolf Kampmann

Wassermusik, Haus der Kulturen der Welt, 15.7. – 6.8., VVK: 10–22 Euro

www.hkw.de

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