Konzerte & Party

White Trash Beautiful

Kid RockEs war Marshall Bruce Mathers III, der den Mut aufbrachte, die riesige Lücke zu schließen, die ein Mann namens Vanilla Ice aufgerissen hatte und die so peinlich war, dass sie noch nicht einmal von den Beastie Boys geschlossen werden konnte (diese allerdings genossen schon immer einen Son­derstatus in der amerikanischen Popkultur und sind deswegen ohnehin außen vor). Jedenfalls wurde Marshall als Eminem zum ers­ten weißen HipHop-Idol, das auch von der Black Community als solches respektiert wurde. Und nicht nur das: Er wurde zum Popstar, mit enormem Potenzial zur Identifikation. Die junge weiße Unterschicht, deren jüngere Brüder für Vanilla Ice von ihren schwarzen Freunden verspottet wurden, hatte jetzt endlich ein kredibles Idol. Einer von uns, aus der Vorstadt von Detroit, ohne Vater aufgewachsen, mit viel Wut im Bauch, einigen Ideen im Kopf und wohl auch mit viel Talent bedacht, immer auf der Gratwanderung zwischen dem Verlierer – der sich in Prozessen gegen Mutter und Ehefrau verteidigen musste – und einem Superstar, der nach homophoben Entgleisungen dann doch brav mit Elton John auftritt.

EverlastDer Missing Link
Eminem war genau der richtige Act zur richtigen Zeit, er war der Missing Link zwischen dem schwar­zen Gangster-Rap – den die Band N.W.A. maßgeblich initiiert hatte – und dem weißen Mainstream. Dass Dr. Dre – ehemals N.W.A. – zu Eminems Produzenten und Mentor wurde, ist dabei fast schon ein symbolischer Schulterschluss. Und dem eingangs erwähnten Vanilla Ice, den nicht nur Eminem als unreal and Fake verspottete, gebührt letzten Endes übrigens vielleicht doch Respekt: nämlich für seine Rolle als Dummy, als misslungener Testlauf für die heikle Mission, schwarze Subkultur und weißen Kommerz zu vereinen. So sieht es zumindest jemand, der von dessen Scheitern profitierte. Erik Schrody, als Musiker bekannt unter dem Pseudonym Everlast, soll angeblich heute noch dankbar sein, dass sein Albumdebüt 1990 floppte – sonst wäre ihm nach eigener Aussage die Rolle zuteil geworden, die Vanilla Ice über sich ergehen lassen musste. Schrody tauchte Mitte der 80er Jahre in die schwarze Hip­Hop-Kultur ein, war zeitweise Mitglied des Kollektivs Rhyme Syndicate von Ice T, bis er sein erstes Soloalbum veröffentlichte. Darüber spricht heute kaum noch jemand. Aber „Jump Around“, der Hit, den Everlast 1992 mit seiner Band House Of Pain veröffentlichte, ist heute fes­ter Bestandteil jeder 90s-Compilation und der Anfang einer künstlerischen Me­ta­morphose.

Everlast vollzog sie anfänglich im latent aggressiven weißen Rap verwurzelt – und we­gen unerlaubten Waffenbesitzes vor Gericht zitiert – hin zum me­lan­cholischen Pop-Folk, für den heute noch seine bisher wohl wichtigste Single „Ends“ aus dem Jahre 1999 noch synonym steht. Zwischenzeitlich konvertierte er zum Islam, und er war es auch, der mit dem Titel seines 2004er Albums eine ganz spezielle Schub­­lade aufmachte: „White Trash Beau­tiful“ nannte er die Platte. Er spielte damit auf eben genau jene Stigmatisierung an, vermeintlich aus dem „weißen Abfall“ der ameri-ka­­­­ni­schen (Pop-)­Kultur hervorgegangen zu sein. White Trash, im Grunde eine poli­tisch unkorrekte Bezeichnung für die soziale Klientel zwischen Burger und Bildungs­notstand weißer Hautfarbe, das in den Wohnwagen der Vororte amerikanischer Großstädte gestrandet ist. Aber dem durch bestimmte Heroen auch wieder eine (frag­wür­dige) Identi­tät gegeben wurde. Zum Beispiel durch Kid Rock.

Kid Rock
White Trash, good cash

Denn Robert James Ritchie, wie dieser mit keinesfalls gut bürgerlichem Namen heißt, ist jemand, der das Trailer-Park-Klischee wohl noch heute leben würde, wenn das Label Jive Records ihn nicht von der Straße gesignt hätte, um mit ihm Geld zu verdienen. Als Kid Rock lässt dieser nichts aus, was seine vermeintliche Un­ter­schichtsozialisation so vorhergesehen hat: Schlägereien vor laufender Kamera, Ehe und Scheidung mit einem Pornostar, Drogen und Alkoholexzesse, die diverse Gesetzeskonflikte nach sich zogen. Allerdings gelingen ihm ne­benbei auch hochkarätige Chartplatzierungen mit einer kruden Mischung aus Rock und Sprechgesang. Das Ergebnis, wenn man als junger Mann nachmittags Breakdance übt und sich abends mit den Freunden aus der Nachbarschaft zu Aerosmith die Birne zuknallt. Dass er sein aktuelles und kommerziell erstaunlich erfolgreiches Album „Rock’n’Roll Jesus“ taufte, zeugt von seiner stärksten Tugend: ignoranter Größenwahn, vielleicht sogar mit einer Prise Selbstironie veredelt. Im Gegensatz zu Eminem und Everlast startete Kid Rock allerdings ohne Ambition, ohne künstlerische Motivation. Er wollte es einfach nur schaffen. Frauen, Autos und Geld. Dass dies mit unermüdlichem Durchhaltevermö­gen schließlich auch gelang, dürfte ihm den Respekt der weißen Verlierer in der amerikanischen Gewinnergesellschaft auf Lebenszeit garantiert.

Eminem
Die drei Fragezeichen

Aber wo wird die Stilisierung von Kid Rock, Everlast und Eminem nun enden? Erstgenannter wird wohl auf ewig so weitermachen, wahrscheinlich wird er irgendwann als Reality-Soapstar im TV weiterhin für Schlagzeilen sorgen. Oder wenigstens wieder einmal mit einem Sextape seine Albumverkäufe ankurbeln. Everlast hingegen setzt sich heute als relativ wirre Mischung aus vom Leben gezeichnetem Ex-HipHopper und einer Art tätowiertem Plagiat von Johnny Cash in Szene. Immer an der Grenze zwischen plumpem Posing und gutem Songwriting.
Eminem schließlich widerfuhr das Schicksal, das schon so manchem Popstar nach dem Höhepunkt des Erfolgs ereilte – ausgebrannt, eine Auszeit im Pillen- und Alkoholentzug sowie natürlich ein Best-Of-Album. Für nächstes Jahr hat er nach vier Jahren wieder ein neues Release angekündigt, der Track „I’m Having A Relapse“ kursiert derzeit schon im Netz. Alle drei eint dabei eine Tatsache: Ihre Zeit ist vorbei. Sie werden allenfalls noch in den Charts eine Rolle spielen. Darüber können sie sich demnächst mal mit Axl Rose im Zuge von dessen Come­back un­terhalten. Aber Guns’n’Roses sind wieder eine andere, wenn auch recht ähnliche Geschichte.

Text: Jan Schimmang

Everlasts „Love, War And The Ghost of Whitey Ford“ ist im September erschienen

Kid Rocks „Rock’n’Roll Jesus“wurde 2007 veröffentlicht

Eminem hat mit „Relapse“ ein neues Album für Anfang 2009 angekündigt

 

Kid Rock Columbiahalle, Mi 10.12., 20 Uhr, VVK: 36 Ђ,
Tickets hier

Everlast Columbiaclub, Fr 12.12., 21 Uhr, VVK: 28 Ђ,
Tickets hier

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