Konzerte & Party

Wieder in Mode: Rollerdiscos

Rollerdisco

In „Skatetown USA“ von 1979 legt Patrick Swayze als „Ace Johnson“ eine umwerfende Choreografie hin: Zuerst rupft er ernst seinen Gürtel aus den Schlaufen der engen Hose, peitscht hernach damit die ersten Reihen, zieht ihn frivol zwischen den Beinen durch, schüttelt die Hüften und pumpt seinen nackigen Brustkorb bis zur Imponierstellung auf. Alles selbstverständlich zu Discomusik und auf Rollschuhen. Genauer gesagt auf „Disco Rollern“ mit Stoppern, die in jenen Jahren die per Ring-Maulschlüssel verstellbaren Kinder-Rollschuhe ins Grab verbannten.
Das Geflecht von Rollschuhlaufen und schlechtem Modegeschmack ist immer noch aktuell, das beweisen alljährlich die fixen Inline-Skater, die beim Berlin Marathon ihre muskulösen Schenkel in türkisfarbene Radlerhosen verpacken, einen Ridley Scott-Alien-Helm aufsetzen, und darunter eine Sonnenbrille mit gelben Gläsern klemmen, als ob sie nie wieder Sex haben wollten. Dabei galt der pirouettendrehende Swayze zur Rollerhochzeit Ende der 70er und in den 80ern sogar als extrem hot, trotz wehender Föhnfrisur. In Rollerdiscos, die es vor allem im Discoland USA gab, ging man tatsächlich – wie in jeder anderen Disse – zum Aufreißen. Zu Recht: Wenn jemand so sicher auf den Dingern unterwegs ist wie Swayze, könnte man darob vielleicht den blöden Haarputz vergessen.
RollerdiscoSeit einiger Zeit, einhergehend mit der Verklärung der 70er und 80er von denen, die sie nicht aktiv miterlebt haben, scheinen die Rollerdiscos auch in Berlin wieder zu erblühen. Im Neuköllner Huxleys startete im Frühling ein Versuch, die Elektro­location Tape Club macht ebenfalls mit. Das wandelbare SO36 stellt dafür eine DJ-Kanzel in die Mitte, schmeißt die Discokugel an, lässt saftigen 70’s Funk auflegen und verleiht Disco Roller in verschiedenen Farben. Glücklicherweise kann allerdings kein Mensch mehr Rollschuhlaufen, bis auf ein paar (Hetero?-)Männer im rüstigen Swayze (würde er noch leben)-Alter, die mit den Händen in den Taschen rückwärts zum Beat über den Dancefloor schweben, zwischendurch lässig diverse Sprünge einlegen und ansonsten auf lonely wolf machen. Hierher kommt man eben nicht mehr zum Aufreißen, sondern zum Kichern. Nichts ist uncooler und damit spaßiger als das wackelige Auf-die-Tanzfläche-Stapfen, wenn man die Räder gerade das erste Mal (oder das erste Mal seit 20 Jahren) unter die Füße gebunden hat. Pärchen und Freundinnengrüppchen rauschen einander lachend in die Arme, immer wieder segelt jemand hin und zieht andere mit sich in die Tiefe. Die coolen Ex-Profis sausen derweil nonchalant vorbei, alle anderen umschlängeln die Haufen mit Mühe.
Doch das Schönste am eigenen Versagen ist, dass es vielen so geht, dass alle diese zu Röcken unmöglich aussehenden klobigen Dinger tragen, und dass die Discokugel, deren Leuchtpunkte über Boden und Wände rasen, sich in entgegengesetzter Fahrtrichtung dreht, sodass sogar Tempo 0,01 km/h sich anfühlt wie mindestens 50. Bei den nur langsam sicherer werdenden Rollerrunden allerdings auch noch irgendeinen Körperteil im Takt zu „Everybody’s Dancing“ oder „Car Wash“ zu bewegen, wäre zu viel verlangt. Man freut sich schon, wenn man zwei Runden übersteht, ohne allzu viele fremde Menschen aus Gleichgewichtsgründen anzupatschen. Ein Teil der größtenteils U30 angesiedelten Gäste hat sich richtig fancy im Swayze-&-Co.-Stil aufgemotzt, trägt Hot Pants, Stirnbänder und die Beine lustig verkürzende, bunte Kniestrümpfe: Es gibt hier keine Annäherungsprobleme mit dieser modisch prekären Zeit. Am Ende des Abends gibt man kichernd die Roller Blades zurück, massiert die kribbelnden Füße, und hört beim Rausgehen noch regelmäßige „Boings“: Wieder ist jemand mit Schmackes an die Bande geknallt.

Text: Jenny Zylka

Crazylegs Rollerdisco, Tape Club, Sa 11.12., 22 Uhr

Roller Skate Disko, SO36, ab Sa 22.1.11, 22 Uhr, monatlich

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