Konzerte & Party

Wilco im Admiralspalast

Wilco

Klammheimlich und doch vor aller Augen haben sich Wilco zur letzten großen amerikanischen Band in der Tradition von The Band, The Byrds und R.E.M. entwickelt. Stets mit dem Attribut „alternative“ versehen, konnte sich die Gruppe um Songwriter Jeff Tweedy im Windschatten des Mainstreams auf eine Weise entwickeln, die selbst kommerziell erfolgreicheren Bands heute versagt bleibt. Krisen und Umbesetzungen gab es im Laufe der 16 Jahre, die sie mittlerweile auf dem Buckel haben, schon der Start basierte auf einem Drama: entstanden aus der Aufspaltung der ultimativen Americana-Band Uncle Tupelo, die einen auf Jahrzehnte einflussreichen Trend lostrat, und der Verfeindung ihrer konkurrierenden Masterminds. Während Jay Farrar Son Volt gründete, wurde der selbstquälerische Ehrgeiz Jeff Tweedys zum aufregenden, aber auch unberechenbaren Motor von Wilco. Diese experimentierwütige Band schlängelt sich wie keine zweite durch Dekonstruktion und Hymne, Kryptik und Transparenz, Songdisziplin und Improvisation. Quälende 10-Minüter kommen Seite an Seite mit krachenden Rocknummern, auf ihrem letzten Album Wilco (The Album) betreten sie gar den Boden lieblichen Radiopops. Aber die Chemie stimmt. Keine Besetzung hat länger gehalten als die aktuelle, Jeff Tweedy ist auch gesundheitlich in bester Verfassung, hatte er doch lange mit Migräne, Depressionen und entsprechenden Aufhellern zu kämpfen. Und man kann ihm nicht nachsagen, dass er nur schwache Geister neben sich duldet: Mit Nels Cline, Pat Sansone und Mikael Jorgensen sowie den Wilco-Urgesteinen Glenn Kotche und John Stirratt hat er hochkalibrige Musiker um sich, die auch eigene Projekte und Bands unterhalten – wie es sich gehört auf der Spannweite zwischen Countryrock, Pop, Avant­garde-Jazz und New Soul. Barack Obama höchstpersönlich gehört zum Wilco-Publikum, man kennt sich von Farm Aid, wobei ihm der Song „You Never Know“ wohl eher nicht gefallen dürfte, hier kokettiert Tweedy doch stark mit politischer Indifferenz. Ansonsten ist sein Gespür für Befindlichkeiten in beladenen Zeiten einzigartig. Er sang von der Asche der amerikanischen Flagge und von Verwüstungen des Sozialen, noch ehe wir es richtig kapierten, sein warmer Ton ist tröstlicher als jede Predigt.
WilcoUnd doch war es überraschend zu hören, dass Jeff Tweedy nun auch unter die Soulproduzenten gegangen ist. „You’re Not Alone“ heißt das von ihm produzierte neue Album von Mavis Staples, eine der größten Soul- und Gospelautoritäten unserer Zeit. „Tweedy ist ein Familienmensch“, sagt die heute 71-Jährige, „und das gefiel mir natürlich. Mein Vater Pops, der die Staple Singers begründet hat, hat uns immer beigebracht: Die Familie ist die stärkste Verbindung der Welt. Die Familie kommt immer an erster Stelle. Tweedy hat zwei Söhne, er spricht viel von ihnen, und er hat mich wissen lassen, dass er mit den Staple Singers aufgewachsen ist.“ Gemeinsam nahmen sie mitten im kältesten Winter in Chicago im Wilco Studio die 13 Stücke auf, Randy Newman, Pops Staples, Allen Toussaint und John Fogerty liefern neben einigen Traditionals die Songs, und Jeff Tweedy schrieb u.a. das Titelstück: „Wir reden hier von dem schönsten Song, den ich jemals gehört habe! Ich musste beim Singen sogar gegen die Tränen ankämpfen, das kannst du mir glauben.“ Offenbar hat die Begegnung mit dieser Grand Old Lady eine weitere Seite in Jeff Tweedy erweckt, der Sound des Albums ist warm und organisch, man hört die tiefe Verbundenheit ebenso wie die Dringlichkeit der Songs. Dazu Tweedy: „Es gibt viele Menschen, die sehr unter Einsamkeit leiden, aber gerade darin sind sie nicht allein. In ihren dunkelsten Momenten können sie genau das nicht erkennen. Sie daran zu erinnern, sofern das möglich ist, darum geht’s in der Musik.“ Zeit genug dafür wird es geben – Wilco Konzerte enden nicht selten erst nach drei Stunden.

Text: Christine Heise

Wilco, Admiralspalast, Mo 27.9., 20 Uhr, VVK: 30 Euro

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