Konzerte & Party

Wild am Wasser: Die Partyspree

Kiki Blofeld

Faulschlamm, Mineralölkohlenwasserstoffe und eine starke Anreicherung an Cyanobakterien – die ökologische Beschreibung des Rummelsburger Sees erinnert nicht gerade an einen Gesundbrunnen. Und doch hat sich an dem Spreearm zwischen Lichtenberg, Friedrichshain und Treptow einiges getan. Niemand wäre in den 90er-Jahren auf die Idee gekommen, dort auch nur am Wasser zu sitzen. Es stank. Auch heute noch weist der Rummelsburger See „bakteriologisch keine Badewasserqualität auf“, wie die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt mitteilt. Doch nach der Sanierung für rund zehn Millionen Euro breiten sich kaum noch Blaualgen aus.
Dafür hat sich das Nachtleben angesiedelt. Die Spree scheint so etwas wie das verbindende Element im Partykosmos. Nach und nach erobern und besetzen die Kreativen die Wassergrundstücke von Rummelsburg bis nach Oberschöneweide. Zum Leidwesen einiger Anwohner der Stralauer Halbinsel, die mit einem virtuellen Pranger im Internet gegen vermeintliche Lärmverursacher zu Felde ziehen. Rummels Bucht, Rummelsburg, Else, Wilde Renate, Insel der Jugend, Sisyphos und vermutlich bald das Magdalena – die Liste der potenziellen Störer oder Feieroasen, je nach Sichtweise, ist lang geworden. Der Wunsch nach Ruhe kollidiert mit dem dynamischen Kulturleben einer Großstadt.
Auch Oberschöneweide, weiter flussaufwärts, ist Teil dieser Entwicklung. Auch hier wandelt sich die Nutzung nach Jahren des Leerstandes und Verfalls. Ein gutes Beispiel sind die Reinbeckhallen. Noch vor zehn Jahren scheiterte der Versuch, die stillgelegte Transformatorenfabrik als Kultur- und Partyort zu etablieren. Nun reißen sich die Investoren um die letzten leeren Industrieanlagen. Bryan Adams hat jüngst eine der vier Hallen gekauft. Die Gegend habe das Potenzial, zum Kunst- und Kulturviertel aufzusteigen. Produzenten wie Turmspringer oder Toby Dreher haben mittlerweile dort ihr Musikstudio. Das Ende des einst geschmähten Oberschweineödes?!
Wer derzeit Oberschöneweide bei Google eingibt, erhält zwei weitere Wortvorschläge: Nazis und Kiki Blofeld. Die Szene-Strandbar Kiki Blofeld zog jüngst von Mitte nach Schöneweide. Die Nazikneipe Zum Henker hingegen musste im Februar schließen.

Text: Maximilian Kleinod

White Trash, Am Flutgraben 2
Nasty-Trash-Zen-Biergarten statt proppenvollem Bürgersteig – ?das White Trash ist an der Spree gelandet.

Rummelsburger See, Fußgängerweg Paul-und-Paula-Ufer
Seitenarm der Spree mit dem gemütlichen Gartenclub Rummels Bucht, versteckt hinter einem hohen Holzzaun. Gleich gegenüber befindet sich die Stralauer Insel mit ihren lärmempfindlichen Nachbarn.

Rummelsburg, Blockdammweg 1
Nicht zu verwechseln mit dem Club Rummels Bucht. Bei der Rummelsburg handelt es sich um ein weitläufiges Gelände am Wasser, auf dem Open Airs mit international bekannten DJs stattfinden: Technorummel mit Ibiza-Feeling.

Sisyphos, Hauptstraße 15
Kunterbunte Clubwelt auf einem Fabrikgelände. Mit den tagelangen Partys hat der Club das Ausgehen zu einem langwierigen Wochenendausflug gemacht.

Hafenküche, Zur Alten Flussbadeanstalt 5
Leuchtturm des Wandels: ?Die Hafenküche gehört zu den erfreulichen kulinarischen Neueröffnungen der letzten Jahre. Modern, aber nicht abgehoben, beschaulich, aber nicht piefig.

Insel der Jugend, zu erreichen über die Abteibrücke
Auf der Insel wird seit Jahrzehnten gefeiert. Doch neue Auflagen verhindern das laute Abspielen von Musik. Partys dürfen nur noch in dem pittoresken Abteihaus stattfinden, beispielsweise die neue Schwulen-Partyreihe Bitch Pls.

Else, An den Treptowers 10
Der Open-Air-Club an der Spree liegt genau an der Schnittstelle zwischen Innenstadt und Vorstadt, zwischen Allianztower und Ausflugsdampfer. Ein Ableger der Wilden Renate.

Kiki Blofeld, Reinbeckstraße 9
Strandbar, die in Mitte vor allem wegen des urwüchsigen Gartens funktionierte. Nun weitläufige Freifläche mit rauem Industriecharme.

HTW, Wilhelminenhofstraße 75a
Wissenschaftliches Zentrum von Oberschöneweide. Die lichtdurchflutete Mensa steht auch Nicht-Studenten offen.

Modernes Theater, Wohnung 74, Rathenau-Hallen, ?Wilhelminenhofstraße 83-85, ?rodewaldfoest.com
Was bedeutet Demenz für einen -Menschen im Alter? Marie Rodewald und Holger Foest ergründen diese ?Frage mit der Theaterperformance ?Ich heiße Anna?“. Zehn Zuschauer sind zu einem performativen Abendbrot in einer Wohnung geladen.

Rathenau-Hallen, Wilhelminenhofstraße 83-85
Ein Ende des Leerstandes ist absehbar. Rockstar Bryan Adams und andere Investoren träumen von einem Zentrum für Kunst und Kultur.

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