Konzerte & Party

Wo Rammstein und Corvus Corax proben

Greifswalder Straße 9

Schwer zu sagen, wie oft Hans Narva in den letzten 15 Jahren durchs Eingangstor der Greifswalder Straße mit der Nummer 9 gegangen ist. Oder auf der anderen Seite des großen Hofs im Nightliner der Inchtabokatables hineingefahren. Mitte der Neunziger brachten sie es mit ihrem mittelalterlich gewürzten Punkrock zu so was wie Popstars. „Tomatenfisch“ hieß einer ihrer skurrilsten Hits. Narva, der damals den Bass der wilden Truppe zupfte, wie zuvor schon bei der Kultband Herbst in Peking, verzieht leicht das Gesicht. „Irgendwann merkst du, dass das Rockband-Tourleben auch was ziemlich Langweiliges hat. Dass es immer dieselben Songs sind, die du jeden Abend spielst“. Heute spielt er in experimentellen Kombos wie Hands Up Excitement oder dem Herbst-in-Peking-Nachfolger The Hidden Sea. „Das ist bei uns allen sehr rauschhaft passiert nach der Wende“, sagt er. „Mit Herbst In Peking sind wir sofort los und sind wie verrückt getourt. In der DDR hatten wir ja Auftrittsverbot.“
Narva, musikalischer Freispieler mit jungshaftem Gesicht und Schalk in den Augen, trauert den stürmischen Zeiten nicht sonderlich nach. Er überquert den Hof mit den klobigen alten DDR-Laternen, der bunt angepinselten alten Telefonzelle an einem Ende und dem roten Stern über der Tür des Geburtstagsklubs auf der anderen. Elektroleitungen kriechen in Bündeln an den bröckelnden Hauswänden entlang, baumeln auch mal schlaff über einem Durchgang. Es ist ein ruinöses Idyll, auf dem sich seit der Wende kaum was verändert hat. So lange haben die Musiker der Inchtabokatables schon Probe- und Studioort hier. „Wir sind damals alle zur ungefähr gleichen Zeit hier hergekommen. Das war im Grunde eine Clique, ein Freundeskreis, der sich schon lang vorher kannte, eben aus anderen Bands“, erzählt Narva. „In der DDR war es normal, so was wie Zweckgemeinschaften zu bilden, um Musik zu machen, sich Technik auszuleihen oder mal mit Grafik auszuhelfen.“ Auch die anderen Mieter im Hof, eine ehemalige Butterfabrik mit entsprechend bulligen Kellergemäuern, haben mit Musik zu tun: die Grafiker Spice, die Flyer und Plakate für die Hofgemeinschaft drucken, die Verleihfirma Blackbox Music für Bühnen-P.A., die ihre besten Kunden damals gleich mitbrachte. Von denen, die um 1992 einzogen – neben den Inchtabokatables, Rammstein und dem Mittelalter-Veteranen Corvus Corax – sind noch alle Hofbewohner vollzählig. Auch Knorkator übten hier mal, aber heute sind nur noch alte Kisten mit ihrem Bandlogo, die in einer Ecke des Kellers stehen, übrig. Der Preis, den Eigentümer Lutz Büchler für Übungskeller oder Büroräume nimmt, ist im Prenzlauer Berg einfach unschlagbar.
Hans NarvaHans Narva (Foto) hat zwar keinen Schlüssel mehr für den einstigen Stammplatz in den Katakomben. Doch er kann ihn sich holen, von Ex-Bandkollege und Schlagzeuger Titus Jany. Unten ist es staubig, muffiger Geruch liegt in der Luft. Narva deutet auf die von einem Gatter verriegelte Tür des Bandstudios. „Wir hatten die Wände mit bordeauxrotem Samt verkleidet, weil wir dachten, das sei schick“, erzählt er. Demnächst kommt er wieder mitsamt E-Bass her, um eine Mini-Reunion der Inchtabokatables vorzubereiten, für einen Gig zu Ehren des verstorbenen Musikerfreundes Bruno Adams.
Nebenan, vorbei an stehen gelassenen Drinks und modernden Bananenkisten führt eine Tür zu den alten Weggefährten: Hier haben Rammstein, die gerade im Entspannungsurlaub vor der Welttourne weilen, ihren Industrial-Sound hart geschliffen. Oben, auf dem Parkplatz, haben die Brachialrocker auch mal Generalproben vor Konzerten abgehalten: samt Feuer-Effekten im Berliner Abendhimmel.

Lesen Sie den vollständigen Artikel in tip 18/09 auf den Seiten 70-71.

Text: Ulrike Rechel

Fotos: Jens Berger/tip

Hands Up Excitement (mit Hans Narva), Bar 25, Mi 26.8., 20 Uhr, AK: vor Ort erfragen

Inchtabokatables + Herbst in Peking (u.v.a., Bruno-Adams-Memorial), Bassy Cowboy Club, Mi 2.9., 20 Uhr, AK: 10 Euro

Rammstein veröffentlichen im Herbst ihr neues Studio-Album, live im Velodrom: 18.-21.12.09 (ausverkauft)

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