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Wolfgang Voigt über sein neues Album „Zukunft ohne Menschen“

09_2011_wolfgang_voigtErst einmal herzlichen Glückwunsch zu 20 Jahren Kompakt! Der Geburtstag Deines Labels „Kompakt“ wurde letzten Sommer eine Woche in Berlin gefeiert. Warum nicht in der Heimatstadt Köln?
Wo wenn nicht dort? Im Ernst, viele unserer Künstler spielen seit Ewigkeiten in Berlin und einige leben in der Stadt. Berlin ist, zumindest was die Clubkultur betrifft, die Hauptstadt des Techno.

Ein Umzug stand für Dich persönlich aber nie zur Debatte?

Nein, ich bin Kölner, zwar kein fanatischer Lokalpatriot, aber ich bin hier geboren, ich habe hier meinen Lebensmittelpunkt, mein soziales Umfeld und Kompakt stellt auch eine familiäre Firma. Daher existierte nie der Grund, umzuziehen.  

Die Feierlichkeiten in Berlin begannen mit einem Konzert von Gregor Schwellenbach. Dabei handelt es sich um einen klassisch ausgebildeten Musiker. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?
Richtig, ein Pianist, der auch viele andere Instrumente wie Kontrabass oder Xylophon exzellent beherrscht. Er trat an uns heran und präsentierte kammermusikalische Interpretationen von Kompakt-Stücken. Das klang auch für uns neu. Remixe sind quasi an der Tagesordnung, aber diese Form stellt schon etwas Außergewöhnliches dar.

Die Verbindung von elektronischer Musik und Klassik stellt seit etwa einer Dekade eine beliebte Nische dar, die alva noto und Ryuichi Sakamato damals initiierten. Aber dass Techno klassisch intoniert wird, geschieht eher selten?
Es gab verschiedene Projekte, die in die Richtung gingen. Aber den kammermusikalischen Ansatz von Gregor Schwellenbach habe ich vorher auch noch nie gehört. Es stimmt aber, seit geraumer Zeit gibt es jede Menge experimentelle Fusionen zwischen elektronischer resp. Techno basierter Musik mit Klassik. In dem Feld habe ich auch schon gearbeitet.

Stellt aus Musikerperspektive quasi eine Notwendigkeit dar, den Klanghorizont zu erweitern?
Ich habe mich schon immer für Klassik interessiert. In den 90er-Jahren war die Techno-Welt sehr hermetisch. Es bildeten sich innerhalb der Ästhetik bestimmte Regeln heraus, die förmlich danach schrien, übertreten zu werden. Ich neige in der künstlerischen Arbeit ohnehin zur chronischen Grenzüberschreitung.

Zum Beispiel mit Deinem Projekt Gas. 2009 hast Du mit dem Motiv des Waldes gearbeitet, romantische Elemente damit verwoben. Techno assoziiert man hingegen als etwas Urbanes.
Mich hat der Mythos vom Wald von frühester Kindheit begeistert. Ich habe versucht, Aspekte der Romantik in ein modernes Klanggewand zu übertragen. Symbolisch eine Grenzüberschreitung in Form einer Verbindung zwischen Wald und Stadt, aber auch weitergedacht zwischen Alt und Jung und Oben und Unten.


Du hast das Stichwort Regelbruch geliefert. Es gibt ein Foto von Gregor Schwellenbach mit einem Buch, das die 20 ungeschriebenen – oder sind es mittlerweile geschriebene – Regeln des Kompaktsounds beschreibt.
Gregor hat übers Musizieren hinaus eine wunderschöne Bühnenpräsenz, mit der er sehr charmant zwischen den Stücken erklärt, wie er zu diesen gekommen ist. Er führt auch aus, wie er sich vorstellt wie die Kompakt-Welt funktioniert und wie so ein Technotrack geht. Diese 20 Regeln haben wir nicht aufgestellt. Die wurden er- oder besser: herausgefunden.

Ich kenne viele Menschen, die mit Techno per se wenig anfangen können, aber Kompakt-Scheiben im Regal haben.
Wir sind immer schon ein sehr Pop-affines Technolabel gewesen, gern etwas melodiöser und experimenteller. Wir haben uns auch einige Stilbrüche geleistet, die der reine Techno-Purist sich so nicht geleistet hätte. Es gibt den typischen Berliner Sound, sehr reduziert, sehr ernst und eher düster. Der sogenannte Kölner Sound ist melodiöser. Es mag sein, dass einige unserer Veröffentlichungen als Türöffner für Hörer dienten, die vorher mit Techno wenig anfangen konnten.

Bleiben wir abschließend beim Vergleich Köln und Berlin. In den letzten Jahren gab es Bewegung im Clubleben, viele altgediente Institutionen in der Innenstadt mussten schließen oder sich einen neuen Ort suchen.
Köln ist aufgrund der Architektur ohnehin begrenzter in seinen Möglichkeiten. Berlin war die Stadt der 1000 Möglichkeiten nach der Maueröffnung. An jeder Ecke entstanden Clubs. So etwas gibt es in Köln nicht, die Räume sind enger, und die Preise sind höher, die Konzessionen sind härter. In Nippes oder Ehrenfeld gibt es auch heute noch schöne Industrieclubs, aber die sind alle sehr viel kleiner.

Interview: Ronald Klein

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