Konzerte & Party

XJazz 2016

XJazz 2016
Ist in diesen Tagen von der Türkei die Rede, dann hat das meist mit einem gewissen Herrn Erdo?an zu tun, von dem man weiß, dass er Journalisten und Künstler nicht sehr schätzt, aber keine Sorge: Hier folgt kein weiteres Wort zur "Staatsaffäre Böhmermann". Nur: Das lange alles beherrschende Thema lässt sich nicht ganz ausblenden, wenn nun ausgerechnet die Türkei Partnerland des dritten XJazz-Festivals in Berlin ist. Im Programmheft meldet sich sogar Chefdiplomat Frank-Walter Steinmeier mit einem Gruß zu Wort: "Millionen Menschen türkischer Herkunft leben in Deutschland und bereichern die Gesellschaft und Kultur." Da sei es höchste Zeit für einen deutsch-türkischen Jazz-Jam in den Clubs von Kreuzberg.
So gesehen ist es nur konsequent, dass nach der isländischen und der israelischen nun die türkische Jazz-Szene dran ist. "Wir wollten aber nicht einfach nur türkische Musiker einladen, sondern zu Kooperationen anregen", sagt Florian Burger (36), der das Festival neben Sebastian Studnitzky und Jean-Paul Mendelsohn leitet.
Zur Eröffnung schart Trompeter und Pianist Studnitzky Musiker aus Berlin und Istanbul um sich, darunter den Schlagzeuger Ediz Haf?zo?lu und den türkisch-schwedischen Saxofonisten Ilhan Ersahin, der heute vor allem in New York lebt und dort zu einer prägenden Figur des Jazz-Undergrounds ­geworden ist. Sein Club "Nublu", den er 2002 in Manhattan gegründet hat, steht für eine radikal offene, eklektische Art des Musikmachens.
So einer passt perfekt zum XJazz-Festival, das sich ebensowenig um Genre-Grenzen schert: Im diesjährigen Programm stehen elektronische Acts wie Squarepusher neben Singer-Songwritern wie Sophie Hunger oder Malakoff Kowalski und Rappern wie Chefket. "Schließlich ist auch Hip-Hop eine Form der Improvisation", sagt Florian Burger. Und Improvisation ist Jazz.
Aus dem kaum überschaubaren Line-Up hebt Florian Burger eine Gruppe hervor, die den britischen Funk der 70er-Jahre mitgeprägt hat und deren Songs vielfach ­gesamplet wurden: Cymande. "Die Band hat noch nie zuvor in Deutschland ­gespielt", so Burger, "und wird das vermutlich auch nicht mehr tun".
Zuletzt fanden zwei kleinere Ausgaben des XJazz-Festivals in Istanbul statt, bei denen auch Musiker aus Berlin spielten. Doch nicht jedes Konzert konnte wie ­geplant stattfinden – wegen der Sicherheitslage. "Das ist ein Riesenproblem für die Kulturszene dort", sagt Festivalleiter Jean-Paul Mendelsohn (27). Nach den Terroranschlägen im Januar und März bleibt allzu oft das Publikum aus.
Anders in Berlin: Zum XJazz-Festival kamen im vergangenen Jahr rund 12.500 Besucher, in diesem Jahr werden mehr als 80 Bands in 14 Locations zwischen Kottbusser und Schlesischem Tor spielen. "Unser Ziel ist aber nicht, so groß wie möglich zu werden", sagt Florian Burger. Wichtiger sei, dass etwa 70 Prozent der Bands aus Berlin kommen, auch wenn sie international besetzt sind.
Ein weiteres Beispiel für eine deutsch-türkische Kooperation ist das Duo Julia Kadel und Anil Eraslan: Als die Pianistin und der Cellist kürzlich erstmals aufeinandertrafen, waren sie derart begeistert voneinander, dass sie in der Emmauskirche nun erneut gemeinsam auftreten.
Entdeckungen dürfte das Festival für viele Besucher bereithalten. Wer etwa Ilhan Ersahin noch nicht kennt, sollte sich auf You-Tube anschauen, wie er mit einer Besetzung seiner "Istanbul Sessions" das wundervolle Stück "Freedom" am Bosporus performt – und tatsächlich: Es liegt eine Ahnung von Freiheit in dieser Musik, die Künstler in der Türkei derzeit so schmerzlich vermissen.   

Text: Thorsten Glotzmann

Foto: Yusuf Sayman / Nublu

XJazz-Festival 5.-8.5., verschiedene Orte in Kreuzberg, www.xjazz.net

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