Konzerte & Party

The xx im Spreepark Treptow

The XX

Wie ein fernes Donnergrollen schwillt der Bass zu einem verheißungsvollen Echo an. Die reduzierte Melodie der Gitarre legt sich darüber, klettert die Tonleiter in kleinen Schritten rauf und hangelt sich in simplen Sprüngen nach unten. Ein unaufgeregter, manchmal fast schon lethargisch wirkender Gesang legt sich darüber. The xx haben die Gabe, mit leisen Tönen eine Klanglandschaft auszubreiten, die zwischen schwereloser Melancholie und hoffnungsfroher Zuversicht schwebt.
Als im April 2009 ihre erste Single „Crystalized“ erscheint, wird die Band hinter dem Cover mit dem weißen X auf schwarzem Hintergrund zum gefeierten Neueinsteiger. Innerhalb von kürzester Zeit sind ihre Konzerte ausverkauft. Ein Jahr später gewinnen sie mit ihrem Debütalbum „xx“ den britischen Mercury Music Prize, der bereits Portishead, den Arctic Monkeys und PJ Harvey verliehen wurde, das Album erhält in Großbritannien Platinstatus. Mit weltweit mehr als 1,5 Millionen verkauften Platten haben sich The xx einen festen Platz in der Popmusik geschaffen, einer Welt, in die sie mit ihrer stets schwarzen Kleidung und ihrer entschleunigten Musik nicht so recht reinpassen wollen. Neben den grellen Stars der schillernden Popmusik wie Lady Gaga und der in Schlagzeilen verwickelten Sängerin Rihanna nehmen sich The xx angenehm unauffällig aus. In Interviews wirken sie sehr reflektiert, werden als zurückhaltend und bescheiden beschrieben. Keine Skandale, keine extrovertierten Starallüren – The xx konzentrieren sich auf das Wesentliche: die Liebe zur Musik. Und ihre Freundschaft. Aus dieser speisen sich wohl auch die Nähe und Vertrautheit, mit der ihre Musik den Hörer direkt erreicht. Mal singen Oliver Sim und Romy Madley Croft im Gleichklang, mal ergänzen sie sich. Da passt es, wenn Oliver erzählt, dass Romy und er früher zu scheu waren, um solo voreinander zu singen und sich darum geeinigt haben, gemeinsam einzusetzen. Heute hört sich die Symbiose ihrer Stimmen an, als würden die beiden sich blind verstehen. Romy lispelt ganz leicht und haucht den Gesang glasklar, in manchen Liedern geradezu schüchtern dahin, Olivers Stimme dagegen klingt eher belegt, stellenweise brüchig. Sie singen von der Liebe in all ihren Facetten, über die Höhenflüge des Verliebtseins, den Glauben an die Beständigkeit des Gefühls, über Enttäuschung und Trennung. Dabei wechseln ihre Lieder zwischen einer Ruhe, die den Hörer in Erwartung eines Tonausbruchs manchmal an den Rand der Geduld bringt, und einem treibenden Rhythmus, der eine mitreißende Spannung erzeugt.
The XXDie Leadsänger Oliver und Romy kennen sich seit dem Kindergarten. Es heißt, schon damals haben sie gemeinsam auf einem Xylofon gespielt – ein Instrument, das sich auch heute in manchen Stücken wiederfindet und für heiter-beschwingte Töne sorgt. In der Schulzeit stößt Jamie Smith dazu, der die Musik der beiden heute abmischt. Mittlerweile arbeitet er unter dem Namen Jamie xx als DJ und Producer und war für Künstler wie Adele und Florence and the Machine tätig. Dass aber nicht jede Freundschaft Ruhm und Erfolg übersteht, zeigt die Bandgeschichte: Zu Beginn ihrer Karriere hatten The xx noch ein viertes Mitglied, die Gitarristin Baria Qureshi, die Ende 2009 ausgestiegen ist – aufgrund „persönlicher Differenzen“, wohl aber auch wegen der Strapazen des Tourlebens, wie Romy später vermutete. Die anderen drei beschlossen, für die Gitarristin keinen Ersatz zu suchen und machten als Trio weiter, Romy an der Gitarre, Oliver am Bass und Jamie am Mischpult.
Trotz des Hypes und der großen Erwartungen bleiben die Anfang Zwanzigjährigen bodenständig und sind sich in ihrem Stil auch auf dem zweiten Album „Coexist“, das sie letztes Jahr veröffentlichten, treu geblieben. Während ihr Debütalbum noch in kleinteiliger Arbeit und nächtlichen Arbeitsstunden in den Kinderzimmern entstanden und langsam zu einem Ganzen herangewachsen ist, klingt der Nachfolger mehr wie aus einem Guss. Die schon bekannte typische Art, alle überflüssigen Töne zu eliminieren, sorgt für den Wiedererkennungswert. Aber unter den gewohnten Stil mischen sich jetzt Anklänge von Clubmusik. Trotzdem ist das Album noch ruhiger als sein Vorgänger. Die passende Begleitmusik für stille Nächte und frühe Morgenstunden.
Ihre kürzlich vorgestellte Single „Together“ erscheint zusammen mit Songs von Beyoncй, Jack White und Lana del Rey auf dem von Jay-Z produzierten Soundtrack zu Baz Luhrmanns Romanverfilmung „The Great Gatsby“. Eine Kompilation, die für die Band thematisch nicht passender sein kann, handelt der Film doch von einer dramatischen Liebesgeschichte.
Im Mai nun kommen The xx zu einem außergewöhnlichen Konzert nach Berlin. Die Night+Day-Tour in Lissabon, London und Berlin ist ein eigens von der Band kuratiertes, eintägiges Festival, zu dem sie befreundete Musiker eingeladen haben. Mit dabei ist die britische Sängerin Jessie Ware, deren bezaubernd poppige Single „Wildest Moments“ letztes Jahr für einen Dauerohrwurm sorgte. Außerdem versprechen die Auftritte von den Chromatics, Mount Kimbie, Kindness, Mykki Blanco und mehreren DJs ein abwechslungsreiches Konglomerat aus pathetischem Pop, träumerischer Electro-Musik und Rap.
Für dieses Event haben The xx eine ganz besondere Location ausgesucht: den Spreepark im Plänterwald. Der ehemalige Vergnügungspark der DDR ist seit 2002 wegen Insolvenz der Betreiber geschlossen. In der Vergangenheit war das Gelände der Öffentlichkeit nur bei wenigen einzelnen Großveranstaltungen zugänglich. Bevor der wild wuchernde Park im Juli zwangsversteigert wird, wecken The xx ihn aus seinem Dornröschenschlaf. Wo sonst könnte sich ihre sphärische Klangwelt besser entfalten als vor der märchenhaften Kulisse eines stillgelegten Freizeitparks?

Text: Lea-Maria Brinkschulte

The xx – Night+Day-Tour mit Jessie Ware, Mount Kimbie, Chromatics u. a., Spreepark Treptow, 18.5., es gibt noch wenige Restkarten an der Abendkasse!

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