Konzerte & Party

Yes im Admiralspalast

/yes_c_GlennGottliebAls Sonic Youth 2007 ankündigten, dass sie bis ins folgende Jahr hinein auf Tour gehen und sich dabei auf das Material aus ihrem Album „Daydream Nation“ konzentrieren wollten, fragten sich viele, was das denn soll. Die heute wegen der Trennung von Thurston Moore und Kim Gordon auf Eis liegende Noise-Band machte damals noch eine Entwicklung durch und schaute nach vorne. Trotzdem ließen sich die New Yorker auf den Deal ein. Die Idee ging auf All Tomorrow’s Parties zurück. Der Londoner Veranstalter schickt seit 2005 zumeist aus dem Indie-Rock-Sektor stammende Gruppen mit einem alten Album im Gepäck auf die Reise.

Belle & Sebastian beschallten ihre Fans mit „If You’re Feeling Sinister“, Dinosaur jr. mit „You’re Living All Over Me“, Jon Spencer Blues Explosion mit „Orange“ und Tortoise mit „Millions Now Living Will Never Die“. Alles Bands, von denen man eigentlich etwas Neues erwartete. Aber die Leute von All Tomorrow’s Parties konnten die Musiker mit einem Retro-Reibach locken. Laut „Bill­board“ haben Sonic Youth mit den amerikanischen „Daydream Nation“-Shows deutlich mehr eingespielt als im Jahr zuvor, als sie ihr damals neues Album „Rather Ripped“ vorstellten.

Existenzgrundlage Vergangenheit

Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass sich die Idee der Klassiker-Album-Tour zum Flächenbrand entwickelt hat. Sänger und Gitarrist Bob Mould, von dem in Kürze der neue Longplayer „Beauty & Ruin“ erscheint, hat Konzerte hinter sich, auf denen er das Sugar-Meisterwerk „Copper Blue“ und sein Solo-Debüt „Workbook“ präsentiert hat. Die Lust darauf ist ihm schnell vergangen. „Für mich war nach zwanzig Gigs mit ‚Copper Blue‘ Schluss. Wenn man nur ein älteres Album von Anfang bis Ende herunterspielt, hat man als Künstler irgendwann keine Luft mehr zum Atmen. Es ist nur noch die reine Dienstleistung.“ Die englischen Kollegen von Yes sind weniger zimperlich. Kein Wunder, für sie ist die Vergangenheit eine Existenzgrundlage. Zuerst denkt man bei ihnen an „Tales From Topographic Oceans“: Vier Kompositionen auf einem Doppelalbum, jede von ihnen um die zwanzig Minuten lang und überdies mit klobigen Anspielungen auf Shastra-Lehrschriften versetzt. Das strapazierte die Nerven. Auch die von Keyboarder Rick Wakeman, der Yes bald darauf verließ, weil ihm alles zu überzogen, anmaßend und substanzlos vorkam. Es war nur eine Phase. Er machte seine Entscheidung später rückgängig und schloss sich der Band für die Aufnahmen zu „Going For The One“ wieder an.

Pompöse Prog-Protze

Das Timing für Wakemans Rückkehr hätte nicht unpassender sein können. „Going For The One“ erschien 1977, also in dem Jahr, als der britische Punk im Handstreich die Vorherrschaft übernahm und pompöse Prog-Protze mit ihren hyperprofessionell gespielten Akkorden und barocken Verzierungen verdrängte. Heute gibt es so einen Kampf der Gruppierungen nicht mehr. Vereinzelt haben Bands sogar Einflüsse aus beiden Welten in unterschiedlichen Werkphasen unter einen Hut gebracht. The Flaming Lips waren ursprünglich laute Noise-Chaoten, fanden dann Gefallen an Neil Young und ab „The Soft Bulletin“ an ausladenden Strukturen und extraterrestrischen Signalen.

Leader Wayne Coyne gilt als Yes-Fan. Dank solcher Fürsprecher ist es kein Wunder, dass das Interesse an der 1968 in London gegründeten Band nie völlig erloschen ist. Für dieses Jahr ist ein neues Yes-Album angekündigt, das „Heaven And Earth“ heißen soll. Zurzeit sind die reifen Herren aber noch in anderer Sache unterwegs. Seit März 2013 stellen sie nicht nur eine Veröffentlichung aus ihrer Historie, sondern gleich drei der besseren auf einmal live vor: „The Yes Album“, „Close To The Edge“ und „Going For The One“. Dauer der Veranstaltung: etwa drei Stunden. Mit dabei sind Gründungsmitglied Chris Squire am Bass, Gitarrist Steve Howe, Keyboarder Geoff Downes (auch von Asia und The Buggles bekannt), Schlagzeuger Alan White und der Jon-Anderson-Ersatz Jon Davison als Sänger. Es ist eine Traum-Veranstaltung für Leute, die Erfüllung im Classic Rock finden und Bands der späten Sechziger und gesamten Siebziger anhimmeln.

Leichenliebe

Zu ihnen zählt Simon Reynolds sicher nicht. Der Pop-Theoretiker warnt vor einem grenzenlosen Schwelgen in der Vergangenheit. „It’s like we can’t get past this past. Neophilia turns into necrophilia“, schreibt er in seinem Buch „Retromania“. Die Lust auf Neues verwandelt sich für ihn in Leichenliebe. Eine überspitzte Formulierung, gewiss. Aber welche aktuellen Alternativen gibt es für den Rock-Fan? Die letzten Bands, die einen Trend ausgelöst und großen Zulauf gefunden haben, waren The Strokes, The White Stripes und The Libertines. Das ist auch schon wieder zehn und mehr Jahre her. Queens Of The Stone Age halten sich als Einzelfall auf hohem Niveau, The Black Keys erleben ein spätes Hoch. Sonst tut sich wenig. Mehr denn je hat man den Eindruck, dass sich der vollelektronische Lebensalltag unserer Zeit punktgenau in der Musik widerspiegelt. Der Rock hat seine Anführerrolle verloren. Mit ständigen Nostalgieabenden wird er sie sich kaum zurückerobern können. 

Text: Thomas Weiland

Foto: Glenn Gottlieb

Yes Admiralspalast, Di 27.5., 20 Uhr, VVK: 50–85 Ђ zzgl. Gebühr

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