Konzerte & Party

Yoko Ono feiert ihren 80. in der Volksbühne

YOkoOnoFrau Ono, Sie haben sich auf ganz unterschiedlichen Feldern von Musik über bildende Kunst und Mode bis Politik umgetan. Zusammenfassend kann man doch sagen, Sie haben ein Jahrhundert gestaltet, oder?
YOKO ONO
Sicher wäre das zurückliegende Jahrhundert ohne unsere Aktivitäten ein wenig anders verlaufen. Aber wir sind doch alle Künstler. Jeder Mensch hat Kreativität in sich. Wenn wir alle unsere Kreativität verbinden, können wir die Welt verändern. Ich bin nur ein Teil dieser kollektiven Kreativität.

Kann Kunst wirklich die Welt verändern?
Allein indem du das sagst, änderst du schon die Welt. Wenn du in den Spiegel blickst und über dich selbst nachdenkst, beginnst du die Welt zu verändern, denn du bist ja ein Teil der Welt. Von deinem Körper und deiner Seele gehen konstant Schwingungen aus, die die Welt verändern. Ohne dich wäre die Welt anders.

Aber was bedeutet das für die Verantwortung eines Künstlers?
Wir müssen einsehen, dass wir die Welt niemals so verändern werden, wie wir uns das vorstellen. Wir können sie nur durch das verändern, was wir sind. Ich selbst fühle mich zwar für meine Kunst verantwortlich, aber Verantwortung wird so oft mit Schuld gleichgesetzt. Schuld gibt es jedoch nicht, und letztlich ist auch Verantwortung nur ein Konstrukt, das nicht existiert, wenn wir ganz ehrlich nur wir selbst sind. Wir sind nur atmende Tiere.   

Ihre Kunst altert ja nicht. Wie halten Sie dieses Energie-Level?
Ich weiß das selbst nicht. Aber ich glaube nicht daran, dass es irgendwas bringen würde, Altes zu wiederholen. Stattdessen sollten wir nie aufhören zu lernen. Nur dann werden wir herausfinden, was wir über das hinaus, was wir bereits getan haben, noch tun können. Das ist natürlich immer mit Aufregung verbunden, denn was wir schon geleistet haben, wissen und kennen wir. Bei allem Neuen hingegen wissen wir nicht, was wir tun. Trotzdem gehe ich dieses Wagnis immer wieder ein. Es ist jedes Mal, als würde ich vom Dach springen. Dieses Gefühl ist allemal besser als zu sterben. Mich selbst oder die Leistungen anderer zu wiederholen, hieße doch nichts anderes, als bereits gestorben zu sein. Zumindest spirituell. Wir sind von so vielen Leichen umgeben. Ich werde immer wieder gefragt, warum ich ständig neue Sachen wage und ob ich davon nicht erschöpft wäre. Aber neue Dinge zu tun, lädt meine Batterien auf. Das ist der einzige Weg. Ich brauche keine Energie für neue Dinge, sondern ich erhalte sie von ihnen.

Aber woher wissen Sie immer, was Sie zu tun haben?
Es ist wie ein gutes Essen. Du musst nicht viel vom Kochen verstehen, um sofort zu wissen, welches Essen gut ist und welches nicht. Also tu einfach, was du für gut hältst.

„Give Peace A Chance“ war ein wichtiges Statement um 1970. Wie sieht es heute aus. Hat der Frieden immer noch eine Chance?
Wir suchen immer nur nach dem Schatten und übersehen das Licht. Die Menschen, die heute über Krieg und Frieden reden, haben nie ein Leid erfahren. Es geht ihnen gut, sie haben eine bezahlbare Wohnung, genug zu essen und keinerlei materielle Sorgen. Sie reden über das Jüngste Gericht, dabei sehen wir einer wunderbaren Zukunft entgegen. Sie liegt direkt vor uns.

Was ist aber mit dem Süd-Sudan, Mali, dem Nahen Osten, Guantanamo?
Der Frieden herrscht in unseren Köpfen. Nicht außerhalb. Solange wir den Frieden in unseren Köpfen wahren, werden unsere Kinder ihn aufgreifen, an unsere Enkel weitergeben und dauerhaft den Frieden bewahren. Nur aus diesem Grund ist der Planet bisher nicht explodiert. Wir müssen nur aufpassen, dass niemand einen anderen Menschen tötet. Lass uns die Menschen vor dem Tod bewahren, egal ob durch Hunger oder Krieg.

Wie durchdringen Ihre musikalischen und visuellen Arbeiten einander?
Ich weiß nicht. Es gibt diese Allegorie von einem Menschen, der einen Drachen auf acht Beinen laufen sah. Er fragte ihn, wie er mit seinen acht Beinen laufen könne. Der Drache dachte nach und konnte sich plötzlich nicht mehr fortbewegen. Denn sowie er die Bewegungen über seinen Kopf zu koordinieren versuchte, funktionierten sie nicht mehr. Im Grunde ist es ganz einfach. Wir imaginieren etwas und lösen es dann aus seinem Kontext. Und plötzlich wird es etwas ganz anderes. Das heißt, wir tragen etwas von innen nach außen.

Zuletzt haben Sie eine Modekollektion vorgelegt. Geht es da nicht nur um Äußerlichkeiten?
Na sicher. Mode ist immer eine Verpackung. Aber es kommt doch darauf an, was man verpackt. Es ist das Kostbarste, was wir haben. Wir selbst. Wir müssen uns in unserer Kleidung wohlfühlen. Ich habe Mode für junge Männer gemacht. Eine Hülle, in der sie sich wohlfühlen können. Nur so kann man das Innere nach außen tragen. 

Interview: Wolf Kampmann
Foto: Greg Kadel

Yoko Ono & Plastic Ono Band
Volksbühne,
So 17.2., 20 Uhr, ausverkauft

 

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