Konzerte & Party

Young Euro Classic 2015

Young Euro Classic 2015

Die Welt der Klassik ist voll bizarrer Rätsel. Warum gibt es fast keine schwulen Orchestermusiker? Weshalb leiden Sänger oft an Ess­störungen und, ausgerechnet: an Rauchgelüsten. Warum gibt es kaum ­bärtige Dirigenten? Für Letzteres mag man noch Gründe finden. Auf die Mimik kommt’s an. Trotzdem besaßen große Dirigenten früherer Zeiten beachtliche Ziegenbärte (Hans von Bülow), moustaches (Arturo Toscanini) und sogar Wucherkoteletten (Richard Wagner).
Eine der großen Ausnahmen von der Glatt­rasur ist der aus der Ukraine ­stammende Kirill Karabits – und auch sein ehemaliger Wiener Kommilitone Kirill Petrenko, ­welcher die Stoppeln demnächst zu den Berliner Philhar­monikern zurückbringen wird. ­Beide ­sprechen übrigens auch mit der gleichen, hoch intonierten, fast schüchtern klingenden Freundlichkeit. Karabits’ Dreitagebart oder Fünftageflaum hindert ihn keineswegs daran, einer der präzisesten, scharfkantigsten und besten Dirigenten der jüngeren Generation zu sein.
Als er 2009 Chef des Bournemouth Symphony Orchestra wurde, wollte man ihm den Gesichts­bewuchs sogar ausreden. Ursprünglich legte er sich den mit 22 Jahren zu, „um älter auszusehen“, wie er zugibt. „An der Mimik, die sehr wichtig für mich ist, hindert mich der Bart nicht.“ Er habe sogar einmal versucht, ohne Hände und Arme, nur unter Einsatz von Gesichtsmimik und Augen ein Orchester zu dirigieren. „Ich wollte zeigen, dass man nicht unbedingt schlagen muss“, sagt er. Ging auch! Vielleicht stehen wir mit der Ankunft von Petrenko (ab 2018 in ­Berlin) und Karabits (ab nächstes Jahr General­musik­direktor am Nationaltheater Weimar) vor einem Para­digmenwechsel – zumindest in Sachen klassische Antlitzbehaarung.
Im englischen Bournemouth startete der heute 38-jährige Karabits einen fantastischen Prokofjew-Zyklus auf CD. Auch Aufnahmen von Werken anderer Russen, sogar seines Vaters Iwan Karabits (1945–2002), sorgten so sehr für Aufsehen, dass der gut Deutsch sprechende Ukrainer als eines der derzeit vielversprechendsten Jungtalente überhaupt gelten kann. Ungewöhnlich auch deswegen, weil er vom rhythmischen Fanal eines russischen Dirigiervorgängers getrieben wird, dem kaum noch einer folgt. „Wegen Kirill Kondraschins Einspielung der 11. Sinfonie von Schostakowitsch bin ich überhaupt ­Dirigent geworden“, so Karabits über sein Vorbild.
„Am Ende seines Lebens schrieb Kondra­schin in einem seiner Bücher, er dirigiere inzwischen lieber schlechte Orchester als gute.“ Kondraschin interessierte nicht, ob am Anfang schon alles perfekt war. „So geht es mir auch!“, so Karabits, „obwohl ich selber noch ziemlich am Anfang stehe.“ Genau deswegen habe Karabits die Leitung des I, ­Culture Orchestra akzeptiert, mit dem er jetzt im Rahmen von Young Euro Classic nach Berlin kommt.
Der rhythmische Ansatz, den Karabits von seinem Vorgänger übernommen hat, mag für die Arbeit mit jungen Orchestern sogar besonders geeignet sein. Die großen Orchester­erzieher, darunter Simon Rattle, Toscanini und George Szell, zählten alle zur eher seltenen Spezies der Rhythmiker unter den Dirigenten. „Es ist fantastisch zu sehen, wie man mit einem solchen, noch unfertigen Orchester im Verlauf einer Woche mit den eigenen Händen etwas aufbauen und voranbringen kann.“ Alle Musiker von I, Culture sind unter 29 Jahren alt – und stammen aus genau sieben osteuropäischen Bündnis­staaten (­Polen, Armenien, Aserbaidschan, Weißrussland, Georgien, Moldawien und Ukraine).
„Das Orchester folgt einer politischen Idee – und profitiert von den immer noch sehr guten Ausbildungsstätten in ­Osteuropa“, so Karabits. Tatsächlich kommen aus den Ländern im Einflussbereich der ehemaligen Sowjet­union immer noch bemerkenswert viele sehr gute Musiker. Auch solche, die in Berlin zuletzt prägend waren. ­Petrenko stammt aus Sibirien, Tugan Sokhiev aus Nord­ossetien und Vladimir Jurowski aus Moskau. „Der Grund liegt in den vielen Musik­schulen in den Ländern der ehemaligen Sowjet­union, die schon mit Kindern auf professionellem Niveau arbeiten“, so Karabits. Diese Musikschulen gibt es meist heute noch. „Allerdings sind sie nicht mehr so gut, denn viele der besten Lehrer sind in den ­Westen abgewandert.“ Der Boom der russischen Musiktalente ist, so steht zu befürchten, ein Auslaufmodell.
Beim aktuellen Jahrgang von Young Euro Classic (Konzerthaus, 6. bis 23.8.) spielen die osteuropäischen Orchester immer noch eine wichtige Rolle. Aus Tiflis kommt das New Georgian Philharmonic (22.8.), aus Rumänien außerdem das Romanian Sinfonietta ­Orchestra (19.8.). Und das Young Euro Classic Peace ­Orchestra wird aus Musikern aus Russland, der Ukraine, Armenien und Deutschland gebildet (23.8., Leitung: Enoch zu Guttenberg) – und verbindet die osteuropäische Phalanx mit einer Friedens­mission.
Mit Kirill Karabits am Pult des I, ­Culture Orchestra hat man eines der heißesten ­Tickets der jüngeren Dirigenten am Start: für Rachmaninows Paganini-Variationen mit dem aus Charkiw stammenden Pianisten Alexander Gavrylyuk, einem Protegй ­Vladimir Ashkenazys, und für Janб?eks „­Taras Bulba“, eines der Meisterwerke der slawischen Orchestermusik schlechthin. Bei diesen Konzerten schließt das Festival zweifellos zum Niveau des normalen, vollprofessionellen Konzertbetriebs souverän auf – man ist nur jünger.

Text: Kai Luehrs-Kaiser

Foto: Sasha Gusov

Young Euro Classics 6. ­– 23.8, verschiedene Orte, Karten-Tel. 84 10 89 09, www.young-euro-classic.de

Kirill Karabits
dirigiert das I, Culture Orchestra im Rahmen des Young Euro Classic, Konzerthaus, Do 20.8., 20 Uhr

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