Konzerte & Party

Young Euro Classic

Young Euro Classic

Junge Leute finden Klassik und Literatur todlangweilig. Klischee. Poetry-Slams sind überall in Deutschland brechend voll. Warum also nicht das Konzept auf die Klassik übertragen? So hat der 28-jährige Geiger Simon Kluth (Foto) gedacht und den Composer-Slam erfunden, der im August auch Teil des Festivals Young Euro Classic im Admirals­palast sein wird. Seit 2013 organisierte Kluth schon neun solcher Composer-Slams, bei denen sich statt Poeten Komponisten mit ihren Werken dem Publikumsvoting stellten. An Poetry-Slams faszinierte ihn nämlich, mehr noch als die Texte selbst, vor allem das Format, „die unheimliche Energie, mit der die Künstler gefeiert werden“. Es gebe zu wenige Veranstaltungen in der Hochkultur, die viel Interaktion mit dem Publikum zuließen, „wo das Publikum entscheidet, wie der Abend wird“. Aber beim Slam eben doch.
Im Vorfeld des Young-Euro-Classic-Festivals haben junge Komponisten Ensemble-Stücke geschrieben, die sie dann im Admiralspalast mit der Jungen Deutschen Philharmonie aufführen, garniert mit Anekdoten, etwa zur Entstehung. Das Publikum kürt dann per Applaus den Sieger, und am Abend spielt das Orchester das Siegerstück abermals. Zu dem Happening kommt erfahrungsgemäß das typische Slam-Publikum: junge kulturbegeisterte Leute. Aber kaum die klassischen Musikstudenten. „Der Wettbewerb gibt nur den Rahmen an, den Spannungsbogen“, sagt Kluth, „und der Sieger ist auch nicht zwangsläufig der beste des Abends. Eine gewisse Unfairness bringt das Format natürlich mit sich.“

Young Euro Classic

Kluth hofft, dass er mit seinem Slam beim Festival Young Euro Classic verstärkt junge Leute für Klassik begeistern kann: „Es kommt besonders auf die Komponisten und Interpreten der Kunstmusik an. Dass sie einen Schritt aufs Publikum zugehen, ohne sich anzubiedern. Ich glaube nicht, dass die Menschen heute dümmer oder anspruchs­loser sind.“ Er selbst wagt diesen Schritt auch mit seinem Trio für Neue Musik: moderierte Konzerte, aber nicht als geschliffen musikwissenschaftliche Vorträge, sondern um eine Atmosphäre zu schaffen, in der sich das Publikum entspannen darf – „ohne Habitus und Verhaltensnormen zu bedienen“, wie er sagt. Darum geht es dem Festival Young Euro Classic auch insgesamt: „Der Zugang soll niedrig­schwellig sein“, sagt Gabriele Minz, die Festivalleiterin. Und: „Unser Publikum zeigt starke Reaktionen, gibt auch mal zwischen den Sätzen Beifall. Das entspricht nicht der klassischen Etikette, aber die gibt es ja auch erst seit 200 Jahren.“ Das Festival-Publikum ist durchaus gemischt, aber nicht ganz so „young“ wie die 1?000 Musiker selbst, von denen die meisten zwischen 18 und 28 Jahren alt sind: Nur ein Drittel des Publikums ist unter 35. Viele sind übrigens keine regelmäßigen Konzertgänger.
Erstmals findet das Festival im August im Admiralspalast statt . „Wir können dort nicht einfach das wiederholen, was wir in den letzten 14 Jahren im Konzerthaus gemacht haben“, so Minz. Jedes Haus habe seinen eigenen Spirit, dem man auf die Spur kommen müsse. Etwa mit dem legendär-skandalösen Wiener „Watschenkonzert“ von 1913, das die Junge Deutsche Philharmonie auf dem Festival nachspielt, mit Stücken von Anton Webern, Arnold Schönberg und Alban Berg.
Der Markenkern des Festivals bleibt die Präsentation hochkarätiger internationaler Jugendorchester wie das spanische Joven Orquesta Nacional de Espaсa und das Bundesjugendorchester. Rundherum gibt es wohl das vielfältigste Programm, das das Festival je hatte, auch mit dem Schwerpunkt „Klassik meets Jazz“, passend zur Showbühne. Chinesische Kun bringt man zur Aufführung – und hollywoodreife Operette. Vor 200 Jahren hat das Bürgertum Orchestermusik für sich entdeckt. Damit hat es Rituale verbunden, die den Zugang so manchem erschweren oder blockieren. „Wir gehen das Risiko ein“, sagt Minz, „uns der Musik wieder emotionaler zu nähern.“

Text: Stefan Hochgesand

Foto: Michael Tollkühn

Young Euro Classic Admiralspalast, 8.-17.8.

Weitere Informationen siehe www.young-euro-classic.de

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