Konzerte & Party

Zug der Liebe 2015

Zug der Liebe

Wer wünscht sich eigentlich eine neue Love­parade?  Neun Jahre nach der letzten Parade in Berlin und fünf Jahre nach der Katastrophe von Duisburg, bei der in einer Massenpanik 21 Menschen starben, ist der Wunsch nach einer Neuauflage der stilbildenden Veranstaltung der 90er offenbar immer noch da. Im Netz diskutieren unter anderen Facebook-Gruppen wie „Berlin Street Pa­rade Project“ mit über 14.000 Followern, ob es wieder eine derartige Parade geben sollte.

Nicht, dass es die erste Initiative in dieser Richtung wäre. In den vergangenen Jahren gab es eine Vielzahl durchgehend gefloppter Versuche, ein Love-parade-ähnliches Straßenfest auf die Beine zu stellen. Dabei versuchten unterschiedliche Gruppierungen, unter dem Namen „B-Parade“ einen Techno-Umzug auf der Straße des 17. Juni zu organisieren. 2012 hatten sich die Organisatoren beispielsweise 450.000 Menschen auf der Feiermeile am Tiergarten erträumt. Die Versuche scheiterten aber stets an der Finanzierung. Wie auch vor zwei Jahren das Projekt Love Convoy, das mit Crowdfounding-Finanzierung Technotrucks rund um den Lausitzring rollen lassen wollte.

Am 25. Juli gibt es nun stattdessen erst einmal den „Zug der Liebe“. Bei seiner Ankündigung Anfang des Jahres hatte er zunächst bei vielen Paradefans die Hoffnung geweckt, dass er die Loveparade-Form dieses Jahrzehnts werden würde. Die Nähe dieses Titels zur „Liebesparade“ der 90er- und Nullerjahre versetzte vor allem Technotouristen aus Holland und Polen in helle Aufregung.

Die Initiatoren Martin Hüttmann und Jens Hohmann, Veranstalter von „Open Air to go“, einer Serie kleinerer Partys unter freiem Himmel, stellten allerdings sofort klar, dass ihr Straßenumzug mit der Loveparade der ?späten Jahre wenig gemein habe. Eher sehe man sich als neue, lebensbejahendere Variante der Fuckparade (deren Name die sich bestens selbst erklärende Kurzform von „Fuck the Loveparade“ ist) oder einer weniger cannabis-orientierten Variante der Hanfparade – zwei Berliner Techno-Paraden,  die stets als politische Veranstaltung angemeldet werden. Während genau dieser Status der Loveparade 2001 vom Bundesverfassungsgericht aberkannt wurde und sie nach einer Pause von zwei Jahren als die kommerzielle Großveranstaltung durchgeführt wurde, die sie irgendwann auch war.

Der „Zug der Liebe“ tritt nun für „mehr Mitgefühl, mehr Nächstenliebe und mehr Engagement“ an. Im Einzelnen wird auf der Website ein sehr breites Spektrum von Zielen geboten, das wenig auslässt: Sie soll unter anderem eine Demo sein für „eine menschlichen Lösung der europaweiten Flüchtlingsproblematik“, „den Erhalt von Grünflächen“, „mehr Jugendförderung und Schutz“, einer „nachhaltige Stadtentwicklung“ und ein „tolerantes Zusammenleben ohne Pegida“.

Untermauert werden diese besten Absichten dadurch, dass diverse gemeinnützige Vereine (darunter der Verein Berlin 21, der Verein Straßenkinder  oder die Berliner Tiertafel) die Schirmherrschaft für einen der ungefähr zehn teilnehmenden Trucks übernehmen. Die sollen vor allen Dingen von Veranstaltern und Machern kleinerer Berliner Partys und Musik-Labels ausgestattet werden.

Dass bei aller Liebe, um auf die politischen Ziele aufmerksam zu machen, auch House und Technomusik auf den Trucks gespielt wird, sieht man als Berliner Tradition, Ausdrucksform der heutigen Generation und auch ganz offen als Maßnahme, die Attraktivität der Veranstaltung zu erhöhen. Jens Hohmann  sagt: „Sonst würden sich vielleicht 2.000 Leute dafür interessieren, nun kommen vielleicht 20.000.“

Zug der Liebe - Route

Optisch wird sich der „Zug der Liebe“ allerdings  deutlich von der Loveparade unterscheiden: Riesige Tanztrucks, auf denen Hunderte von Ravern feiern,  wird es nicht geben. Erlaubt sind lediglich 7,5-Tonner mit maximal fünf Personen Bedien-Crew an Bord. Konsequent hat der „Zug der Liebe“ alle Anfragen zur Teilnahme von Markenartiklern oder professionellen Truckbetreibern, die sonst Schlagermoves und ähnliche Festivitäten beschallen, abgesagt. Während sich hinter den meisten sonstigen Loveparade-Revival-Versuchen windige Geschäftemacher verbargen, gibt sich der „Zug der Liebe“ komplett unkommerziell.

„Manchen hat unsere Absage fassungslos gemacht“, sagt Hohmann. „Zum Beispiel Wagenbetreiber, die von ihren Monstergefährten geschwärmt haben, auf denen gegen Eintrittsgeld mehr  als 100 Leute tanzen könnten – genauso wie tatsächlich manche enttäuscht waren, dass wir gegen Pegida sind und uns wirklich als politische Demonstration verstehen“.

So werden die Fans einer großen Ballerveranstaltung an diesem Sonnabend vermutlich nicht sämtliche seit Jahren wacker konservierten Parade-Bedürfnisse erfüllt bekommen. Immerhin aber findet der „Zug der Liebe“ nach einigem Hin und Her mit den Behörden auf einer neuen Strecke von der Prenzlauer Allee via Schillingbrücke und Köpenicker Straße bis zur Eichenstraße statt – auf einer Route, die auch mal in den Planungen der Berliner Loveparade vorkam.

Deren Mitbegründer Dr Motte wünschte den Machern jedenfalls viel Glück. Auf seiner Facebook-Seite verloste er aber neulich dann doch lieber ein Plakat „seiner“ Loveparade von 1998. Aus den guten alten Zeiten.

Text: Jürgen Laarmann

Illustration: Tobias Meyer

Start:
Petersburger Str. zwischen Straßmannstr. und Bersarinplatz, Friedrichshain: Kundgebung mit den Unterstützern. 25.7., 14 Uhr

Afterparty: Im Birgit & Bier, (Schleusen­ufer 3, Treptow), im Arena Club und im Glashaus (beide Eichenstr. 4, Treptow), 22 Uhr

Alle Infos/Route/FAQs:
www.zugderliebe.org

Mehr über Cookies erfahren