Dream-Pop

Zur Hölle mit Trollen

Pascal Pinon – das sind die Zwillingsschwestern Ásthildur und Jófríður Ákadóttir. Den Winter hätte das Duo fast nicht überlebt

Fotoi: Magnus Andersen

Im November musste Jófríður Ákadóttir allein auf die Bühne steigen im Kreuzberger Monarch. Die Zwillingsschwester Ásthildur, so sagte es Jófríður dem Publikum, angeschlagen, könne nicht spielen, weil sie gerade in der Nervenheilanstalt sei. Kein Scherz. Emotional und zumal technisch eine Herausforderung. Eine Musiker-Freundin half in letzter Minute aus. Beeindruckend, aber Ásthildur hat doch schmerzlich gefehlt. „Wir werden wahrscheinlich nie wieder zusammen Musik machen“, sagte Jófríður (Foto rechts) hinterher dem tip. Und: „Depression ist so ein Tabu unter vielen Leuten, dabei betrifft es doch nicht wenige. Wir müssen besser werden, drüber zu reden.“

Welch Schicksal für eine Band, die das Siamesische von Anfang an betonte; der Bandname, den sie sich verpassten, als sie gerade mal 14 Jahre alt waren, ist eine Anspielung auf Pasqual (sic!) Pinon, der vor gut 100 Jahren in Mexiko als doppelköpfiger Mensch in Freak-Shows auftrat. „Wir hatten darüber in einem Buch über Anomalien gelesen“, erzählt Jófríður. Zwei Wesen in einem Körper. Die anderen beiden Gründungsmitglieder warfen sie folgerichtig raus.  „Irgendwann stellte sich die Frage: Bleiben wir Freunde? – Dann könnt ihr nicht in der Band bleiben.“ Die Entscheidung fiel zugunsten der Freundschaft.

Nun lief das mit Ásthildur und Jófríður Ákadóttir schon eine Zeitlang nicht mehr so rosig wie man meinen würde: Ásthildur studiert Komposition und Klavier in Kopenhagen. Jófríður lebt auf Island, wo sie Teil der halb-mainstreamigen Band Samaris ist, die auf One Little Indian veröffentlichen, dem Label von Leuten wie Björk, Sinéad O’Connor und Skunk Anansie. „Das Leben hat uns entzweigerissen“, sagt Jófríður. „Sundur“ heißt 2016 das vierte Album. Isländisch für: auseinander. Erschienen auf dem Berliner Label für Verträumt-Experimentelles: Morr Music.

Unschöne Diskussionen gingen dem Album voraus. Zwist über vermeintliche Details, die dann aber doch die Welt bedeuten: Hall-Effekte, Instrumentierung. „Wir sind uns bei nichts mehr einig“, so Jófríður. „Ich glaube, es lag nicht bloß daran, dass wir in verschiedenen Ländern leben. Anfangs fühlte sich für sie das (objektiv spannende) Album wie ein fauler Kompromiss an. Inzwischen aber wie ein guter: „Das ist auch ein Lernprozess, die Gesten des Andern wieder zu schätzen.“

Als die Mutter mit den beiden schwanger war, spielte sie Klarinette. Das wurde dann auch Jófríðurs erstes Instrument. Der Vater übernimmt auf „Sundur“ die Trompete, Persussion, Bass, Tuba und Drums. Und weil er Experimentalkomponist ist, bestand das Schlagwerk aus Flugzeugschrott und dergleichen. Man kann sich vorstellen, dass in dieser Familie beim Frühstück über Instrumente gestritten wird. „Gitarren sind dynamischer als Synthesizer“, meint Jófríður. Man könne sie mehr so kontrollieren wie die Stimme.“ Synthies möge sie schon auch ganz gern. „Aber die sind wie eine Welt für sich, in die man einsteigen muss. Ansonsten bleiben sie flach.“
Dann gibt es da noch dieses Klischee vom unnachahmlichen, aber zwangsläufigen Island-Sound. „ Diese Idee vom verwunschenen Island“, meint Jófríður sei ihr nun doch ein bisschen viel zu kitschig. „Ich schreibe nicht über Trolle oder andere Fabelwesen. Das wäre für mich nicht logisch, wenn unsere Musik infiziert würde von Klischees.“  Ein kleines Wunder ist nun aber doch drin am Ende des Winters: Die Zwillinge werden, so ist der aktuelle Stand, gemeinsam auf der Bühne stehen. Und wenn sie auch nicht siamesisch sind, so hoffentlich doch für den ein oder anderen Abend „saman“, wie sie auf Island sagen für: beisammen.

Grüner Salon der Volksbühne Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte, Fr 24.2., 21 Uhr, VVK 19,30 €

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