Konzerte & Party

Zwei Klassiker des Brasil-Fusion an einem Tag in Berlin

Sergio Mendes

Immerhin: Man hat an ihn gedacht. Auf „One Love, One Rhythm“, dem offiziellen Album zur Fußball-WM, ist auch Sйrgio Mendes vertreten. In seinem Song „One Nation“ geht es darum, wie gerne Menschen aus aller Welt gegen den Ball treten und einander begegnen. Der anfeuernde Gesang und die trommelreiche Musik erinnern an den afro-brasilianischen Sound im Nordosten Brasiliens. Im Werk von Bandleader und Keyboarder Mendes hat der Cross-over-Gedanke stets eine große Rolle gespielt. Er ist früh mit amerikanischen Jazzmusikern in Kontakt gekommen und hat die Alben mit der Band Brasil ?66 beim A&M-Label von Herb Alpert veröffentlicht. Er bediente sich bei der Auswahl seines Materials bei Künstlern aus der Heimat, aber auch bei Lennon/McCartney, Bacharach/David oder Otis Redding. In dieser Zeit gesellten sich bei ihm Elemente aus dem Rock oder Easy Listening zu denen aus dem Bossa Nova. An die Glanzzeit in den Sechzigern ist Mendes nie wieder herangekommen, aber das hat seinem Legendenstatus keinen Abbruch getan. Es hilft ihm, dass er in der Lage ist, seine Musik aktuellen Gegebenheiten anzupassen. An den Aufnahmen zu „Timeless“ aus dem Jahr 2006 waren The Black Eyed Peas, Erykah Badu, Justin Timberlake und Stevie Wonder beteiligt. Sein aktuelles Album „Magic“ ist dagegen mit Gästen wie Milton Nascimento und Seu Jorge wieder brasilianischer ausgefallen.
Arto LindsayArto Lindsay wird sich nie an Soundtracks für große Sportveranstaltungen beteiligen. Ihm ist grelle Gigantomanie zuwider. Der Sänger und Gitarrist war führendes Mitglied der Band DNA und eine der zentralen Figuren der New Yorker No-Wave-Szene. Er machte einen Haufen Krach und gab sich der Improvisation hin.
Bei den Ambitious Lovers, seinem ersten reiferen Projekt, hörte sich das schon anders an. Lindsay und Sideman Peter Scherer wandten sich Mitte der Achtziger dem Synthesizer-Funk, Post-Punk und Industrial-Rock zu, inkorporierten aber auch Einflüsse aus der brasilianischen Musik. Das war keine Kopfentscheidung. Lindsay wurde zwar in den USA geboren, ist aber zum großen Teil in Brasilien aufgewachsen. Seine Eltern waren Missionare und in dieser Funktion oft in dem südamerikanischen Land im Einsatz. So hatte der Sohn Gelegenheit, sich mit der Magie der Musik von Caetano Veloso, Os Mutantes oder Gilberto Gil auseinanderzusetzen. Diese Einflüsse sind noch mehr auf seinen Soloalben herauszuhören, die seit Mitte der Neunziger erschienen sind. Lindsay nutzt darauf komplementär Klangfarben aus der elektronischen Musik, dem Soul eines Marvin Gaye, der Folklore oder Kammermusik.
Leider hat er inzwischen kein großes Interesse mehr an dieser Melange. Sein Hauptaugenmerk gilt heute der Gestaltung und musikalischen Begleitung von Karnevalsumzügen in Brasilien und darüber hinaus. Vereinzelte Konzerte im klassischen Sinn gibt er dennoch. Dass er sich jetzt denselben Termin ausgesucht hat, an dem parallel auch Mendes in Berlin spielt, gehört sicher nicht zu den Glanzentscheidungen des Kulturbetriebs. Aber immerhin ruht an diesem Abend bei der WM der Ball. Pop.

Text: Thomas Weiland

Foto Sergio Mendes (oben): Andrew Southam

Foto Arto Lindsey (unten): Anitta Boa Vida

Sйrgio Mendes, Haus der Kulturen der Welt, John-Foster-Dulles-Allee 10, Tiergarten, ?Mo 07.07., 20 Uhr, ?VVK: 36 Euro zzgl. Gebühr

Arto Lindsay, Volksbühne, Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte, ?Mo 07.07., 20 Uhr, ?VVK: 26 Euro zzgl. Gebühr     

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