Musik und Corona

Konzertveranstalter Berthold Seliger: Rettungsfonds für Clubs und unabhängige Veranstalter dringend geboten

Auch die Musik leidet unter Corona. Über Konzerte und ihre Veranstalter in den Zeiten des Virus: Ein Gastbeitrag von Berthold Seliger, der als langjähriger Konzertveranstalter und Buchautor ein intimer Kenner der Kulturszene ist. Seliger sagt, dass selbst wenn Konzerte verschoben werden können, das einen kompleten Einnahmeverlust über Monate hinweg bedeutet

Berthold Seliger ist Publizist und seit 32 Jahren Konzertagent und Tourveranstalter. Er schreibt für den tip über die Bedrohung seiner Branche durch das Corona-Virus.
Berthold Seliger ist Publizist und seit 32 Jahren Konzertagent und Tourveranstalter. Zuletzt erschien sein Buch „Vom Imperiengeschäft. Wie Großkonzerne die kulturelle Vielfalt gefährden“ (Edition Tiamat, 2019, aktuell in der 3. Auflage). Foto: Matthias Reichelt

Jeder Artikel über den COVID-19-Virus sollte mit zwei grundsätzlichen Bemerkungen beginnen. Erstens: Unser Mitgefühl gilt den Tausenden Opfern der Pandemie, ob in Wuhan, im Iran, in Italien oder sonstwo. Und zweitens: Es wird immer wieder gesagt, dass der COVID-19-Virus ja nur für ältere Menschen und für Menschen mit Vorerkrankungen gefährlich sei, so, als ob es für eine Gesellschaft notfalls hinnehmbar sei, dass eben Ältere oder Menschen, die bereits schwer krank sind, sterben. Hier zeigt sich eine neue Form von Sozialdarwinismus, die für eine weitere Entsolidarisierung in unserer Gesellschaft steht. Das ist nicht hinnehmbar. In einer derartigen Krise müssen Menschen solidarisch zusammenstehen, statt egoistisch ihre Ellbogen einzusetzen.

Viele Fragen, viele fragwürdige Entscheidungenm

Die Eindämmung von COVID-19, das Verhindern der Ausbreitung des Coronavirus und allgemein die Gesundheit der Menschen und vor allem der Schwächsten haben oberste Priorität. Und wenn dazu das Verbot von Konzerten und Veranstaltungen mit mehr als 1.000 Besucher*innen zählt, wie es der Berliner Kultursenator Klaus Lederer frühzeitig für die staatlichen Bühnen und einen Tag später die Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci für alle sonstigen Veranstaltungen verfügt haben, dann ist das eine sinnvolle und verantwortungsvolle Maßnahme.

Man würde sich allerdings wünschen, dass neben Schulen, Hochschulen und Kindergärten  auch Fabriken und, ja: Kirchen (mit ihrem überdurchschnittlichen Senior*innenanteil, der am meisten gefährdeten Bevölkerungsgruppe) geschlossen werden, also Orte mit besonders vielen sozialen Kontakten. Und warum gibt es keine vereinfachten Gesundheitskontrollen vor Kaufhäusern und Supermärkten, wie sie in asiatischen Ländern selbstverständlich sind? Warum fahren U-Bahnen nicht in höherer Frequenz, damit sie nicht ständig überfüllt sind? Und warum dauert das so lange mit bundeseinheitlichen Regelungen anstelle eines Flickenteppichs?

Corona in Berlin: Leere Stuhlreihen in der Volksbühne: Berlins Kulturszene ist faktisch stillgelegt.
Leere Stuhlreihen in der Volksbühne: Berlins Kulturszene ist faktisch stillgelegt, Foto: imago images / Horst Galuschka

Und man fragt sich natürlich, wie die Verantwortlichen just auf die Zahl „1.000“ kommen, ab der sie Veranstaltungen verbieten? Warum nicht bereits 500? Oder 100, wie es in unseren Nachbarländern Holland und Österreich gilt (in Österreich für Outdoor 500)? Oder komplett? Es sind aktuell (am 16. März 2020) 50 Personen, die maximal an einer Veranstaltung teilnehmen können und auch das wird sich voraussichtlich ändern.

Viele infizierten sich in kleinen Lokalen

Bekanntlich hat sich (Stand 11. März.) das Gros der in Berlin Infizierten in zwei kleinen Lokalen angesteckt, wo sogar weniger als 100 Personen zugegen waren. Dass diese Lokale in den Medien als „Clubs“ bezeichnet werden, führt in die Irre, es sind eher Bars. Und wäre es nicht sinnvoll, die Epidemie und die Ausbreitung von COVID-19 dadurch zu verlangsamen, dass man das ganze Land einfach zwei oder drei Wochen in Corona-Ferien schickt? Von China lernen, hieße in dem Fall wohl tatsächlich siegen lernen…

Stattdessen gibt es für kleinere Konzerte und Veranstaltungen bis 1.000 Besucher*innen „Empfehlungen“: Bayerns Ministerpräsident Söder nimmt Veranstalter und Besucher in die Verantwortung, ohne die Veranstaltungen generell auszusetzen, und Bundesgesundheitsminister Spahn fordert Veranstalter auf, „auch über kleinere Zusammenkünfte kritisch nachzudenken“ – das kann man sich als Minister mit einem fünfstelligen Monatsgehalt natürlich prima leisten, die Konzertveranstalter und Clubs können es jedoch leider nicht.

Die stehen angesichts drastisch steigender Gewerbemieten und ständig steigender sonstiger Kosten, von Gema bis Personal, ohnehin längst mit dem Rücken zur Wand. Die Clubs erleben derzeit bereits einen drastischen Besucherrückgang, von 30 Prozent ist die Rede. Doch sie stellen sich ihrer Verantwortung, etwa das Berghain, das bis zum 19. April alle Partys abgesagt hat.

Die Clubs nehmen die Kontaktdaten der Besucher*innen auf, um bei Hinweisen auf Erkrankungen das Gesundheitsamt wie auch die anderen Besucher*innen informieren zu können; Desinfektionsmittel am Eingang sind bei allen Clubs längst Standard geworden. Das alles sind die berühmten Tropfen auf dem heißen Stein, wird jedoch leider nicht entscheidend weiterhelfen, zumal die Gruppe der 14- bis 30-jährigen als Hauptüberträger des Virus gilt.

Eine echte Einkommenskatastrophe

Vor allem aber: Die Clubs sind finanziell gar nicht in der Lage, drastische Einbußen durch Besucherrückgang oder gar Absagen und wochenlange Schließungen finanziell kompensieren zu können. Und das gilt ebenso für die unabhängigen Konzertveranstalter. Derzeit werden unter extrem hohem Druck allerorten Konzerte verschoben, was in Berlin angesichts des Clubsterbens der letzten Jahre besonders schwierig ist, weil es schlicht nicht mehr genügend Venues der Größenordnung 300 bis 1.500 gibt. Selbst wenn die Konzerte nicht abgesagt werden müssen, bedeutet das ja einen kompletten Einnahmeausfall über Monate hinweg sowie andererseits zusätzliche Kosten bei Werbung und Organisation.

Und dies betrifft nicht nur die unabhängigen Konzert- und Tournee-Veranstalter, sondern auch deren Personal und die Vielzahl von freien Mitarbeiter*innen im Veranstaltungsgeschäft – von Sound- und Lichttechnikern über Stagehands, Roadies und Barpersonal bis hin zu Busfahrern, Security und Tourmanagern. Sie alle verdienen bei Konzertabsagen und Verschiebungen schlicht gar nichts. Und da die meisten von ihnen selbstständig tätig sind und nicht wenige auf Mindestlohn-Niveau arbeiten, werden sie über Monate Verdienstausfälle zu beklagen haben, die nicht kompensiert werden – eine echte Einkommenskatastrophe.

„Die Großen haben Versicherungen (…), den Kleinen dagegen geht es an den Kragen“

Die wenigsten Konzertveranstalter können sich teure Ausfallversicherungen leisten, mal abgesehen davon, dass die Versicherungskonzerne alles dafür tun werden, im Epidemiefall nicht zahlen zu müssen. Das ist nun einmal ihr Geschäftsmodell. Der Berliner Großveranstalter DEAG behauptet, für all seine Veranstaltungen auch im Corona-Fall über Ausfallversicherungen zu verfügen – Versicherungen, die in die Konzerttickets eingepreist, also letztlich von den Fans bezahlt wurden. Bei kleineren Hallen- oder gar bei Clubkonzerten sind die enorm teuren Ausfallversicherungen nicht finanzierbar, die meisten Clubkonzerte sind ohnehin defizitär oder auf knirsch kalkuliert. Und wie zu hören ist, sind derzeit Ausfallversicherungen, die auch Corona beinhalten, gar nicht mehr auf dem Markt, aus naheliegenden Gründen.

Spahns hemdsärmliche Empfehlung

Es ist also wie so häufig: Die Großen haben Versicherungen und sind aus dem Schneider, sie müssen höchstens sinkende Aktienkurse bejammern (der Kurs der Aktien des deutschen Marktführers CTS Eventim ist in den letzten Monaten von über 60 Euro auf 36,52 Euro eingebrochen). Den Kleinen dagegen geht es an den Kragen. Und hier erleben wir noch einen besonderen Dreh, bei dem die hemdsärmelige „Empfehlung“ von Verantwortlichen wie Spahn besonders absurd wird: Im Fall einer eigenmächtigen Absage eines Konzerts wären die jeweiligen Konzert- oder Tourneeveranstalter alleine in der Haftung.

Sie müssten also nicht nur, was natürlich selbstverständlich ist, den Fans die Tickets erstatten, sondern sie müssten auch gegenüber allen anderen Vertragsparteien ihren Verpflichtungen nachkommen. Also die Künstlergage für ein gar nicht stattgefundenes Konzert bezahlen, aber auch die Miete für den Veranstaltungsort, die anteiligen Personalkosten für freie Mitarbeiter und so fort.

Im Fall einer gesetzlichen Auflage oder eines Veranstaltungsverbots durch die Behörden dagegen gilt „Force majeure“, also höhere Gewalt, und es müssen nur die Tickets erstattet werden, während alle anderen Vertragspartner ihre jeweiligen Kosten selbst bestreiten (was für Konzertveranstalter immer noch mit hohen Kosten verbunden ist, sie bleiben beispielsweise auf ihren Werbekosten sitzen).

Forderungen, die die Autoindustrie nie erleben würde

Insofern ist es naiv und letztlich inkompetent, wenn Politiker*innen die Veranstalter auffordern, sich ihrer „Verantwortung“ zu stellen und Konzerte selbst abzusagen. So etwas würden sie gegenüber der Autoindustrie nie wagen. Die Politiker*innen und Behörden müssen sich ihrer Verantwortung stellen, die von Ansteckungsgefahr gefährdeten Menschen schützen und die Konzertveranstalter und Clubs, also die kleinen und mittelständischen Kulturbetriebe, aus der weitergehenden Haftung nehmen. Sicher, das verlangt Courage, aber daran messen wir ja auch diejenigen, die wir in diese Ämter wählen.

In den Medien hören wir, dass „die Wirtschaft“ oder „die Finanzindustrie vom Coronavirus infiziert“ sei (nicht etwa die Menschen?), und die vom Fernsehen mit hohen Millionenverträgen gepamperten Fußball-Bundesligavereine barmen, dass ihnen bei Geisterspielen Einnahmeverluste entstehen (wobei sie nur 13 Prozent ihrer Gesamterlöse aus den Zuschauereinnahmen bestreiten). Die Konzertveranstalter, Clubs und Kulturzentren dagegen leben praktisch ausschließlich von den Eintrittseinnahmen.

Wer der Meinung ist, dass Konzerte und Clubnächte substantiell zur kulturellen Vielfalt der Gesellschaft beitragen und wichtige Orte der Zeitkultur darstellen, der muss dafür sorgen, dass umgehend ein nennenswert ausgestatteter und unbürokratisch gehandhabter Rettungsfonds für die von Umsatzeinbußen, Konzertabsagen und Verschiebungen betroffenen Clubs und unabhängigen Konzert- und Tourneeveranstalter sowie deren freie Mitarbeiter*innen eingerichtet wird.

Ein ähnlicher Fonds sollte zudem für geringverdienende freie Musiker*innen aller Genres zur Verfügung stehen, die durch Konzert- oder gar Tourneeausfälle massive Einkommenseinbußen hinnehmen müssen – zur Erinnerung: Freie Musiker*innen kommen laut Statistik der staatlichen Künstlersozialkasse auf ein Jahreseinkommen von gerade einmal 14.199 Euro, die unter 30-jährigen sogar nur auf 12.695.

Szene muss solidarisch zusammenstehen

Und es wäre schön, wenn die bestehende Krise auch dazu führen würde, dass die Politik, aber auch die einschlägigen Interessenvertretungen der verschiedenen betroffenen Berufszweige endlich erkennen würden, dass die Konzertszene aus Partnern besteht, die solidarisch zusammenstehen müssen: den Musiker*innen, den Clubs, den Konzert- und Tourneeveranstaltern samt ihren fest beschäftigten und freien Mitarbeiter*innen, und natürlich den Fans.

Leider ist auch in diesen Tagen allüberall, von der Staatsministerin für Kultur bis zur Linkspartei, zu hören, dass den „kulturellen Institutionen“ und den Musiker*innen schnelle Hilfen zukommen sollen, während die Clubs und die unabhängigen kleinen und mittleren Konzertveranstalter eher außen vor bleiben, weil die ja „Wirtschaftsunternehmen“ seien.

Für die großen Kulturinstitutionen des Bundes, der Länder und Kommunen haftet die öffentliche Hand als Subventionsgeberin; Einnahmeausfälle durch wochenlange Schließungen sind zwar misslich, gefährden diese Institutionen aber nicht in ihrer Existenz. Anders ist es bei den Clubs und den unabhängigen Konzertveranstaltern, die ohne Entschädigungszahlungen für abgesagte Veranstaltungen nicht überleben werden. Schnelle Hilfe tut Not.


Im Corona-Blog alle wichtigen Entwicklungen in Berlin. Es gibt Alternativen zu Konzerten: Was man während der Corona-Zeit zu Hause tun kann. Wichtig ist es auch, fit zu bleiben – mit Sport-Tutorials zum Beispiel. Das sind unsere Podcast-Tipps und das unsere Streaming-Tipps. Und zumindest eine gute Sache hat die Pandemie: Die Menschen rücken (im übertragenen Sinne) zusammen: Das ist die neue Corona-Solidarität. Immer aktuelle Informationen gibt es beim Bundesgesundheitsministerium.

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