Kino & Film in Berlin

„Kosslicks blinde Flecken“ von Bert Rebhandl

Der tip-Filmredakteur über den Berlinale-Chef Dieter Kosslick, die Gegenposition zur Berlinale und die "Woche der Kritik".

Bert Rebhandl

Die Veranstalter halten den Ball bewusst flach, aber es ist doch ein Signal: Mit einer Woche der Kritik formulieren junge Filmkritiker ausdrücklich eine Gegenposition zur Berlinale. Das ist das erste Mal, seit 1964 die damals ganz neuen Freunde der deutschen Kinemathek auf den Plan traten und einen Anstoß gaben, der später zum Forum führte. Das ist heute längst integrierter Bestandteil der Berlinale. Es war Dieter Kosslick, seit 2001 Direktor des wichtigsten deutschen Filmfestivals, der diese Integra­tion noch einmal kräftig voran­getrieben hat. Unter seiner Leitung, für die er kürzlich bis 2019 bestätigt wurde, wurde aus der Berlinale ein Riesen­festival, das in alle Richtungen hin die Fühler ausstreckt und an dem man allenfalls einen Mangel beklagen kann: Ein Impuls für die Filmkultur geht von ihm nicht aus. Das ist bei der Konkurrenz in Cannes deutlich anders, auch wenn man sich dort inzwischen auch verstärkt auf die Pflege der eigenen Marke verlegt und an Neugierde eingebüßt hat. Der umtriebige und charmante Festival­direktor Dieter Kosslick hat im Grunde nur einen blinden Fleck; es ist allerdings ein entscheidender. Er vermag, jedenfalls deuten die Programme der letzten Jahre darauf hin, zwischen Filmen nur nach sekundären Kriterien zu unterscheiden. Es sind Kriterien des Marktes, der internationalen Beziehungen, der wuchernden Filmbürokratien, der globalen Sichtbarkeit. Er ist damit ein exzellenter Vertreter einer deutschen Filmkultur, die ihre Unsicherheit häufig hinter einer Professionalisierung des Betriebs verbirgt. Dann stimmen eben schon einmal die Rituale, auch wenn es vielen Filmen an Klasse mangelt. Man muss Kosslick nicht daran messen, dass er kulinarisches Kino zu einem Festival­thema macht, dass er Sektion um Sektion erfindet (zuletzt NATIVe, als wäre die Berlinale eine Gesellschaft für bedrohte Völker). Es geht bei einem Festival dieser Bedeutung aber noch um etwas anderes: dass es den Betrieb nicht einfach für zehn Tage unter Strom setzt, sondern dass er ihn auch ein wenig mit sich selbst konfrontiert. Das ist von Dieter Kosslick nicht zu erwarten, dazu ist er zu sehr Funktionär, zu sehr an der Wurzel der Strukturen, zu wenig intellektuell. Die Woche der Kritik muss ihn nicht nervös machen, aber er täte gut daran, sich ein wenig herausfordern zu lassen.

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