Kultur & Freizeit in Berlin

Krauts und Rüben – English Comedy in Berlin

Vor wenigen Jahren gab es eine Show pro Monat. Doch jetzt kann man ­täglich English Comedy in Berlin sehen. Ein Streifzug durch eine Szene, in der deutsche Berliner üben können, über sich selbst zu lachen – notgedrungen

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Sieben Minuten für jeden Comedian: „Gemüsed“-Moderator Paul Salamone im Britzer Samehead. Foto: Spiegel / Eule

Wedding, der Szenetreff Kikisol, ein Dienstagabend. Auf der Bühne steht ein junger Mann mit dünnem Schnauzbart und Schiebermütze. Er erzählt gerade, wie er auf dem Weg hierher einen Hipster in einer Bank gesehen und gedacht habe: „Oh Mann, der Bezirk geht den Bach herunter!“ Aber dann hätte sich der Typ mit den altmodischen Klamotten und dem wüsten Vollbart zurück in seinen Schlafsack gelegt. Kein Hipster. Ein Obdachloser. Alles okay.

Lustiger Gag? Sicher. Noch lustiger ist es, wie ihn der Mann auf der Bühne, er heißt Stefan Danziger, tatsächlich erzählt. Nämlich auf Englisch. Obwohl er Deutscher ist. „On the way over here I saw a hipster guy – you know: with old clothes and a full beard – standing in a bank. Oh man, I thought, Wedding is going down the toilet! But then he got back in his sleeping bag. And I was like, whew, everything’s okay!“ Das Publikum im Kikisol lacht hysterisch auf. Ein paar Dutzend junge Menschen, die auf Sofas, Stühlen und dem Boden sitzen. Studenten, Künstler, Touristen. Viele Expats. Ein sehr internationales Publikum.

Denn bei der Comedy-Show „The Nose“, immer dienstags im Künstlertreff am Nettelbeckplatz, läuft alles auf Englisch. Es ist nur ein kleiner Ausschnitt einer vielfältigen Szene englischsprachiger Comedy in der deutschen Hauptstadt. Und sie wird immer größer. Ein Streifzug durch diese Szene ist ein überaus ungewöhnliches Vergnügen. Vielleicht kann man das ein bisschen mit Poetry-Slams vergleichen. Ohne ausgeschriebene Texte. Aber mit Peniswitzen.

Im Kikisol steht jetzt Perry Filippeos auf der Bühne, ein großer Schotte mit gigantischen Augenbrauen. Wenn er „p“ und „o“ in seinen Browser eintippe, so beginnt er, bekäme er als Vorschläge sowohl „Postbank“ wie „Pornohub“: „Ich mache mir Sorgen, dass ich mir lieber schnell einen runterhole, als mich um meine finanzielle Situation zu kümmern.“

Jeden Tag eine Expat-Show

Vor fünf Jahren gab es eine einzige derartige Show pro Monat in Berlin. Jetzt findet sich fast jeden Abend irgendwo ein offenes Mi­kro. Zeitgleich mit „The Nose“ läuft zum Beispiel dienstags eine Show in einem Rixdorfer Hinterzimmer, dem Sameheads in der Richardstraße. Ihr Name: „We are not Gemüsed“. Comedy im Siebenminutentakt. Mit Vollbart und Plastikbrille sieht Paul Salamone wie ein prototypischer arbeitsloser Grafikdesigner aus. Doch für seinen Nachtjob als „Gemüsed“-Unterhalter, gemeinsam mit seiner Kollegin Caroline Clifford, brennt der 36-jährige US-Amerikaner.

Kaum ist er vors Publikum gesprungen, hat er schon Gäste aus Österreich, Israel und Belgien anhand ihrer Akzente ausgemacht, sofort setzt es Witze über diverse nationale Klischees. Man kann das hier nicht aufschreiben, es würde ausgesprochen unanständig klingen. Aber live kommt es einem nicht chauvinistisch vor. Schließlich kriegen ja alle Nationalitäten ihr Fett weg.

Salamone wird später im Gespräch sagen, die Berliner Szene sei viel feministischer, queer-freundlicher und überhaupt toleranter als in den Hauptstädten der englischsprachigen Comedy, in New York, in London. Doch in Berlin kommen auch Themen zu Wort, über die Deutsche schwer lachen können. Wenn überhaupt. Geschmackssachen.

Zum Beispiel, wenn später am Abend im Sameheads Stephanie Tucci, eine jüdischstämmige Amerikanerin, erzählt, wie sie von Hipster-Freunden zu hören bekäme, sie sähe nicht cool genug aus. Sie solle sich tätowieren lassen oder die Haare abrasieren. „Ich weiß nicht“, antwortet sie. „Das ist so 1940!“ Manchmal wirkt eine solche Show wie eine Selbsthilfegruppe für Neuberliner, die sich über falsche Vorstellungen der Touristen lustig machen. Ein ganz anderer Effekt stellt sich für die meist wenigen deutschen Berliner im Publikum ein. Wenn man plötzlich von den Neuberlinern aus dem Ausland den Spiegel vorgehalten bekommt. Wie die Amerikaner, die Briten die Deutschen sehen. Man lernt dann auch zwangsläufig, über sich selbst mitzulachen, mit all den anderen.

Wenn der Expats-Humor von einem Deutschen kommt, ist das natürlich noch eine zusätzliche Ironieschleife. An diesem Dienstagabend ist nämlich auch Stefan Danziger in Britz, der Mann mit der Schiebermütze und dem lockeren Tonfall des professionellen Stadtführers („But please don’t say just: Führer“). Er beginnt so: „Ich bin ein deutscher Komiker – also immer sehr gut vorbereitet.“ Heiterkeit im Hinterzimmer. Dann arbeitet sich Danziger auf Englisch mit dick aufgetragenem deutschem Akzent lustvoll durch viele deutsche Klischees.

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