Kreisliga goes viral

Nina Lange hat mit ihren 25 Jahren schon eine Menge Karriereschritte hinter sich. Sie war Bundesligaspielerin, unter anderem bei Union Berlin und Turbine Potsdam, Nationalteam-Aspirantin und hatte das Potenzial, eine von den ganz Großen zu werden – hätten sie nicht etliche Verletzungen gezwungen, frühzeitig ihre Karriere zu beenden. Im Rahmen ihrer Möglichkeiten nahm sie weiterhin am Frauenfußball teil: durch Content auf Instagram und Co. als Influencerin.
Jetzt ist sie Cheftrainerin in der sechsten Liga – beim 1. Frauenteam von Eintracht Spandau. Sie ist das Gesicht des Teams. Damit nicht genug: Ihr Co-Trainer Malte Froehlich wurde 2018 als Trainer Kleinfeld-Weltmeister.
Wie passt das zusammen: ehemalige Stars in den untersten Sphären des Amateurfußballs?
Eintracht Spandau ist gegründet worden vom Influencer „HandOfBlood“ aka Maximilian Knabe. Der 33-Jährige hat 2010 mit Gaming-Content auf Youtube angefangen. Auf Twitch schauen ihm bis zu 20.000 Viewer:innen live zu, seine YouTube-Videos sehen mehrere Millionen. Soziales Kapital, das magnetische Anziehungskraft verleiht.
Normalerweise, wenn Influencer:innen zu Gründer:innen werden, kommen Energydrinks oder Modemarken heraus. Fußballvereine sind da eher selten. Das ändert sich gerade.
Neben Eintracht Spandau hat der erfolgreichste Streamer Deutschlands schon vor einigen Jahren in den Berliner Amateurfußball investiert. Elias „Eligella“ Nerlich hat 2,3 Millionen Follower:innen auf Twitch, bei seinen Livestreams schalten durchschnittlich mehr als 30.000 Menschen ein.
Die Influencer-Klubs sind Vereine neuen Typs: Dank des Social-Media-Fames ihrer Protagonist:innen gelangen sie trotz ihres Newcomer-Status zu einer riesigen Aufmerksamkeit. Ihre Aktivitäten werden online präsentiert – und dabei teils millionenfach geklickt. Daraus schlagen sie Profit.
Kritik an Influencer:innen in der Kreisliga
Kritiker:innen sehen darin eine Gefahr. Reichweite und finanzielle Mittel seien wettbewerbsverzerrend, die Vereine würden gute Spieler:innen anderen Teams wegnehmen, sie bekämen Vorteile bei den zuständigen Ämtern. Influencer:innen würden die Strukturen auf den Kopf stellen. Zumindest Elias „Eligella“ Nerlich pumpt als Mäzen jede Menge Kapital in den Delay-Sports-Kosmos.
Zurück zu Nina Lange und Eintracht Spandau: Inzwischen hat ihr Account 80.000 Follower:innen, ihre Videos erreichen Millionen Aufrufe. Regelmäßig berichtet die ehemalige Stürmerin über das Neueste aus der Welt des Frauenfußballs, spricht über Kontroversen und gibt ihren Senf dazu. Der Insta-Kanal des Vereins bezieht sich immer wieder auf Lange, die Queen von Spandau.
Mit einem Praktikum fing sie dort an. Reizvoll war für sie dann, dass sie eine Chefinnenposition bekleiden konnte. Außerdem ist ihr die Förderung von Jugend- und Frauenfußball wichtig. „Die Spiele der Frauen werden immer mitreißender. Auch ohne meine Tore“, erzählt Lange mit schelmischen Lächeln in einem Charlottenburger Café.
Ein Szenenwechsel: Delay Sports mit Standorten in Wilmersdorf, Lankwitz und im Olympiapark marschiert mit einem überqualifizierten Personal durch jede Liga. Das offiziell erklärte Ziel: möglichst schnell die Dritte Liga erreichen. Inzwischen ist Delay Sports nach Union und Hertha der Klub mit den meisten Mitgliedern in Berlin.
Inzwischen spielen sie in der Bezirksliga und kämpfen auch dort wieder um den Direktaufstieg. Sie starteten in der zehntklassigen Kreisliga C. Sollte es weiterhin so reibungslos laufen, würden sie 2030 ihr Ziel erreichen. Elias Nerlich, der Star-Influencer, spielt gemeinsam mit Streaming-Kollege Sidney Friede, der unter anderem auch in der Gamer-Szene unterwegs ist, sogar für die 1. Herrenmannschaft. Letzterer stand drei Jahre bei den Profis der alten Dame unter Vertrag. Weitere Spieler haben eine Vergangenheit beim FC Energie Cottbus oder bei Hertha BSC. Trainer Kevin Pannewitz hat als Spieler bei Wolfsburg und Rostock gespielt. Sie alle sind bei Delay, einem Siebtliga-Verein.
Das Frauen-Team von Eintracht Spandau hat ähnlich hohe Ansprüche. Aktuell belegt es Platz zwei und träumt vom direkten Aufstieg. Die Anfänge waren alles andere als leicht. „Misstrauen begegnet mir permanent, wenn ich mit Ämtern, mit dem Verband spreche. Wir werden oft erstmal nur als ,Influencer‘ abgetan und mit Delay in einen Topf geworfen“, erzählt Eintracht Spandau-Präsidentin Jasmin Ruhe. Der Vergleich hinkt: Spandau setzt auf Gemeinnützigkeit und vermarktet das online, beispielsweise mit Live-Streams von Spielen. Delay setzt auf Reichweite und feiert so sportlichen Erfolg.
Mit Delay Sports und Eintracht Spandau kommt frischer Wind in die Berliner Kreisliga
Beide Vereine befördern den Berliner Amateurfußball auf die große Bühne – mit guten wie schlechten Seiten. Vereine wie Eintracht Spandau und Delay Sports müssen sich die Fußballplätze mit etablierten Klubs wie Alemannia 06 Haselhorst und dem 1. FC Wilmersdorf teilen. Sie wachsen und beanspruchen Raum. Man muss kein Mathe-Ass sein, um zu erkennen, dass die Rechnung nicht aufgeht. Andere Vereine pfeifen aus dem letzten Loch, müssen sich ihre Plätze mit bis zu vier teilweise konkurrierenden Vereinen teilen.
Ein Teil des Problems liegt bei den zuständigen Bezirkssportämtern: Viele Plätze gehören den Bezirken, nicht dem Senat. Stellt der Staat also Mittel zur Verfügung, liegt es an den Bezirken, diese auf die Spielstätten zu verteilen. In den Bezirken herrscht ein großer Sanierungsstau, außerdem verteilen sie das öffentliche Geld nicht in gleichem Maße an die einzelnen Vereine.
Immerhin könnte Delay Sports bald für Entlastung sorgen: Gründer Nerlich hat ein gigantisches Trainingszentrum mit Naturrasenplätzen, Kunstrasenhalle und eigener Gastronomie angekündigt. Dafür wurde das rund 75.000 Quadratmeter große Gelände des ehemaligen Drittligisten Viktoria Berlin in Mariendorf gekauft. Mehr als 20 Millionen Euro sollen dafür in die Hand genommen werden – eine surreale Summe für einen Bezirksligisten.
Und das neue Gelände soll nicht nur Delay zugutekommen: Auch andere Vereine wie der BFC Preußen sollen beteiligt werden – inwieweit genau, wird im September bekannt gegeben. Ein Verein, der große Summen in die kaputte Infrastruktur investiert, die dringend neue Plätze gebrauchen kann. Spätestens 2028 soll es nutzbar sein, heißt es in der Regionalpresse.
Die Sportämter und der Senat machen es den beiden Jungvereinen schwer, stellen bürokratische Hürden, zeigen sich misstrauisch. Der Berliner Fußball-Verband jedoch hilft. Sie haben beide Klubs in den Verband aufgenommen, ohne dass beispielsweise Delay Sports die nötige Jugendabteilung und Schiedsrichter:innen im Verein hatte. Beim BFV freut man sich über Massen neuer Fans. „Als Delay das erste Freundschaftsspiel in Lichtenberg gemacht hat, waren da 2.000 Leute, die gekommen sind – eine immense Zahl. Nicht um Fußball zu gucken, das hat die nicht interessiert – die wollten ihre Idole sehen,“ sagt Joachim Gärtner, Präsidialmitglied für Spielbetriebe beim BFV.
Beim Berliner Fußball-Verband freut man sich über die Massen von neuen Fans
Andere sehen Bevorteilungen. Gerd Thomas, 1. Vorsitzender des FC Internationale aus Schöneberg, einem Verein ohne Influencer-Background, kritisiert besonders die Praxis von Delay Sports: „Dass Delay mit der massiven Unterstützung des Berliner Fußball-Verbandes Ausnahmeregelungen durchsetzen und gegründet werden konnte, ist wirklich nicht hinnehmbar.“
„Als wir uns dazu entschlossen haben, Delay aufzunehmen, gab es harte Kritik“, entgegnet Joachim Gärtner, der BFV-Mann, über die Verbandsentscheidung. „Im Endeffekt können wir sagen, dass wir mit beiden Vereinen sehr gut gefahren sind und zu der Entscheidung stehen.“ Man habe Delay einen Vertrauensvorschuss von zwei Jahren gegeben, um die Bedingungen für die offizielle Teilnahme an den Berliner Ligen zu erfüllen. Ob ein Verein ohne die Strahlkraft dieser Influencer eine ähnliche Sonderbehandlung bekommen hätte? Inzwischen hat der Verein die Bedingungen jedenfalls erfüllt.
„Was die Vereine machen, hat nichts mit Amateurfußball zu tun. Die Bedingungen sind einfach ganz andere“, bemängelt Gerd Thomas vom FC Internationale. „Wenn Elias möchte, dass sie in die Oberliga aufsteigen, dann wird er bei sich selbst im Portemonnaie genug Geld finden. Und das ist natürlich schon ein Schlag ins Gesicht für alle Vereine, die solide Arbeit eines Breitensportvereins machen.“
Dass die Vereine durch die finanzielle Tragkraft ihrer Gründer den Wettbewerb verzerren, ist einer der Hauptkritikpunkte. So soll Delay angeblich als Siebtliga-Verein Ablösesummen zahlen. Es wäre mehr als unüblich. Sonstige Vereine haben einfach nicht diese Kapazitäten.
Gerüchte, die nicht offiziell bestätigt sind. Delay Sports hat sich gegenüber tipBerlin nicht geäußert.
Die große Kreisliga-Bühne für Influencer:innen
Ob Spieler tatsächlich freigekauft werden, sei mal dahingestellt. Sie würden vermutlich auch freiwillig kommen. Ausrüstung wie Trikots und Schuhe, qualifizierte Trainer:innenteams und die große Bühne sind einfach attraktiv.
Schießen sie im Stream viele Tore oder fallen defensiv auf, sehen das natürlich viel mehr Menschen als bei gewöhnlichen Bezirksliga-Teams – insbesondere Talentscouts. Dass das Personal für die Ligaklasse überqualifiziert ist, liegt eben daran, dass die Spieler:innen und Trainer:innen bereit sind, zwei, drei Ligen tiefer zu spielen, um diese Vorteile zu genießen.
Doch was wollen die Influencer eigentlich im Amateurfußball?
Für Elias „Eligella“ Nerlich war es ein Kindheitstraum, den er sich mit Delay Sports erfüllen konnte. Bei Eintracht Spandau, dem Team um Maximilian Knabe und Jasmin Ruhe, will man Frauenfußball und Jugendarbeit im Bezirk fördern. Dass die Influencer:innen die Vereine nicht als Cashcow nutzen dürfen, ist im Vereinsrecht verankert. Geld darf nur zum Beispiel durch Mitgliedsbeiträge und Spenden eingenommen werden, Gewinne müssen zeitnah in den Verein reinvestiert werden.
Allerdings, und das ist der Haken, verdienen die Influencer:innen über die sozialen Medien indirekt am Verein. Zur Einordnung: Klicks auf YouTube, Instagram und TikTok bringen Einnahmen. Auf Twitch können Fans „subben“, also ein monatliches Abo von 4,99 Euro abschließen, oder „donaten“, also einen Betrag ihrer Wahl spenden.
„Eligella“ hat circa 60.000 Abonnent:innen und erzielt allein damit monatlich 150.000 Euro. Delay Sports mag zwar ein Herzensprojekt von ihm sein, ist aber dennoch auch eine weitere Contentsparte. Man kann davon ausgehen, dass diese Verdienste in die persönlichen unternehmerischen Existenzen der Influencer fließen.
Den Vereinen selbst kann man das Profitinteresse weniger vorwerfen. Jedenfalls ist das bei Eintracht Spandau so: Zum einen bekommen sie nicht so viele Views auf ihre Reels und Streams. Zum anderen fördern sie tatsächlich Frauenfußball und Jugendarbeit. Anziehend bleiben sie trotzdem. Ihre Währung sind überqualifizierte Mitarbeiter:innen wie Co-Trainer Malte Froehlich oder Präsidentin Jasmin Ruhe.
Eine Frage der Nachhaltigkeit
Wie nachhaltig diese neuen Vereine seien, fragt man sich beim BFV. Was passiert, wenn etwa Elias oder Sidney von Delay Sports keine Lust mehr haben? Ist der Verein dann strukturell gut aufgestellt?
Ob diese Klubs länger bleiben, muss man abwarten. Was klar ist: Sie schaffen es, auch Kinder für den Berliner Amateurfußball zu begeistern. Die Nachwuchssparten bei Eintracht Spandau sind äußerst begehrt. Bei Delay Sports hat man gerade die Kinder- und Jugendabteilung eröffnet.
Es ist natürlich unfair, wenn Delay und Spandau bessere Kader haben, tolle Ausrüstung stellen und finanziell nicht von Mitgliedsbeiträgen abhängen. Für die gegnerischen Mannschaften ist es dann aber auch nur eine Saison unfair – sofern sie denn immer weiter aufsteigen sollten.
Sie werden aber wohl auch irgendwann an ihren Zenit geraten – vermutlich schon vor der dritten Liga. Die Konkurrenz wird von Wettbewerb zu Wettbewerb eben immer stärker. Ein grenzenloses Durchmarschieren ist unwahrscheinlich. Sie haben auch nicht monströse Unsummen wie einst RB Leipzig. Jener Klub, der vom Red-Bull-Konzern mit gigantischen Investitionen in den deutschen Profi-Fußball befördert worden ist.




