Stadtleben und Kids in Berlin

Kreuzberger Kiezinitiative kauft Urban-Areal in Berlin

Vivantes hat einen Teil des Krankenhausgeländes am Urban an eine Kreuzberger Kiezinitiative verkauft

Urban_Foto_von_Jens-Berger
Vor genau 100 Jahren begann Alfred Döblin als Assistenzarzt im Urban-Krankenhaus. Insgesamt drei Jahre arbeitete der Mediziner in Kreuzberg. Dann musste er seine Arbeit in den Krankensälen aufgeben. Während der Krankenpflege hatte Döblin die junge Medizinalassistentin Erna Reiss kennengelernt. Als er sich 1911 mit ihr verlobte, verlor er seine Stelle im Urban, da Assistenzärzte im Krankenhaus wohnen und unverheiratet bleiben mussten. Geschadet hat diese Vorschrift Döblin eher nicht. So avancierte der Praktische Arzt und Geburtshelfer in den 20er Jahren zum politischen Feuilletonisten und schrieb den ers­ten modernen Großstadtroman: „Berlin Alexanderplatz“. Schreibende Ärzte waren im damaligen Berlin keine Seltenheit. Auch Theodor Fontane verdiente sich erst als Apotheker im Bethanien den Lebensunterhalt, bevor er als Autor Furore machte.

Auch heute arbeiten Mediziner nicht nur im Urban-Krankenhaus. Einige von ihnen haben zusammen mit Architekten, Lehrern und Designern auch die Kiezinitiative „Am Urban“gegründet und das Areal zwischen Urban-, Dieffenbach- und Grimmstraße gekauft. Insgesamt 18 denkmalgeschützte Gebäude und ein Bunker sind nun nicht mehr Teil des Klinikgeländes. Die rot-gelb geklinkerten, zwei bis drei Stockwerke hohen Häuser dienten bisher als Sta­tions­gebäude, Turnhalle und Heizhaus. Ab 2009 werden sie dann nach und nach umgebaut, um ein generationenübergreifendes Wohnen auf dem Gelände zu realisieren.Urbangebaeude_Foto_von_Jens-Berger
Die Bietergemeinschaft hatte Glück – und politische Fürsprecher. Wäre es nach Vivantes gegangen, hätte wohl der meistbietende
Investor den Zuschlag für die 26.000 Quadratmeter bekommen. Statt einer öffentlichen Ausschreibung entdeckten Anwohner im November 2007 ein zweiseitiges Exposй für die denkmalgeschützte Anlage im Internet bei Immobilienscout. Sie bewarben sich mit einem Kon­-zept zur Gebäudenutzung, Denkmalpflege und zum Städtebau und erhielten so Unterstützung durch den Bezirk, namentlich von Bezirksbürgermeister Franz Schulz.
Die bisher knapp 70 Personen zählende Initiative, von denen die meisten schon im Graefekiez wohnen, hat 13,5 Millionen Euro für die alten Urban-Klinikgebäude bezahlt. Insgesamt rechnen sie mit Sanierungs- und Umbaukos­ten der langen Flure und Betten­trakte in Höhe von 35 Millionen Euro. Auch der Bunker soll abgerissen werden. An seiner Stelle ist ein Kinderspielplatz geplant. In das ehemalige Operationshaus und das Heizhaus sollen eine soziale Einrichtung und eine Künstlergruppe einziehen. Auch ein Hotel und ein Cafй sind neben barrierefreien Appartements vorgesehen.
Ende 2010 soll dann alles fertig sein. Doch bis es so weit ist, sucht die Urbangemeinschaft noch nach weiteren Käufern dieses in­nerstädtischen Paradieses. Autofrei, im Grünen, in der Nähe des Urbanhafens und fußläufig zum Krankenhaus – nur Familien mit schulpflichtigen Kindern dürften das kritischer sehen. In den Schulen dieses Einzugsgebiets dominieren Schüler mit Migrationshintergrund die Klassen, und manchmal patrouilliert Wachschutz vor dem Schulzaun. Wer kann, zieht in bessere Stadtteile wie Mitte oder fährt seine Schulkinder in Kilometer entfernte Privatschulen. Doch wer sich davon nicht abschrecken lässt und schon immer mal da wohnen wollte, wo Alfred Döblin Pillen und Fieberthermometer verteilte, sollte an einem der kommenden Informationsabende der Kiezinitiative teilnehmen. Rund 40 Prozent der Wohnungen und Mehrgenerationenhäuser sind noch zu haben.

Text: Britta Geithe

Foto: Jens Berger

Infoabende im Seniorenzentrum Bethesda, Dieffenbachstraße 40, Kreuzberg,
jeden Freitag, 18 Uhr

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