Lyrik

„Kreuzzug mit Hund“ von Nora Bossong

Lyrik schärft den Blick: In ihrem neuen Gedichtband schreibt die Berliner Schriftstellerin Nora Bossong über Heimat und Fremde – und verortet damit sich und uns in der Welt

Foto: Heike Steinweg/ SV

Alles beginnt mit einem Seufzer. „Ach Europa“ steht über dem ersten von knapp 70 Gedichten von Nora Bossong, die gerade in dem Band „Kreuzzug mit Hund“ erschienen sind. Der Seufzer scheint ein Echo von Enzensbergers gleichnamigen „Wahrnehmungen aus sieben Ländern“ von 1987 zu sein. Mit ihrer Lyrik versucht die Wahlberlinerin, das Projekt Europa neu zu verorten. Ein Projekt, das sie als „Verwaltungschaos drapiert in Brüsseler Spitze“ beschreibt und zu einer „verschreckten Zwergin am Ende der Welt“ macht, mit der es dann aber doch „gut ausgeht“.

Darauf angesprochen, räumt die Charlottenburgerin ein, dass „dieses Konstrukt mit seinem Bürokratiekopf“ wenig Begeisterung hervorgerufen habe. „Es gab eine starke Müdigkeit. Alle haben sich zu sehr zurückgelehnt, zu viele Seifenblasen gekauft und sich zu wenige Gedanken gemacht. Ich glaube, viele haben die Demokratie als Selbstbedienungsladen empfunden“, erklärt Bossong an einem bedeckten Novembernachmittag in einem Café in ihrem Kiez beim Savignyplatz. Die Straßen draußen sind wie in ihren Gedichten beschrieben, „ausstaffiert mit nassem Laub“, als wollten sie beweisen, „dass Schönheit nichts bewirkt, zuhause nirgends ist.“

Doch draußen liegt nur der Plan, nach dem wir uns drinnen richten, schreibt sie. Also wenden wir uns drinnen ihren Gedichten zu, die in Miniaturen festhalten, was vor unserer eigenen Haustür und den Haustüren anderer geschieht. Das Politische ist dabei allgegenwärtig. Es gebe einen Aufbruch in ihrer Generation, sagt Nora Bossong: „Mir scheint, dass sich momentan wieder mehr Menschen engagieren – in Bündnissen, Initiativen und Foren. Ob das immer die richtigen Formen sind, da bin ich mir unsicher, manchmal ist mir das zu viel Glitzerfolie.“ Sie habe nichts gegen Spaß und Ironie in der Politik, aber das Engagement dürfe nicht aufhören, wenn der Spaßfaktor einmal mal nicht gegeben ist, mahnt sie.
Ironie findet man auch in ihren neuen Gedichten, etwa wenn sie davon schreibt, dass im „Bürgeramt“ nichts dem Beamten gehört – „nicht der Locher nicht der Bildschirm nur der Schlumpf im Blumentopf“. Oder wenn sie die thüringische Provinz als „ausgeknipste Gegend“ besingt, in der eine verwehte Norma-Tüte unsere Zivilisation bezeugt: „Was wir als Heimat begriffen: das Knistern erfrorenen Plastiks.“

Im Laufe der neun Zyklen, auf die Bossong ihre Gedichte verteilt hat, bewegt sich die weltgewandte Autorin aus dieser kalten und irgendwie traditionsvergessenen europäischen Heimat in wärmere, aber auch fremde Gefilde. Über Wien und Zypern geht es bis nach Jerusalem und Teheran.
Für die gläubige Katholikin waren diese Reisen mitunter auch spirituelle Erfahrungen. In der iranischen Hauptstadt begegnete ihr der Hund aus dem Titel dieses lyrischen Kreuzzugs, bevor er „zwischen zwei wartenden Wagen verschwand“. Bossong habe sich einen „eigenen West-östlichen Divan“ geschrieben, kommentiert der „Tagesspiegel“. Ihre Patenfreundschaft mit der syrischen Autorin Rasha Habbal im vielstimmigen literarischen Begegnungsprojekt „weiter schreiben“ hat dazu sicher beigetragen.

Ihre Gedichte sind auf Reisen oder im Alltag entstanden, wenn die Form passend erschien. Gerade sitzt sie an einem neuen Roman, nachdem im vergangenen Jahr ihre „Rotlicht“-Reportagen erschienen. Die Lyrik schärfe ihren Blick, sagt sie. „Die Zurückgenommenheit, das viele Weiß, das ein Gedicht umgibt, gibt etwas Raum und ermöglicht einen präziseren Blick auf die Wirklichkeit.“

Das schätzt sie an der Lyrik. Durch sie könne man „genaues Lesen lernen, man kann Bilder lernen, die Imagination schulen“. Mit zielgerichtetem Lesen von Lyrik in der Schule kann sie nichts anfangen. „Das Verständnis für Kunstgenuss oder Literaturgenuss kommt da doch viel zu kurz“, sagt sie. „Und wenn Sie hier nicht passen wollen dann fragen Sie sich bitte selbst was da nicht stimmt“, heißt es in einer der lyrischen Vignetten. Das ist „mit Rechten reden“ in lyrisch. Aktueller kann Poesie kaum sein.

Kreuzzug mit Hund von Nora Bossong, Suhrkamp Verlag, 101 S., 20 €

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