Kommentar

Kritik am künftigen U-Bahnhof Glinkastraße: Wie integer muss ein Namensgeber sein?

Ende vergangener Woche kündigte die BVG an, den U-Bahnhof M*hrenstraße in Glinkastraße umzubenennen. Nun kam raus, dass der russische Komponist eine antisemitische Oper vertonte. Warum hat das kein Verantwortlicher geprüft?, fragt sich Max Müller. Ein Kommentar und ein Ausblick auf die Folgedebatten.

Namensänderungen mit bitterem Beigeschmack: Der U-Bahnhof M*hrenstraße soll künftig nach dem russischen Komponisten Glinka benannt werden. Der hat allerdings eine antisemitische Oper vertont. Foto: Imago/Sattler, Collage: Tobias Meyer
Der U-Bahnhof M*hrenstraße soll künftig nach dem russischen Komponisten Glinka benannt werden. Der hat allerdings eine antisemitische Oper vertont. Foto: Imago/Sattler, Collage: Tobias Meyer

Es sollte der Clou zum Wochenende werden. Ohnehin gilt bei der BVG seit Beginn der Kampagne „Weil wir dich lieben“ das Credo: Je spektakulärer, desto besser. Sarkasmus und Ironie funktionieren immer. Nun ging es allerdings um ein politisches Zeichen. Wenngleich die Berliner Verkehrsbetriebe nicht berechtigt sind, Straßennamen zu ändern, dürfen sie das im Falle ihrer Bahnhöfe sehr wohl. Die Ankündigung: Der U-Bahnhof M*hrenstraße soll künftig Glinkastraße heißen. Im Netz wurde die Ankündigung teilweise sehr gefeiert – denn die Diskussion um den Namen der M-Straße schwelt schon seit einigen Jahren. Organisationen wie die Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland Bund e. V., Berlin Postkolonial und zahlreiche andere Aktivist*innen setzen sich seit Jahren für eine Umbenennung ein, da der Name der Straße ihrer Argumentation nach an den europäischen Sklavenhandel erinnere. Die Aktion der BVG wirkte dann inmitten dieser festgefahrenen Diskussion fast wie ein Befreiungsschlag.

Glinkastraße erinnert an einen fragwürdigen Komponisten

Nun aber kam raus: Auch ein klassischer Komponist ist nicht notwendigerweise frei von moralischen Verfehlungen. Die von Michail Iwanowitsch Glinka 1840 vertonte Oper „Fürst Cholmskij“ spielt mit antisemitischen Sujets und thematisiert eine vermeintliche jüdische Weltverschwörung. Wer sich in den vergangenen Wochen mit der Schwurbler-Szene beschäftigt hat, weiß, dass das keine überholten Geschichten längst überwundener Zeiten sind, sondern jüdische Weltverschwörungstheorien à la „Die Protokolle der Weisen von Zion“ derzeit eine traurige Renaissance erleben.

Der Clou ist längst zum PR-Fiasko geworden

Man fragt sich zurecht, wie es bei der BVG zu dieser Entscheidung kam. Hat sich in deren Führungsetage wirklich niemand vorher auch nur einen Wikipedia-Artikel durchgelesen? Und falls doch, muss doch klar gewesen sein, dass es nur eine*n findige*n Journalist*in braucht, um einen neuen Skandal zu wittern. Der Clou ist längst zum PR-Fiasko geworden.

Was bleibt, sind zwei Fragen.

Zum einen: Wie integer müssen Namensgeber für Straßen, Bahnhöfe und Plätze in der heutigen Zeit sein? Setzt man den absoluten Anspruch an, würden wohl viele Straßen ihre Namen verlieren. Aber ist das wirklich so problematisch? Angesichts der Tatsache, dass nach dem Mauerfall der halbe Osten neu benannt wurde, zeigt, dass es funktioniert, wenn nur der politische Wille gegeben ist. Ein Kompromiss wären erklärende Tafeln. Doch die Diskussion darüber steht noch ganz am Anfang.

Zum anderen: Wie geht es nun mit dem Bahnhof M*hren- respektive Glinkastraße weiter? Man muss zugeben, einfach wird eine nochmalige Umbenennung nicht. Die Auswahl ist aber auch wirklich bescheiden. Wilhelmstraße? Den Soldatenkönig zu ehren, würde wohl heißen, Militarismus und Preußentum zu stilisieren. Scheidet also aus. Mauerstraße? Klingt nach Teilung, die will man im 30. Jahr der Wiedervereinigung längst überwunden wissen. Jägerstraße? Würde vielleicht am Ende noch die Wut radikaler Veganer auf sich ziehen. Bliebe noch die Taubenstraße. Die kennt zwar keiner. Aber Tauben passen ganz gut zu Berlin, die sind ja überall. Und moralisch integer sind sie auch.

Mitarbeit: Aida Baghernejad


Veranstaltungshinweis Sonderführung „Endstation Mohrenstraße“ mit Mnyaka Sururu Mboro und Christian Kopp vom Verein Berlin Postkolonial, Do. 9.7., 10 Uhr, Anm. per Mail unter [email protected]


Mehr zum Thema Rassismus in Berlin

Die Debatte um Rassismus in der Gesellschaft sollte nicht nur in den USA geführt werden, findet unsere Kollegin Aida Baghernejad. Rassismus gibt es auch hierzulande, und das jede Menge. So könnt ihr dagegen vorgehen: eine Liste mit empfehlenswerter Literatur.

In Berlin gibt es viele Initiativen, die über die Perspektive Schwarzer Menschen in der weißen Mehrheitsgesellschaft informieren und Klischees hinterfragen: Wir stellen einige davon vor.

Rassismus findet sich auch im Mainstream. „Otto – Der Film“ ist bis heute der erfolgreichste deutschsprachige Film aller Zeiten. Doch die Komödie ist voller rassistischer Klischees. Ein Kommentar von Jacek Slaski.

Mehr über Cookies erfahren