Debatte

Kulinarische ­Aneignungsprozesse: Wo kommt dein Essen her?

Wer darf eigentlich Hip-Hop hören, Dreadlocks tragen, Hummus machen? Die Debatte um Kulturelle ­Aneignungsprozesse ist gegenwärtig in aller Munde. Und wird gerade auf dem Feld des Kulinarischen verbissen geführt. Eine Bestandsaufnahme

Tobias Meyer

Nein, diese Frisur saß nicht. Und so hat sich der amerikanische Modemacher Marc Jacobs im vergangenen Herbst schlussendlich dafür entschuldigt, weiße Modells mit Dreadlocks auf den Laufsteg geschickt zu haben. Schließlich, so der Vorwurf, seien Dreadlocks eine widerständige Geste aus der afroamerikanischen Kultur. Dann müsse man schwarzen Frauen aber auch untersagen, sich die Haare mit dem Glätteisen zu glätten, giftete Jacobs daraufhin via Instagram. Und ruderte, wie gesagt, schnell zurück.

Die Debatte um solch kulturelle Aneignungsprozesse, sie steht spätestens seit diesem „Dreadgate“ im Raum. In den USA, in Europa, in Berlin. Die Annahme: Die Privilegierten, die Bessergestellten, die weiße Mehrheitsgesellschaft schmückt sich mit den Frisuren, den Moden, dem Gestenrepertoire und der Küche der afroamerikanischen Kultur. Oder, auf Europa übertragen, der Arbeiterklasse, den Migrantenkulturen, der Unterschicht. Und interessanterweise haben sogar die Schimpfwörter, die diese Debatte in den (Sozialen) Medien grundieren, eine kulinarische Komponente: Weißbrot oder Kartoffel, das ist der weiße Mittelschichtsmensch.

In der Tat: Diese Debatte muss geführt werden. Zeigt der Erfolg von Projekten wie „Über den Tellerand kochen“ doch so explizit wie wunderbar, dass es gerade das Kochen und das gemeinsame Essen zum kultureller Ausdruck und Distinktion für jene werden, denen ansonsten alle Ausdrucksmöglichkeiten genommen worden sind. Geflüchtete aus Syrien und Nordafrika finden am Herd zu einer neuen Sprache, neuem Selbstbewusstsein und manchmal auch zu einem neuen Job. Aber kann das im Umkehrschluss bedeuten, dass kein Restaurant, zumindest keines, dass von einem weißen Westeuropäer geführt wird, Hummus anbieten darf?

Der Kulturwissenschaftler Wolfgang Kaschuba, Gründungsdirektor des Instituts für empirische Migrations- und Integrationsforschung der HU Berlin, vermeidet eine allzu einfache Antwort. Zum einen „weil das Konzept der Indentiät viel komplexer, ja komplizierter ist“. Zum anderen „weil gerade im Austausch, in der Reibung Neues entsteht, auch neues Verstehen.“ Ohnehin plädiert Kaschuba dafür, das Konzept der Authentizität in kulinarischen Dingen zu überdenken: „Auch die Käsespätzle auf dem Street-Food-Markt sind ja selten das Originalrezept der Großmutter vom Land. Das sind viel eher junge Leute, die in der Großstadt von dieser Sehnsucht und sicher auch dem Hype nach dem Ursprünglichen und Handwerklichen erfasst worden sind.“

Olivier Witzkewitz kuratiert den Street Food Thursday in der Kreuzberger Markthalle Neun. Einen Street Food Markt, der vor fünf Jahren ja gerade mit dem Versprechen angetreten war, von einer einfachen, ehrlichen Küche und den damit oft einhergehenden einfachen Verhältnissen authentisch zu erzählen. Wann die Debatte um „Cultural Appropriation“ auf dem Street Food Thursday angekommen ist? „Wir hatten hier einen deutschen Koch“, so Witzkewitz, „der sich in den Klischees der von ihm präsentierten Landesküche kostümiert hat.“ Ein falscher Hase also, um im Thema zu bleiben.

Witzkewitz unterband diese Maskerade. Und rät seinen Street-Food-Händlern seitdem, gerade die Geschichte der eigenen Aneignung einer „fremden“ Küche zu kommunizieren und in Szene zu setzen. Am Ende könnte man es auf diese Formel bringen: Jeder kann, das nötige Talent und die nötige Aufrichtigkeit vorausgesetzt, jede Küche dieser Welt präsentieren. Repräsentieren aber kann er sie nicht.

Wir erinnern uns: Um die Jahrtausendwende feierten Literatur und Kunst das Zitat, die Popmusik den Remix, in Restaurants gab es nun Fusionküche. Das Authentische war irgendwie verdächtig geworden. Heute fordern wir wieder diesen festen Grund. Mindestens der Küche hat das gut getan. Nicht nur, weil sich in Berlin heute Läden wie das Nobelhart & Schmutzig an einer Archäologie der Brandenburger Ackerfurchen machen. „Brutal-Lokal“ und radikal saisonal. Aber: Auch ein Dylan Watson (Ernst) oder ein Micha Schäfer (Nobelhart) haben sich eine Küche angeeignet, ja in vielen Momenten haben sie sie erst erfunden. Daran ist nichts autenthisch – außer den komplizierten Bedingungen, unter denen Steckrübe und Sternfrucht im Fläming gedeihen. Oder eben gerade nicht.

Daniel Lambert ist Brite, Koch, und ein richtiger Working-Class-Lad mit breitem Akzent und schiefen Zähnen. Als Khwan macht Daniel Lambert auf dem RAW-Gelände das beste Thai-BBQ mindestens dieser Stadt. Ist das jetzt „real“, weil Lambert in den ganzen guten thailändischen Restaurants in London gelernt hat, wie eine zeitgenössische asiatische Küche funktioniert? Oder ist auch er wieder nur einer von denen, der da mit fremden Federn kocht? „Ich bin mit britischem Indie-Pop aufgewachsen“, erzählt Lambert, „Bands von The Jam bis zu den Libertines, die so nie geklungen hätten, hätten sie nicht den schwarzen Soul oder den Ska der jamaikanischen Einwanderer inhaliert.“
Genau so versteht Daniel Lamert seine Küche. Und genau deshalb laufen im Khwan eben The Jam und The Libertines – und keine thailändische Folklore.

Street Food Thursday in der Markthalle Neun, Do 17–22 Uhr,Eisenbahnstr. 42/43, Kreuzberg, www.markthalleneun.de
khwan auf dem RAW-Gelände, Mi-Sa 18-22.30 Uhr, Revaler Str. 99, Friedrichshain, facebook.com/khwanberlin
Nobelhart & Schmutzig Friedrichstraße 218, Kreuzberg, Di-Sa 18.30-2 Uhr, www.nobelhartundschmutzig.com

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