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10 Jahre „Gutes Wedding, schlechtes Wedding“ im Prime Time Theater

10_Jahre_PrimeTime_Gruppe-GWSW_cmyk.Erste Folge, erste Sätze: „Meine Name ist Murat, Murat Ölgür, isch bin Dönertaxifahrer, wisst ihr, wo isch vor Kurzem ausgeliefert hab? Nach Charlottenburg!“ Großer Lacher. Riesenerleichterung. Es funktioniert! „Wir haben vor 20 Leuten gespielt, zwölf davon waren Journalisten“, erinnert sich Oliver Tautorat. Sie hatten im Vorfeld ordentlich Werbung gemacht: Neues Theater im Wedding! Blockbuster zur besten Sendezeit! Es war die Geburtsstunde der Theater-Soap „Gutes Wedding, schlechtes Wedding“. Titel der Folge: „Die Party“. Der Schauplatz: eine Wohnzimmerbühne an der Freienwalder Straße. Das Datum: der 10. Januar 2004. „Wenn mir damals jemand prophezeit hätte, dass wir zehn Jahre später damit immer noch Erfolg haben, hätte ich nur gefragt: `Und wovon träumst du nachts?`“, versichert Tautorat, der zusammen mit der Schauspielerin und „GWSW“-Autorin Constanze Behrends das Prime Time Theater im Wedding aus der Taufe gehoben hat. Anfangs ein pures Spaßprojekt. „Wir hatten beide Lust auf Sitcom, wir mochten das etablierte Theater nicht“, so Tautorat. Unterhaltung muss sein, war die Devise.

Zehn Jahre und drei Umzüge später steht die große Best-of-Show zum Geburtstag an. „GWSW“ läuft in der 88. Folge, mittlerweile vor 230 Zuschauern. Die Serie, immer noch von Alleinautorin Behrends geschrieben, hat Kultfiguren geboren wie den Dönerbuden­besitzer Ahmed, den prolligen Postboten Kalle, die sächselnde Arbeitsamtsleiterin Heidemarie. Und natürlich Claudio, den Latte-macchiato-Künstler, auch bekannt als Prenzlwichser. Von Beginn an wurden die Vorbilder der Figuren von der Straße rekrutiert und lustvoll überzeichnet – aber nie der Lächerlichkeit preisgegeben. Die Sitcom spielt mit dem rauen Multikulti-Charme des Bezirks und bestärkt das Wir-gegen-die-Gefühl der Underdogs.

„Unsere Themen sind ja durchaus politisch“, sagt Tautorat, selbst klassisch ausgebildeter Schauspieler, „Einbürgerungstest, Ostalgie, Gentrifizierung.“ Nur eben mit komödiantischen Mitteln und vor allem selbst­ironisch erzählt. Im Laufe der Zeit haben sich die Spott- und Feindbilder zwar gewandelt, „Richtung Esoterik, Familie, Kita“. Es treten neben dem Prekariats-Personal jetzt Weicheier in der Männerstillgruppe und Aroma­therapeutinnen mit Yogafimmel auf.

Klar, der Hype ums Prime Time Theater hätte unfreiwillig zur Gentrifizierung des Viertels beitragen können. Aber die sieht Tautorat doch langsamer voranschreiten als anderswo. „Der rote Wedding ist ja für Widerstand bekannt.“ Zum Problem wurde die eigene Erfolgsgeschichte ab einem gewissen Zeitpunkt eher aus finanzieller Sicht. Sie gibt ein Beispiel davon, wie aus Künstlern Learning-­by-doing-Unternehmer werden. Mit jedem Umzug, von der Freienwalder über die Osloer an die Müllerstraße, stieg die Zahl der Plätze und der Mitarbeiter. „Die Verantwortung wuchs, der Verwaltungsaufwand auch.“ Ab 2007 erhielt die Bühne Basisförderung, 50?000 Euro pro Jahr. „Das haben wir aber nicht in die Strukturen investiert, sondern in vier zusätzliche Stücke pro Jahr“, sagt Tautorat. 2009 flossen europäische Fördergelder und Lottomittel, um den Umbau der heutigen Spielstätte – Tür an Tür mit der SPD im Kurt-Schumacher-Haus – zu ermöglichen. Mit der regelmäßigen Förderung war jedoch ab 2010 Schluss.

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Dass die Einnahmen aus dem Karten­verkauf den Etat nicht ausreichend decken, liegt auch daran, dass hier der Volkstheaterbegriff ernst genommen wird. „Hartz-IV-Empfänger beispielsweise zahlen bei uns acht Euro“, „und das Kontingent an ermäßigten Tickets ist nicht begrenzt.“ Der Spitzenpreis von 18 Euro, Freitag und Samstag an der Abendkasse, werde „nur ab und an erzielt“, so Tautorat.

Er hat das auch der Politik klarzumachen versucht, er hat bei jeder Gelegenheit Klaus Wowereit und andere Kulturverantwortliche abgefangen und für seine Bühne geworben. Letztendlich mit Erfolg. Das Prime Time Theater bekommt jetzt seinen eigenen Haushaltstitel mit 120?000 Euro Förderung pro Jahr. Nicht die Welt, aber eine Basis. Was Tautorat aber fast noch wichtiger ist: „Bei der Kulturpolitik findet langsam ein Umdenken statt.“ Intelligente Comedy wird endlich ernst genommen.

Text: Patrick Wildermann

Foto: Vinzenz Fengler

GWSW-Classics: Best of 10 Jahre GWSW Prime Time Theater, Fr 10.1., 20.15 Uhr (Premiere), Sa 11.?–?Mo 13.1., 20.15 Uhr, Karten-Tel. 49 90 79 58

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