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„11 Freunde“- Chefredakteur Philipp Köster im Gespräch

phillip_koestertip Hat die „11 Freunde“-Redaktion ihre Tickets zur WM in Südafrika schon gebucht?
Philipp Köster Ich fahre nicht nach Südafrika. Aber zwei Kollegen fahren, dazu ein paar freie Mitarbeiter. Die freuen sich schon, gerade weil es keine perfekte WM wie in Deutschland wird. Und vor allem: Die WM soll ja den Durchbruch für den afrikanischen Fußball bringen.

tip Und? Kommt der Durchbruch für den afrikanischen Fußball?
Köster Anspruch und Wirklichkeit werden auseinanderklaffen. Die spezifische Fußballleidenschaft eines Landes wird ohnehin immer mehr von einer globalisierten Feierkultur überdeckt. Deswegen sind große Turniere oft weniger reizvoll als Ligaspiele. Das hat man bei der WM 2006 gesehen. Bei großen Turnieren geht es weniger um die spezielle Art, wie ein bestimmtes Land Fußball feiert, sondern eher darum, eine fernsehgerechte Form des Feierns zu finden. Deswegen waren die Fanmeilen auch so erfolgreich: Optisch wurde das Bild eines Pseudostadions inszeniert. Außer den betrunkenen Jugendlichen wird aber jeder, der selber auf der Fanmeile war, festgestellt haben, wie grauenhaft solche Meilen sind. Ständig rempeln dich irgendwelche Leute an, Betrunkene lallen die Deutschlandhymne vor sich hin, alles ist überteuert, und der Schnitzelteller heißt „Golden Goal“.

tip Andererseits ermöglicht Public Viewing ein gemeinsames Fußballerlebnis, das viele Fans nicht missen wollen.
Köster Gegen öffentliches Fußballgucken habe ich nichts. Das kann sehr viel Spaß machen. Dieses Gemeinschaftsgefühl von denen, die sich keine Karte leisten oder aus anderen Gründen nicht am tatsächlichen Ort des Geschehens sein können, finde ich super. Auf den kommerziell organisierten Fanmeilen geht es aber nur noch darum, möglichst viel Geld aus den Leuten rauszupressen – und wer den albernsten Deutschlandhut auf hat. Mit Fußballkultur hat das wenig zu tun.

tip „11 Freunde“ versteht sich als „Magazin für Fußballkultur“. Was bedeutet das?
Köster Den Kulturbegriff kann man ruhig sehr allgemein fassen. Das fängt an beim Panini-Bild-Sammler, der alles daransetzt, um an die fehlenden Bilder für sein WM-Album von 1978 zu kommen. Oder aber der Radiohörer, der mit dem Weltempfänger brasi­lianische Fußballübertragungen verfolgt. Oder der Fanzine-Macher, der vor dem Stadion im Regen steht und Hefte verkauft – wobei es inzwischen mehr in Mode gekommen ist, einen Fanblog im Internet zu schreiben. Zur Fußballkultur gehören Radiokommentatoren, die es schaffen, mehr von einem Spiel zu erzählen, als nur das, was auf dem Rasen passiert. Und zur Fußballkultur gehören auch die weniger guten Seiten, die Unkultur, wenn sich zum Beispiel die Politik des Fußballs bemächtigt und kein Wahlkämpfer mehr ohne Fußballer-Phrasen auskommt – dass man zwar 2:0 hinten liegt, aber noch den Ausgleich machen wird. Angela Merkel kann auf der Eh­rentribüne mitjubeln, obwohl sie überhaupt keine Ahnung von Fußball hat. Neben dem Wetter ist Fußball eines der letzten Dinge, bei denen jeder mitreden kann, ohne irgendetwas dafür zu tun.

tip Was bedeutet es, wenn man ein Fan von Arminia Bielefeld ist, so wie Sie und einige andere von „11 Freunde“?
Köster Im besten Fall gilt man als skurriler Vogel. Der Vorteil: Als Bielefeld-Fan bringt man bequem den Nachweis, dass man leidensfähig ist und nicht nur wegen des Erfolgs hinrennt. Der Verein gurkt seit ewigen Zeiten zwischen erster und zweiter Liga herum und gilt völlig zu Recht als graue Maus. Wobei ich zunehmend merke, dass es überhaupt nichts mehr bedeutet, wenn man sagt „Ich bin ein Fan von Arminia Bielefeld.“ Das ist die negative Seite der Volkskultur: Jeder kann heute sagen, er sei Fan von diesem oder jenem Verein, ganz egal, ob ihm das gerade eingefallen ist, oder ob er seit 1992 kein Auswärtsspiel mehr verpasst hat.

Philli_Koestertip Bei „11 Freunde“ arbeiten heute über 20 Leute. Als ihr vor knapp zehn Jahren gestartet seid, wart ihr zu zweit und habt hauptsächlich aus der Fanperspektive über Fußball geschrieben.
Köster Das Heft war in den Anfangsjahren tatsächlich sehr auf Fanthemen fokussiert. Es ging um den Erhalt der Stehplätze in den Stadien, gegen den Rassis­mus in den Kurven, gegen die brüllend laute Musik vor dem Anpfiff. Aber es ging auch ganz grundsätzlich um die Frage, welche Rolle Fans im Eventzirkus Bundesliga überhaupt noch spielen. Nur als klatschende Staffage für die Fernsehübertragung oder als Teil des Spiels.

tip Wann ist aus dem Fanzine ein ernst zu nehmendes Fußballmagazin geworden?
Köster Die Geschichte war nicht so gradlinig, wie wir das heute gerne darstellen. 2002/03 waren wir fast pleite, wir hatten uns übernommen. Mit zwei Leuten, so romantisch das klingt, kann man kein professionelles Magazin produzieren. Es reicht eben nicht, nur schöne Texte und Bilder zu machen, wenn keine Anzeigen verkauft werden und der Vertrieb nicht funktioniert. All das haben wir erst im Laufe der Zeit begriffen. Dabei hätte uns ein bisschen Professionalität viel Arbeit ersparen können Wir hatten zum Beispiel keine Software, um unsere Abonnenten zu verwalten. Also mussten wir alle Adressen ausdrucken und dann per Hand sortieren. Eine Schweinearbeit, zumal wir anschließend noch alle Hefte aus dem 5. Stock einer Wohnung in Friedrichshain hinunterschleppen mussten. Eigentlich waren die ersten Jahre grauenhaft.

tip Wie haben Sie den Tiefpunkt überwunden?
Köster Dabei hat uns vor allem die Konkurrenz geholfen. Im Vorfeld der WM 2006 kamen plötzlich massenweise Fußballmaga­zine auf den Markt. Mit „Rund“, dem Hochglanzmagazin „Player“ oder „Countdown“ gab es plötzlich eine ganze Palette an Zeitschriften, die um ein kleines Feld von Lesern buhlten. Wir wollten auf keinen Fall nur das kleine Fanmagazin bleiben und dazu verurteilt sein, die ewig gleichen Themen wiederzukäuen. Also haben wir damit begonnen, uns auch mit klassischen Fußball­themen zu beschäftigen und längere Interviews mit Spielern zu führen – und uns dabei aber immer bemüht, dennoch einen intelligenten und humorvollen Blick auf den Fußball zu behalten.

tip War es schwer, an die wichtigen Spieler heranzukommen?
Köster Anfangs ja. Die Vereine kannten uns nicht, die Spieler hatten keine Lust. Die haben ja so viele Termine, da müssen sie sich nicht auch zwei Stunden lang von Brillenschlangen aus Berlin ausquetschen lassen. Das hat sich dann allmählich geändert. Erst durften wir Interviews telefonisch führen, seit 2006 führen wir sie vor Ort. Was nicht bedeutet, dass sich die Gespräche immer gut lesen. Wobei nicht alle Spieler so einsilbig antworten wie Marko Pantelic.

tip Die Konkurrenz-Magazine, die zur WM gestartet sind, wurden längst wieder eingestellt. Was habt ihr anders gemacht?
Köster Wir waren damals ja schon ein paar Jahre im Geschäft und
galten als das knuffige Garagenmagazin. Wenn dann ein Magazin aus einem großen Verlag kommt und so tut, als käme es auch aus der Garage, sind die Sympathiewerte schnell verteilt. Inhaltlich waren Zeitschriften wie „Rund“ eigentlich prima, gut gemacht und lesenwert, aber inhaltlich einfach nicht weit genug entfernt von uns. Ist natürlich nur Spekulation, aber wenn die Kollegen noch mehr auf klassischen Journalismus und Hochglanzgeschichten gesetzt hätten, gäbe es die Zeitschrift vielleicht sogar noch.

tip Vielleicht seid ihr als kleine, unabhängige Redaktion aber auch einfach leidensfähiger?
Köster Sicher, uns konnte nach den ersten Jahren nicht mehr viel
schocken. Das Kernproblem war aber, dass der Markt für Magazine wie uns nicht so groß ist, wie man denkt. Es rennen nicht jeden Monat Millionen zum Kiosk und fragen, ob das neue „11 Freunde“ schon da ist. Das aktuelle Geschehen wird von den etablierten Medien in hohem Maße abgedeckt: Die „Bild“, die Tageszeitungen, das Internet. Da werden
stündlich und minütlich die Meldungen umgeschlagen. Als sich kürzlich Jogi Löw und Oliver Bierhoff mit dem Fußballbund zofften, wurde sogar thematisiert, mit welcher Miene Löw im Flugzeug sitzt. Und wenn Franck Ribйry das Training wegen einer Nagelbettentzündung abbricht, reicht das, um in sämtlichen Sportportalen Schlagzeilen zu machen: „Sorge um Ribйry!“ Da werden Journalisten zu Fußpflegern und referieren über
eingewachsene Fußnägel.

 

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