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Konferenz

11. re:publica – Willkommen im digitalen Mekka!

Vom 8. bis 10. Mai 2017 wird Berlin wieder zum digitalen Mekka: Auf der 11. re:publica diskutieren mehr als 8.000 Teilnehmer aus 60 Ländern, wie wir in der vernetzten Welt leben wollen

Foto: re:publica/Jan Michalko CC BY 2.0

Re:Publica, das kommt von res publica, „die öffentliche Sache“. Der Titel passt mit jedem Jahr besser zu der Konferenz: Längst durchdringt die Digitalisierung jeden Winkel unserer Existenz; wir wohnen, arbeiten und lieben digital. Markus Beckedahl, einer der Gründer, sagte im letzten Jahr anlässlich des zehnten Geburtstags der re:publica: „Vor zehn Jahren hatte man das Gefühl, dass Teile der Gesellschaft noch darauf hoffen, dass das Internet vielleicht wieder weggeht und man das nicht so richtig diskutieren muss.“ Mittlerweile sei aber selbst bei den letzten Politikern angekommen, dass das Internet bleibe und man das irgendwie gestalten müsse.
Um darüber zu diskutieren, wohin sich die digitale Sphäre entwickeln soll, gibt es in Europa keine relevantere Plattform als die re:publica: Aus dem ehemaligen Klassentreffen der Bloggerszene ist eine Veranstaltung geworden, auf der Netzaktivisten, Wissenschaftler, Künstler, Kreative und Politiker über ihre Projekte, Anliegen und Fragen debattieren.

Spätestens beim diesjährigen Motto „LOL  – Love out Loud“, einer Abwandlung des Netzjargon-Ausdrucks für „laughing out loud“, wird deutlich, dass die re:publica sich auch ganz unmittelbar in die gesellschaftliche Debatte einmischen will. Der Raum im Netz soll nicht denen überlassen werden, die Hass schüren und Fake News verbreiten. Re:publica -Gründerin Tanja Haeusler sagt: „Das Motto haben wir bewusst gewählt, um den Fokus auf all die Menschen und Organisationen zu richten, die sich für positive Veränderung in der Gesellschaft hin zu mehr Menschlichkeit einsetzen.“ Den Anfang macht die Publizistin und Friedenspreis-Trägerin Carolin Emcke, die in der Eröffnungsrede ihre Reflexionen über Liebe und Empathie vorstellt. Zudem präsentieren sich Initiativen, die sich zum Beispiel für Geflüchtete oder gegen Hate Speech engagieren. Das Programm solle Mut machen, der „verkackten Weltlage“ etwas entgegen zu setzen, so Haeusler.

Insgesamt befassen sich in diesem Jahr fast 950 Redner in über 450 Vorträgen mit Themen wie digitalen Grundrechten, Algorithmen-Nutzung oder der Zukunft von Bildung, Mobilität und Gesundheit. Neben den üblichen Verdächtigen wie dem Internet-Erklärer Sascha Lobo oder der Chaos Computer Club-Sprecherin Constanze Kurz kommen auch die Bundesminister/innen Andrea Nahles, Thomas de Maizière und Brigitte Zypries in die Station Berlin am Gleisdreieck.

Dass die technischen Möglichkeiten auch in der Politik neue Arten von Manipulation hervorbringen, haben wir nicht nur im US-Wahlkampf erlebt. In dem Vortrag „Hacking Democracy: Power and Propaganda in the Digital Age“ erkunden Schachgroßmeister Garry Kasparov und andere, was es für die Zukunft bedeutet, wenn die politische Willensbildung zum Beispiel durch Social Bots beeinflusst werden kann. Worauf wir uns im diesjährigen digitalen Wahlkampf in Deutschland einstellen müssen, stellen digitale Wahlkämpfer der SPD und der Grünen in ihrem Beitrag „Werden Wahlen im Netz entschieden?“ vor.

Laura Pfannenmüller und Jörg Farin wollen in ihrem Talk „Komm mir bloß nicht mit Fakten. Die Tinderisierung der Welt“ zeigen, wie Social Media dazu beitragen kann, dass wir immer tiefer in unserer Filterblase versinken: Wenn wir etwas liken, serviert uns der Algorithmus anschließend immer wieder ähnliche Inhalte. Dadurch, dass Beiträge in den sozialen Netzwerken oft in Sekundenschnelle geklickt, geliked und geteilt werden, verbreiten sich auch Fake News in rasendem Tempo. Jörg Farin sagt: „Jeder muss lernen, kritisch mit Informationen im Netz umzugehen. So wie bei einem Reisekatalog. Da wird man ja auch skeptisch, wenn ein Hotel in ‚lebhafter Umgebung’ liegt.“

Andreas Weigend, der ehemalige Chefwissenschaftler von Amazon, will, dass wir noch etwas dickere Bretter bohren. In seinem Vortrag „Data for the people“ erklärt er, warum wir ein tieferes Verständnis von Big Data brauchen und unsere Daten-Grundrechte, so zum Beispiel das Zugangsrecht zu unseren Daten, einfordern müssen.

Bei allem Drang zum Diskurs ist die re:publica aber auch ein Happening, bei dem sich die Szene im realen Leben kennenlernt, vernetzt – und feiert. In diesem Jahr soll sogar eine „sehr bekannte“ Band ein Konzert geben; wer kommt, wollen die Veranstalter aber noch nicht verraten. Weitere Auflockerungsübungen stehen schon fest: Re:publica-Gründer Johnny Haeusler wird Rock’n’Roll auflegen, Kathrin Passig veranstaltet ein heiteres Geräteraten, und die traditionelle Karaoke-Party findet auch wieder statt. Ebenfalls wie immer: Im Kühlhaus nebenan kann man die neuesten technischen Errungenschaften testen,  etwa 3D-Druck, künstliche Intelligenz und Virtual Reality.

Man muss kein Nerd sein, um hinzugehen. Es gibt auch viele Vorträge für Einsteiger, und wer zum ersten Mal dabei ist, kann  sich den „Newbies“ anschließen und sich an die Hand nehmen lassen. Wer lieber keinen Anschluss möchte, kann die meisten Vorträge aber auch im Live-Stream folgen. Die re:publica ist ja eine öffentliche Angelegenheit.

re:publica Mo–Mi, 8.5.–10.5., Station Berlin, Gleisdreieck, Kreuzberg, Infos zu den Veranstaltungen auf
https://re-publica.com/de

Auch Spannend:

Die Autorin und Medienwissenschaftlerin Miriam Meckel spricht in ihrem Vortrag „Mein Kopf gehört nicht mehr mir“ über die letzte Nische der Selbstoptimierung: Beim Brain-Hacking wird das Gehirn mit Pillen, Elektroden oder Implantaten gepimpt, um die Leistungsfähigkeit zu steigern. Meckel sieht uns damit an der Schwelle zum „Neurokapitalismus“.

Eigentlich sollte die Digitalisierung unseren Alltag ja vereinfachen. Stattdessen muss muss man jede Menge Passwörter im Kopf behalten, laufend Updates einspielen und die Cloud pflegen. In ihrem Vortrag: „Make life easy (again)? Was wollen wir uns von der Technologie abnehmen lassen und zu welchem Preis?“ setzen sich Martin Schallbruch und Jan Möller damit auseinander, wie wir damit umgehen wollen, dass die meisten weder ausreichend Zeit noch Kenntnisse haben, um ihren digitalen Hausrat zu verwalten. Wollen wir die Komplexität schlicht ignorieren, Dienstleister beauftragen oder Regulierungen einführen?

Darknet: Das Internet der Zukunft? Mit dem Darknet ist es so eine Sache – einerseits werden hier kriminelle Geschäfte abgewickelt, andererseits bietet es einen Rückzugsraum für Dissidenten in Ländern, in denen das Internet zensiert ist. Es sprechen Andreas May, Daniel Mossbrucker und Ahmad Alrifaee.

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