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49 Millionen Euro mehr für die Kultur

49 Millionen Euro mehr für die Kultur

Der 31. August könnte ein schöner Tag für den Regierenden Bürgermeister und seinen Kulturstaatssekretär werden. Michael Müller und Tim Renner werden den Abgeordneten im Kulturausschuss in erster Lesung den geplanten Kulturetat für den Doppelhaushalt 2016 /2017 vorstellen. Er ist, wie der gesamte Haushaltsentwurf des Landes, relativ großzügig ausgefallen. Ein Jahr vor der nächsten Wahl will die Landesregierung mit finanziellen Wohltaten für gute Stimmung sorgen. Um 49,3 Millionen Euro soll Berlin, wenn es nach Michael Müller geht, die Ausgaben für die Kultur bis 2017 erhöhen. Insgesamt wächst der Kulturetat um gut 10 Prozent und damit deutlich stärker als der Berliner Landeshaushalt. Viel Geld. Insgesamt macht das Berliner Kulturbudget (472 Millionen in diesem Jahr,  521 Millionen in zwei Jahren) aber auch nach dieser Erhöhung nur gut zwei Prozent des Landeshaushalts von 23,6 Milliarden in diesem Jahr und 25,6 Milliarden in 2017 aus.
Der Geldsegen für Opern, Museen, ­Orchester und Theater ist natürlich auch der Versuch des Regierenden Bürgermeisters, der das Amt des Kultursenators von seinem Vorgänger Wowereit eher notgedrungen als begeistert geerbt hat, sich die Sympathie der Berliner Kultureinrichtungen zu erkaufen. Schließlich hatte man sich schon darüber lustig gemacht, dass der Kultursenator vor seinem Amtsantritt nie im Theater zu sehen war und auch sonst einen eher kulturfernen Eindruck macht. Dass sein Kulturstaatsekretär Renner Hochkultur nur aus der Ferne zu kennen scheint, ist auch nicht unbedingt hilfreich. Unangenehmer als solche Anfängerprobleme war für Müller, dass die Berufung Chris Dercons als künftiger Intendant der Volksbühne nicht nur an Castorfs Haus, sondern auch in der interessierten Öffentlichkeit und bei anderen Intendanten für erhebliche Unruhe sorgte. Die Kritiker von Dercons Berufung befürchten, dass ein Theater abgewickelt und mit viel Geld zu einer Event-Location mit viel Radical Chic-Glamour und wenig Inhalt gemacht werden soll. Vier der wichtigsten Berliner Theater- und Opernintendanten, UIrich Khuon, Jürgen Flimm, Thomas Ostermeier und Dietmar Schwarz, brachten Müller gegenüber ihre Vorbehalte gegen Dercons Berufung vor – ein ziemlich einmaliger Vorgang. Etwas mehr Geld für so ziemlich alle Bühnen und Museen kann in so einer Situation durchaus zur Befriedung der Situation beitragen.
Aber auch wenn die Entscheidung, die Berliner Kultureinrichtungen besser auszustatten, opportunistische Gründe gehabt haben mag – sachlich ist sie richtig und nachvollziehbar. Nicht nur, weil Kultur im deindustrialisierten Berlin ein Wirtschaftsfaktor und Touristenmagnet ist, sondern auch, weil etwa die Bühnen in Berlin deutlich schlechter ausgestattet sind als vergleichbare Häuser in München, Stuttgart oder Hamburg. Lange mussten die Kultureinrichtungen Mehrkosten durch Tariferhöhungen aus eigener Kraft ausgleichen – notfalls zu Lasten des Etats für die künstlerische Produktion. Das führt auf Dauer zu schrumpfenden Handlungsspielräumen.   
Um die Millionenbeträge des Kulturetats zu relativieren, hilft es, sie auf kleine Einheiten herunter zu brechen – zum Beispiel auf die Frage, wie viel oder wenig Berlin pro Einwohner und Jahr für seine Museen, Opern, Theater ausgibt. 2015 waren das in Berlin 39,53 Euro für die Opern (zum Vergleich: in Hamburg waren es 28,74  Euro), 31,63 Euro für die Theater (Hamburg: 42,44 Euro) und 19,35 Euro für die Museen (Hamburg: 20,73 Euro) – wobei der Bund zum Beispiel bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz ebenfalls viele Millionen zuschießt.
Ein Großteil der Etaterhöhungen sind lediglich Inflationsausgleich und ein Ausgleich der durch Tariferhöhungen und Gebäudeinfrastruktur anfallende Mehrkosten. Nur wenige Bühnen erhalten darüber hinaus mehr Geld – „Ausgleich für strukturellen Mehrbedarf“ heißt das in der Sprache der Haushälter. Das kleine, vergleichsweise arme Maxim Gorki Theater wird für seinen Erfolg mit 600.000 Euro mehr ab 2016 belohnt. Für die Schaubühne hat sich Thomas Ostermeiers Drohung, er hätte auch im Ausland attraktive Angebote ein Theater zu leiten, offenbar gelohnt: Die Schaubühne erhält kommendes Jahr 383.000 Euro mehr, 2017 sind es sogar 567.000 Euro „struktureller Mehrbedarf“.
Exorbitant und kaum nachvollziehbar ist die Steigerung bei der Volksbühne: Statt derzeit 17,4 Millionen im Jahr, erhält sie 2017, im ersten Dercon-Jahr, 20,5 Millionen Euro. Dazu kommt eine halbe Million für den Umbau des Praters. Als Bonus zum Amtsantritt erhält Dercon nur für die Vorbereitung ein Budget von 2,9 Millionen Euro. Das sprengt jeden Maßstab. Nur zum Vergleich: Ulrich Khuon bekam 2009 zur Vorbereitung seiner Intendanz am Deutschen Theater, ein deutlich größeres Haus,  500.000 Euro – aber die kamen, anders als bei Dercon, aus dem regulären Etat des Theaters und wurden nicht großzügig obendrauf gelegt.
Auch Oliver Reese, der 2017 das Berliner Ensemble übernimmt, erhält zur Vorbereitung seiner Intendanz lediglich 700.000 Euro – ein Bruchteil von Dercons Millionen. Diese Vorschüsse diesen dazu, schon vor Beginn der Intendanz Mitarbeiter und Künstler zu verpflichten.
Rechnet man Etaterhöhung und das enorme Vorbereitungs-Budget zusammen, hat die Volksbühne im ersten Dercon-Jahr stolze 23,4 Million Euro – eine Steigerung um fast 40 Prozent. Damit wird die Volksbühne zu einem der reichsten Theater der Stadt. Und das mit einem Intendanten, der zum ersten Mal in seinem Leben an einer Bühne arbeitet. Das ist eine Beleidigung für Castorf und möglicherweise ein Vorgeschmack auf den künftigen Stil der Volksbühne: Jet Set statt Prenzlauer Berg. Fast könnte man vermuten, dass es so teuer wird, nicht obwohl, sondern weil Dercon ein Theater-Novize ist. Wer so metierfremd ist, muss eben mit Geld um sich werfen, wenn er Künstler an sein Haus binden will. Man darf gespannt sein, ob die Abgeordneten in den Ausschüssen diese Luxus-Konditionen durchwinken, oder ob sie den Volksbühnen-Etat auf ein vernünftiges Maß beschneiden.
Dercons Millionen sind die dekadente Ausnahme, nicht die Regel. Die Berliner Kulturlandschaft insgesamt ist unglaublich reich – aber viele ihrer Akteure sind relativ arm. Auch deshalb ist es erfreulich, dass einer der Gewinner des geplanten Kulturetats die oft genug am Rand des Existenzminimums lavierende Freie Szene ist. Die Projektzuschüsse für Freie Gruppen und Künstler aller Genres, von Bildender Kunst bis Jazz, werden von heute ?6,8 Millionen auf 7,8 Millionen 2017 erhöht.
Das Radialsystem, das sich seit seiner Gründung nur mühsam über Wasser halten kann, bekommt zum ersten Mal einen Haushaltstitel und Zuschüsse aus dem Kulturetat, 406.000 Euro ab kommendem Jahr. Die vollmundig zweckoptimistischen Versprechungen der Gründer, sie könnten das Radialsystem durch Vermietungen und Querfinanzierung ohne Subventionen betreiben, gingen nicht auf.
Ebenfalls nachvollziehbar und überfällig sind die Etat-Erhöhungen für das HAU und den Tanz im August um zusammen 650.000 Euro, für Sasha Waltz von heute 975.000 Euro auf 1,4 Millionen ab 2016, und die Verdopplung der Mittel für Ateliers und Arbeitsräume auf 2,8 Millionen Euro. Christophe Knoch, der Sprecher der Koalition der Freien Szene, ist denn auch, ähnlich wie die HAU-Intendantin Annemie Vannackere, im großen und ganzen zufrieden mit Müllers und Renners Plänen – auch wenn Kernforderungen der Freien Szene wie eine Honoraruntergrenze, Produktionsmittel für Bildende Künstler oder eine transparente Verteilung der Einnahmen aus der Citytax nach wie vor nicht erfüllt sind.
Verglichen mit den großen Posten im Kultur­etat, etwa die 138 Millionen für die drei Opernhäuser in 2016 oder insgesamt 81 Millionen für Museen und Gedenkstätten, sind die Zuschüsse für die Freie Szene ­ohnehin Peanuts.

Text: Peter Laudenbach

Quellen: Haushaltsplan von Berlin für ?die Haushaltsjahre 2016/2017

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