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Uraufführung

„Abend über Potsdam“ am Hans Otto Theater – Ein Gespräch mit Lutz Hübner

Was geschieht, wenn die Verhältnisse härter werden und das liberale Klima erodiert? Autor Lutz Hübner über sein neues Stück „Abend über Potsdam“ und darüber, was an den späten Zwanzigern heute so spannend ist – obwohl er sie nicht als Analogie verstanden wissen will

tip Ihr neues Stück, das Sie mit Sarah Nemitz geschrieben haben, „Abend über Potsdam“, spielt 1929, 1930, also drei Jahre vor Hitlers Machtübernahme. Was sind das für Menschen, denen wir da begegnen?
Lutz Hübner Das Stück beginnt im September 1929 mit einem Ausflug nach Potsdam. Die Berliner Malerin Lotte Laserstein porträtiert eine Gruppe von fünf Freunden und Bekannten. Die 20er-Jahre sind noch beschwingt, alle in dieser Gruppe haben noch einigermaßen abgesicherte Berufe. Einer ist Journalist, ein anderer Theater-Dramaturg, eine ist Angestellte, eine Telefonistin, eine Modell. Das Stück erzählt, was mit ihnen passiert, als die Weltwirtschaftskrise mit dem Zusammenbruch der New Yorker Börse im Oktober 1929 ausbricht. Was bedeutet das für die einzelnen Biografien, wer kann sich halten, wer stürzt ab, wer wird kriminell, wer wird zum Opportunisten und dient sich bei den Leuten an, bei denen er Geld oder Sicherheit vermutet? Was geschieht mit Menschen, wie verhalten sie sich, wenn sie unter Druck geraten und die alten Sicherheiten nicht mehr tragen? Das Stück endet mit dem Erdrutschsieg der Nazis bei den Wahlen im September 1930. Die goldenen 20er-Jahre sind endgültig vorbei, die Zielgerade zur Regierungsübernahme der Nationalsozialisten 1933 wird sichtbar.

tip Wir können den Menschen in Ihrem Stück dabei zusehen, wie sie den Boden unter den Füßen verlieren?
Lutz Hübner Diejenigen, die schon früher prekär gelebt haben, stürzen am brutalsten ab, sie haben kein soziales Netz, das sie auffängt. Die aus Polen eingewanderte Maria hält sich mit verschiedenen Jobs über Wasser, sie führt für ­andere Leute Hunde aus, sie jobbt als Modell oder macht Dinge, die etwas undurchsichtig bleiben. Sie lebt wie viele Migranten damals in der Arrival City Scheunenviertel und versucht, irgendwie in dieser Gesellschaft Fuß zu fassen. Ihr Absturz ist hart. Der freie Journalist Bodo fliegt bei der „Vossischen Zeitung“ raus, irgendwann landet er beim „Völkischen Beobachter“, ohne ein echter Nazi zu sein. Er redet sich das schön, weil er den Job braucht; er geht dahin, wo er Geld verdienen kann. Bodo vertritt die Nazi-Parolen eher aus Opportunismus als aus Überzeugung. Das ist sein Versuch, irgendwie durchzukommen. Das wird im Stück nicht bewertet, es geht nicht darum, die Figuren zu verurteilen. Aber natürlich befördern Leute wie dieser Journalist – und davon gab es in dieser Zeit viele – das Erstarken der Nazis.

tip Die Malerin Lotte Laserstein und andere Figuren Ihres Stückes gab es wirklich. Auch ihr Gruppenporträt, das Gemälde „Abend über Potsdam“, dessen Entstehung in Ihrem Stück die Figuren und Szenen verbindet, gibt es wirklich. Was hat Sie so an Lotte Laserstein interessiert?
Lutz Hübner Lotte Laserstein gehört mit diesem Bild zur Neuen Sachlichkeit, obwohl sie nie so prominent war wie Christian Schad, Otto Dix oder Rudolf Schlichter. Sie war freiberufliche Malerin, die erste Frau, die an der Berliner Akademie der Künste studieren konnte. Sie war Jüdin, ihre Mutter wurde in einem Konzentrationslager ermordet, sie selbst konnte sich ins Exil nach Schweden retten, dort ist sie bis zum Ende ihres Lebens geblieben. Als Malerin wurde sie erst in den letzten Jahren wiederentdeckt. „Abend über Potsdam“ ist sicher ihr wichtigstes Werk.

tip Wie haben Sie und ihre Ko-Autorin Sarah Nemitz recher­chiert?
Lutz Hübner Wichtig waren für uns vor allem Quellen aus der Zeit, wir wollten nicht hineinschreiben, was in den Jahren danach folgte. Die Figuren sollten nur den Kenntnisstand ihrer Zeit haben. Es gab eine Ahnung, dass es schiefgehen kann und der Staat, die fragile Demokratie zerstört werden und kollabieren könnten; ein Gefühl von Unsicherheit, eine aggressiv aufgeladene politische Atmosphäre.

tip Heute gewinnen rechte Parteien, die die Demokratie verachten, wieder an Einfluss. Interessieren Sie solche zeitgeschichtliche Parallelen?
Lutz Hübner Natürlich entscheidet man sich für so ein Thema auch vor dem Hintergrund der eigenen Gegenwart. Aber ich würde das Stück nicht als Analogie zu unserer Situation sehen. Dafür sind die Verhältnisse zu unterschiedlich. Es wäre etwas alarmistisch zu sagen, in ein paar Jahren haben wir hier Verhältnisse wie 1933. Aber was wir zeigen wollen, sind Verhaltensmuster von Menschen in einer gesellschaftlichen, politischen, ökonomischen Krisensituation, in der ein liberales Klima erodiert.

tip Weshalb war es Ihnen wichtig, in Ihrem Stück das Verhalten der Figuren nicht moralisch zu bewerten?
Lutz Hübner Weil das im Theater immer falsch ist. Man kann Verhaltensweisen zur Diskussion stellen, man kann die Widersprüche deutlich machen. Letztlich ist das Interessante nicht die moralische Verurteilung einer Figur, sondern die Frage: Wie hätte ich mich in so ein Situation verhalten? Das ist auch ehrlicher, als sich in einer abgesicherten Posi­tion auf ein Podest der angemaßten moralischen Überlegenheit zu stellen. Die große Klippe, die man bei historischen Stoffen umschiffen muss, ist, darauf zu achten, dass es nicht Schulfunk wird und sich die Figuren nur historische Daten um die Ohren hauen oder zu Klischees werden, die politische Positionen illustrieren. Es geht um Psychologie und um Genauigkeit in der Zeichnung der Figuren in ihrer Widersprüchlichkeit; es gibt nicht den bösen Nazi oder das dumme Proletariermädchen, das einem SA-Mann verfällt, obwohl es die jüdische Malerin gerne besucht. All diese Figuren haben ihre sympathischen und ihre unangenehmen Ecken, es sind Menschen, keine Thesenträger.

Hans Otto Theater Potsdam Fr 7.4., Sa 15.4., 19.30 Uhr, So 16.4.,  17 Uhr, Karten 14,30-36,30, erm. 9,90 €

Abend über Potsdam von Lutz Hübner und Sarah Nemitz, Verlag Theater der Zeit, 216 S., 15 €

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