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Abschied mit Pomp: Abiball 2013

AbiballEin mediterranes Buffet soll es werden, mit Tapas, Antipasti und viel vegetarischer und kalorienarmer Kost. Für die Mädels, versteht sich. Nicht, dass das schicke Abendkleid, das extra für den Anlass gekauft wurde, nach dem Essen um den Bauch rum spannt. Und tanzen wolle man ja schließlich auch noch bis in die Morgenstunden. Sobald die Eltern weg sind und die Cocktail-Flatrate ihre Wirkung zeigt.
Robert Jablukov vom Rheingau-Gymnasium Friedenau nimmt seinen Job im Abiball-Komitee sehr ernst. „Wenn die Leute nicht zufrieden sind oder irgendetwas nicht läuft, bin ich schuld“, sagt er, sichtlich nervös vor dem großen Abend, den er bereits seit einem Jahr plant. Dabei sind Patzer ziemlich unwahrscheinlich, da die komplette Organisation von der Agentur AbiService4You übernommen wird, die jährlich 40 bis 60 Abibälle plant. Bis auf den Kartenverkauf, die Sitzplatzverteilung und die Suche nach Sponsorengeldern musste sich Robert um nichts kümmern. Sport- und Eventmanagement will der Abiturient studieren. Aus Zeitgründen hat er die Abiball-Organisation aber lieber an Profis abgetreten. „Wir haben ja jetzt ein Schuljahr weniger. Da muss man sich voll und ganz aufs Lernen konzentrieren.“ Ganz schön bequem, die Schüler von heute, urteilen wohl all jene, die beim Stichwort Abiball an ein gemütliches Zusammensitzen in der Aula bei Salat und Würstchen denken oder an einen befreienden Wink mit dem Mittelfinger gen Schulleiter, bevor man sich für immer aus der als einengend ­empfundenen Bildungseinrichtung verab­schiedet.

Tatsächlich bieten viele Schulen den A­biturienten aber gar keine geeigneten Räum­lichkeiten, um ein Fest mit mehreren Hundert Leuten zu feiern. Die Schüler sind also gezwungen, Locations zu mieten, was ohne Agentur jedoch äußerst schwierig ist. Mit 18-Jährigen macht schließlich keiner gerne Geschäfte. „Die Vermieter der Veranstaltungsorte haben viel mehr Sicherheit, wenn der Vertrag über uns läuft“, erklärt Mark Löffler, Geschäftsführer von AbiService4You. Bodo Beutel, Geschäftsführer vom Veran­staltungsort Postbahnhof, bestätigt Löfflers ­­Behauptung. In der Vergangenheit sei bei Abibällen, die von den Schülern selbst organisiert wurden, so viel schiefgegangen, dass man nun nur noch mit Agenturen zusammenarbeite: „Das Entscheidende war die mangelnde Sicherheit. Die Schüler haben die Security selbst besorgt. Die haben dann irgendwann mitgefeiert, ordentlich getrunken und mit den Mädels geflirtet.“ Einmal habe Bodo Beutel sogar höchstpersönlich völlig betrunkene Jugendliche vom Dach des Postbahnhofs runterholen müssen, weil die Security dazu nicht mehr in der Lage gewesen sei. Auch mit der Müllbeseitigung und dem Aufräumen nach der Feier hätten es die Schüler meistens nicht sonderlich ernst genommen, beklagt er sich.

AbiballMark Löffler von AbiService4You sieht in der Inanspruchnahme ihrer Dienstleistung natürlich noch weitere Vorteile: „Wir bekommen als Agentur sowohl beim Vermieter als auch beim Caterer oder beim Servicepersonal viel günstigere Konditionen, als wenn die Abiturienten selbst anfragen.“ Große Erleichterung bringe auch ihre Expertise bezüglich der gesetzlichen Bestimmungen, die es bei Events in der Größenordnung einzuhalten gelte: „Die meisten Schüler wissen nicht, dass sie Fluchtwege frei halten, GEMA zahlen und zwei Sanitäter vor Ort haben müssen.“

Neben Location und Verpflegung beinhalten die Abiball-all-inclusive-Pakete in der Regel noch einen professionellen DJ, Licht-, Ton- und Moderationstechnik, Fotografen, Versicherung, Reinigung, Mobiliar und Deko. Je nach finanziellem Background können außerdem noch Specials wie Feuerwerke, Eisskulpturen, Tanzshows oder Coverbands hinzugebucht werden. So viel Prunk und Extravaganz schlägt sich natürlich im Eintrittspreis nieder. Zwischen 35 und 60 Euro kostet eine Karte im Schnitt. Kommen die Eltern, Geschwister oder Freunde mit, müssen pro Abiturient mitunter mehrere Hundert Euro berappt werden. In der Summe kostet so ein Abiball dann gerne viele Zehntausend Euro.

Dass die Abiball-Branche ein lukratives Business ist, hatten auch die Geschäftsführer von EasyAbi bemerkt. 2011 schloss die Firma Verträge mit 39 Schulen aus Berlin und Brandenburg ab, kassierte rund 700?000 Euro und machte sich anschließend davon, ohne die Events je zu realisieren. Eingebrochen sei die Branche durch den Vorfall zwar nicht, die Schüler und Lehrer seien seitdem aber deutlich misstrauischer, so Olaf Marsson, General-Manager von Abihaus, Marktführer unter den Berliner Abiball-Agenturen. „Wir haben uns nach dem EasyAbi-Skandal neu aufgestellt und bieten seitdem eine Kontenabsicherung an“, erzählt er. „Das heißt, das Geld wird von einem Notar auf einem Treuhandkonto verwaltet und erst dann ausgezahlt, wenn die Veranstaltung erfolgreich gelaufen ist.“ Außerdem ermutigten er und sein Team die Abiball-Komitees dazu, Lehrer oder Eltern zum Vertragsabschluss hinzu­ziehen.

Das Interesse an einem Abiball im amerikanischen Prom-Night-Format sei aber nach wie vor groß, meint Marsson. Vor zehn Jahren reiste er extra in die Vereinigten Staaten, um die dortigen Highschool-Abschlussbälle zu studieren und diesen Stil nach Deutschland zu holen. „Viele Berliner Schüler identifizieren sich mit der Art und Weise, wie in Amerika das Ende der Schulzeit zelebriert wird“, erklärt Marsson.

Auch die dortige Abendmode nehmen sich die Abiturienten zum Vorbild. „Viele Mädchen kommen mit Fotos von US-Stars zu mir in den Laden und wollen dann genau so ein Kleid haben“, erzählt Dirk Pfeiffer, Inhaber von Crusz, Berlins größtem Ballmoden-Anbieter. Während früher eher lange, elegante Roben gefragt waren, könne es den Schülerinnen heute gar nicht kurz, sexy und knallig genug sein. „Tiefe Rückendekolletйs und Korsagen sind gerade enorm gefragt. Die Mädels wollen zeigen, was sie haben“, sagt Pfeiffer. 300 Euro zahlen die ­Abiturientinnen, beziehungsweise ihre großzügigen Spender wie die Großeltern oder die Eltern, für den perfekten Glamour-Auftritt. Damit dieser durch nichts und niemanden gemindert wird, hat Pfeiffer die Nur-ein-Mal-pro-Ball-Versicherung eingeführt: Crusz garantiert den Schülerinnen beim Kauf, dass ihr Kleid auf dem eigenen Abiball von keiner anderen getragen wird. Aber auch die männlichen Abiturienten zögen in Sachen Styling in letzter Zeit gehörig nach, meint Juri Maier von Abiservice4You: „Viele orientieren sich an den Models aus dem GQ-Magazin. Das freut die Mädels natürlich.“

AbiballMarc Gerbitz vom Robert-Havemann-Gymnasium in Karow hat seinen Abiball bereits hinter sich. 2012 feierte seine Stufe in der Universal Hall in Mitte, einer der beliebtesten Locations im Repertoire von Abihaus. „Unser Ball war echt protzig“, erinnert sich Marc. „Ein Fernsehteam hat uns wochenlang begleitet und wollte das Event ausstrahlen, deshalb haben wir dekomäßig richtig dick aufgefahren.“ Der Saal sei komplett in Bordeauxrot und Weiß geschmückt gewesen. „Die Farben passen am besten zu schicker Abendgarderobe“, erklärt er. „Das meinten zumindest die Mädels in meiner Stufe.“ Nicht alle seien jedoch begeistert gewesen, den Abiball derart pompös zu feiern. „Ein paar Jungs, so ökologische Hippies, wollten nicht kommen. Für sie war der Ball die reinste Energieverschwendung.“

Kritische Stimmen unter der Schülerschaft scheinen jedoch selten zu sein. „Ich wohne im Prenzlauer Berg“, sagt Henriette Seeck, die 2011 im Loewe Saal in Mitte ihren Abschluss gefeiert hat. „Da gibt es ja einige Alternative, aber auch die sind im Smoking oder im Kleid erschienen.“ Es sei einfach schön, sich einmal im Leben so aufzuhübschen. „Der tollste Moment war, als wir alle nach und nach aus dem Lastenaufzug aus­gestiegen und den roten Teppich entlang­gelaufen sind. Das war ein richtiger Auftritt, wie bei Celebrities“, schwärmt Henriette. Um beim anschließenden Eröffnungstanz eine gute Figur zu machen, hätten manche ihrer Mitschüler sogar extra einen Crashkurs im Standardtanzen belegt, den einige Tanzschulen seit geraumer Zeit speziell für Abiturienten oder deren Eltern anbieten. Andere Abi-Komitees hingegen bestellen den Tanzlehrer lieber schon Monate vorher für eine um­fassende Einführung in Cha-Cha-Cha, Walzer und Co an die eigene Schule.

Erleben wir nach der wilden Hippie-, Punk- oder HipHop-Jugend gerade einen Rückfall in Zeiten bürgerlicher Konventionen? Wo oberflächlicher Schein mehr als das echte Sein gilt? Mark Löffler von Abi­service4you hängt die jugendliche Lust an Pomp und Glamour naturgemäß sehr viel tiefer: „Die Schüler wissen, dass sich nach diesem Abend vieles ändern wird“, sagt er. „Sie wollen das Ende dieses Lebens­abschnitts einfach gebührend und angemessen feiern.“ 

Text: Henrike Möller
Fotos: Harry Schnitger

 

Schön & fit für den Abiball

CRUSZ BERLIN
Spittelmarkt 11-12, Mitte, Tel. 0800/278 79 66, www.crusz.de;
für Abibälle führt das Modehaus Kleider bekannter Designer, darunter auch Roben des Berliner Modemachers Guido Maria Kretschmer

Just for the boys berlin
Raumerstraße 28, Prenzlauer Berg, Tel. 40 05 78 80, www.just-for-the-boys-berlin.de;
Herrenausstatter mit neuen und Secondhand-Marken-Anzügen

TK Maxx
Karl-Marx-Straße 92-98, Neukölln; Wilmersdorfer Straße 108,
Charlottenburg; Am Borsigturm 2, Tegel; Bahnhofstraße 25, Köpenick, www.tkmaxx.de;
Die Fashion-Outlet-Kette bietet auch Abendkleidung, teils von bekannten Marken, zu günstigen Preisen

Tanzschule Finck
Ahornallee 18, Charlottenburg, Tel. 302 48 52, www.tanzschule-­finck.de;
Die Tanzschule bietet Abiball-­Crashkurse für Schüler, aber auch für Eltern an

Tanzschule Peter Steirl
Wilhelmsruher Damm 96, Reinickendorf, Tel. 415 26 26, www.tanzschule-steirl.de;
mit ihren zwölf Filialen ­organisiert die Tanzschule spezielle Abiball-Crashkurse

 

Abiball Eventagenturen:

Abiball-Planer: Abipakete ab 25 EUR bis 50 EUR (mit Band, Sektempfang etc.)

Abiservice4you: hier können Abiball und Abifahrt sowie Extras wie Abibuch gleich in einem Abwasch organisiert werden

Abitraum: Abiballpakete ab 25 EUR in mehreren Innenstadtbezirken und auch außerhalb Berlins

Abiballberlin.net: Abibälle in mehreren Hotels in Berlin

Abihaus: Komplettangebote für Abiball, Abifahrt, Abibuch, Limousinenservice etc. ab 29,50 EUR

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