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Kultur

Abstimmung ?mit den Füßen + Aufruf

Abstimmung ?mit den Füßen + Aufruf

Rund 13 Millionen Menschen schnüren sich in Deutschland mindestens gelegentlich die Laufschuhe. Fast 40?000 Hobbyathleten treffen sich in diesen Tagen zum Berlin Marathon. Dessen Teilnehmerzahl übrigens hat sich in den vergangenen 20 Jahren mehr als verdreifacht. Was also ist das Phänomenale an einer Sportart, die doch vermeintlich so banal-alltäglich ist? Laufen halt, nur länger und schneller. Eine Sport­art, die uns, in ihren besten Momenten, doch weit hinaus aus dem Alltag führt. Seelenbaumeln auf dem Havelhöhenweg. Es gibt Menschen, die können mit Fußball nichts anfangen, oder mit Kunstradfahren. Nur würden diese Menschen eben auch nicht im Traum auf die Idee kommen, Fußball zu spielen oder Kunstrad zu fahren. Die Laufstrecke aber bleibt Pflicht, nicht Kür. Wie läuft’s? Muss halt. Und tatsächlich trifft man immer wieder auf Meinungen, sogar auf Meinungen von Läufern, die den beschleunigten Schritten jeden Selbstzweck absprechen. Stattdessen geht es um Selbst­optimierung. Die einen trainieren für den Firmenlauf, die anderen für die Frühjahrsmode. Die Laufbewegung als wortsinnlich abnehmendes Phänomen.
„Entkleide dich, aber sei braun, schlank, sportlich und schön“, hat der Philosoph Michel Foucault den Körperkult der Spätmoderne schon früh ganz treffend beschrieben.
Zumindest wer seine Mittagspausen entlang des Land­wehrkanals verbracht hat, konnte in diesem Sommer eine Renaissance der entblößten Läuferkörper notieren. Um­gekehrt kommt selbst die deutsche Ausgabe der „Vogue“ nicht mehr umhin, die Funktionsklamotten der Lauf­artikel­hersteller auch als ein Phänomen der Mode abzubilden. Function follows fashion. Und der Jogginganzug ist so passй, wie es überhaupt dieses komische Wort Jogging ist. Damals, als es einen noch im Baumwoll­leibchen raus ins Grüne zog. Und in ganz normalen Turnschuhen.
Tatsächlich hat die Laufbewegung gerade in den vergangenen Jahren, ja, Monaten grellbunte Blüten getrieben. Dort gibt es Läufe, bei denen die Teilnehmer be­glitzert und mit Farb­pulver beworfen werden. Hier traben junge Mädels in getigerten Lauf­tights auf Einladung eines Sportartikel­herstellers durch die Berliner Nacht. Da wird über Autodächer gesprungen (der Urbanian Run rund ums Berliner Olympiastadion) oder unterwegs noch ein paramilitärisches Zirkeltraining absolviert (die Krassfit-Challenge in Zossen-Kallinchen). Auf der Trabrennbahn in Karlshorst hatte im vergangenen Mai gar der Zombie Run Premiere. Wobei es den Teilnehmern freigestellt war, ob sie als Läufer oder eben Zombie antreten wollten. Und mit Letzterem war nicht der Gesichtsausdruck manch eines Hobbyathleten bei Kilometer 41 gemeint.
Man kann all das als Suche, ja, Sucht nach dem Spek­takel beschreiben. Kann die Eventisierung beklagen, die einer so simplen, puren Sache widerfährt. Und doch hat diese Bewegung einen guten Kern: die Bewegung. Körper werden auf Touren gebracht, Geister durchlüftet. Und oft sind es gerade diese buntesten, lautesten Veranstaltungen, bei denen der Leistungsdruck, das Kräftemessen mit den anderen und mehr noch mit sich selbst, in den Hintergrund gerät.
Laufen soll Spaß machen. So weit mal die wichtigste Botschaft. Wobei der Spaß doch auch proportional mit der Geschwindigkeit steigen kann. Mit Distanzen, die wachsen und Bestzeiten, die purzeln. Einmal Berlin Marathon. Einmal unter vier Stunden. Und beim nächsten Mal vielleicht unter drei …
Wobei John Kunkeler – der Jahr für Jahr die Strecke des Berlin Marathons vermisst und in seinen Dreißigern auf dieser Distanz selbst unter 2 Stunden, 30 Minuten gelaufen ist  – eine interessante Relation ausgemacht hat: In jenem Maß, in dem die Teilnehmer­zahlen des Berlin Marathons seit den Achtziger­jahren gestiegen sind, hat sich auch die durchschnittliche Laufzeit verlangsamt. Erlebnisläufer statt Elite-Runner, so gesehen ist aus dem Marathonlauf tatsächlich ein demokratisiertes Vergnügen geworden. Eine ehemalige Trendsportart übrigens hat die Massenbewegung Laufen inzwischen abgehängt. Nordic Walking geht längst am Stock. 

Text: Clemens Niedenthal

Foto: Mark-Atkins/ Fotolia

Verraten Sie uns Ihre Lieblingslaufrunde: Im Kreis durch den Gleisdreieckspark oder geradeaus an der Krummen Lanke? Verraten Sie uns Ihre Lieblingslaufrunde. ?tip-Redakteur Clemens Niedenthal läuft diese Strecke nach und stellt sie online vor. Berlin im Schnelldurchlauf also, jede Woche eine neue Runde. Schicken Sie Ihren Lieblings­lauf mit der ungefähren Streckenlänge und den wichtigsten Orientierungs­punkten einfach an ?[email protected]

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