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Achtsamkeitstraining gegen den Stress

Achtsamkeitstraining gegen den Stress

Achtsamkeit gegenüber sich selbst: Das ist ein ganz­heitlicher Ansatz zur Stress­reduktion, der Ende der 70er-Jahre in Massachusetts in den USA als Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR) entwickelt wurde und in Berlin unter anderem am Charité-Seminarzentrum für Prävention und integrative Medizin in Mitte gelehrt wird. Die Gesundheits­trainerin Frauke Reese gehört dort zu jenen, die die Kurse leiten.

tip Frau Reese, bei permanenter Erreichbarkeit via Handy und E-Mail und soziale Netzwerke ist uns Abschalten kaum noch möglich. Was macht das mit uns?
Frauke Reese?Das ist individuell. Letztendlich sorgt es für Stress. Und Stress kann sich unterschiedlich auswirken. Auf einer gedanklich-geistigen Ebene, dass man gar nicht mehr aus einem Gedankenkarussell rauskommt. Er kann sich emotional äußern: Wut, Ärger, Frustration, Hilflosigkeit, Ohnmachts­gefühle bis hin zu Depression oder sogar Suizid­gedanken. Oder auf der Verhaltens­ebene. Dass man in den sozialen Rückzug geht. Und natürlich kann auch auf der körperlichen Ebene reagiert werden. Von Schmerzsymptomen über Magen-Darm-Probleme, Allergien und so weiter.

tip Ihre Methode dagegen ist das Achtsamkeits­training.
Frauke Reese Die Teilnehmer lernen verschiedene Methoden kennen, wie sie beispielsweise ihre innere Spannung regulieren können. Über den Body-Scan, eine geführte Körper­reise. Über Atem-Meditation. Über Bewegungs­übungen.

tip Was ist eine geführte Körperreise?
Frauke Reese Es geht darum, jeden Teil des Körpers wahrzunehmen – mit der Grundhaltung der Achtsamkeit. Das heißt: wahrnehmen, ohne zu bewerten oder etwas erreichen zu wollen.

tip Welche Interessenten besuchen Ihre Kurse?
Frauke Reese Das ist bunt gemischt. Von Mitte 20 bis 70. Da kommen Studenten, die Druck schon während des Studiums spüren. Junge Mütter, die wieder in den Beruf wollen und nicht wissen, wie sie alles unter einen Hut kriegen sollen. Auch junge Väter. Männer und Frauen mittleren Alters, gesetzt im Beruf, mit und ohne Kinder, bei denen die Eltern kränkeln oder sterben, also meist Menschen mit Mehrfach­belastungen.

Frauke Reese

tip Welche Werkzeuge geben Sie diesen Menschen dann an die Hand?
Frauke Reese Zum einen sind es verschiedene Entspannungs­methoden. Wobei man besser von Spannungs­regulation spricht. Diese sind am Anfang alles andere als entspannend. Wenn man in die Ruhe geht, wird einem erst richtig bewusst, wie viele Gedanken durch den Kopf gehen. Das kann richtig stressig werden. Das kennen viele, wenn sie abends ins Bett gehen.

tip Und dann will der Schlaf nicht kommen.
Frauke Reese Genau. Es sind Teilnehmer dabei, die damit große Probleme haben. Alle bekommen CDs mit nach Hause, mit denen sie jeden Tag eine halbe Stunde üben. Etwa mit Medita­tion, um akzeptieren zu lernen, dass Gedanken so natürlich sind wie der Herzschlag, die Atmung, Stoffwechsel, Verdauung. Das heißt aber nicht, dass ich jeden Gedanken auch denken muss.

tip Was ist überhaupt bei der MBSR-Methode anders als bei anderen Anti-Stress-Methoden?
Frauke Reese Man lernt die Grundhaltung der Achtsamkeit zu verinnerlichen, also ins Hier und Jetzt zu kommen, wahrzunehmen und zu akzeptieren, was gerade ist – egal, ob gut oder schlecht. Dadurch wird einem bewusst, wann man unachtsam ist. Das hilft mir, immer wieder kleine Pausen zu machen und innezuhalten. Und man lernt, Achtsamkeit in den Alltag zu integrieren – angefangen von acht­samem Essen über achtsame Hausarbeit bis zum achtsamen Arbeits­alltag.

tip Was soll das sein, achtsame Hausarbeit? Langsameres Staubsaugen vielleicht?
Frauke Reese Nicht unbedingt langsamer. Sondern dass ich bewusst staubsauge und nicht in Gedanken irgendwo anders bin. Dann kann letztlich aus jeder Tätigkeit eine Meditation werden.

tip Seit wann arbeiten Sie mit der Methode?
Frauke Reese Seit 1999. An der Charitй gebe ich seit 2011 Kurse. Ich habe vorher andere Stress­bewältigungs­kurse gegeben und erkenne deutlich den Unterschied in der Effektivität.

tip Wie sind Ihre Erfahrungen?
Frauke Reese Vier Wochen nach dem Kurs gibt es Nachgespräche. Ich bin jedes Mal wieder überrascht, was alles in Bewegung kommt. Dass die Teilnehmer tatsächlich weiter ihre Meditation praktizieren, ihre Bewegungsübungen machen, den Alltag anders strukturieren, gelassener werden. Das ist schon erstaunlich.

tip Ein besonders augenfälliges Beispiel?
Frauke Reese Ich hatte mal eine Teilnehmerin mit Angst- und Panik­störungen. Nach dem Kurs konnte sie damit anders umgehen. Kontrollierter. Wenn sie in der U-Bahn gemerkt hat, dass wieder eine Panik­attacke kommt, hat sie sich auf das Hier und Jetzt konzentriert und meditiert: jetzt – dieser Moment – mein Atem – Füße auf dem Boden.

tip Man kann in der U-Bahn meditieren?
Frauke Reese Ja, warum nicht? Das mache ich auch nahezu täglich. Ich empfehle dafür Ohrstöpsel. Dann kann ich aus meiner Fahrt zur Arbeit eine Meditation machen. Es gibt mittler­weile auch Aufmerksamkeits-Apps.

tip Bitte was?
Frauke Reese Dass ich mir Gong-Töne runterladen kann. Wenn dann eine Klangschale ertönt, ist es für mich die Erinnerung: Ah, ein Moment für mich, hier und jetzt, mein Atem. Ganz bewusst. Ganz tief.

Interview: Erik Heier

Foto: Olly, Fotalia/ Privat

MBSR steht für Mindfulness-Based Stress Reduction. Das Programm wurde 1979 unter der Leitung von Jon Kabat-Zinn in Massachusetts, USA, entwickelt.

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