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Akram Khan eröffnet Tanz im August 2008

Akram-Khan-bahok-rehearsal_Liu-Yang„Warum ist dieser Akram Khan eigentlich so berühmt“, fragt der eine Zuschauer. Sagt der andere: „Weil er das schlechte Gewissen der Briten vertreibt.“ Khans Familie kommt aus Bangladesch, eine alte britische Kolonie. Von dort stammt auch der Bhangra-Pop, der jahrelang in jedem englischen Radio lief. Oder Talvin Singhs Drum’n’Bass mit indischen Tablas. Halb England tanzte in den Clubs zu seiner Musik. Akram Khan tanzte mit, als die asiatisch-britische Fusion in den 90ern so hip war wie Bollywood-Filme.

Fusion der Tanzstile

Akram Khan ist ein großer Choreograf, ein hinreißender Tänzer und ein Bengale in London. Er fusionierte den zeitgenössischen westlichen Tanz und den uralten Kathak-Tanz aus Nordindien. Seine getanzte Joint Venture der Kulturen ist ziemlich speziell, absolut modern und hat den Choreografen berühmt gemacht. „Bollywood macht großen Spaß, solang es Spaß bleibt“, sagt Akram Khan. Aber Kathak ist Kunst. Diesen Tanz lernt man nicht in drei Wochen.

Khan: „Im Kathak arbeitet man mit einem chaotischen Tempo, das sehr klar ist. Jeder Körper verfügt über eine Grenze von Schnelligkeit. Wenn man diese Grenze überschreitet, passiert etwas mit dem Körper: Die Schritte werden unklar, die Technik hinkt hinterher. Im Kathak überschreiten wir die Geschwindigkeitsgrenze häufig und laufen ins Chaos. Die Technik aber bleibt immer klar.“ Darum geht es Khan: „In das Chaos Klarheit zu bringen.“ Hochgeschwindigkeit, Klarheit, Technik: Das klingt sehr nach heute. Ist aber ein Tanzstil aus dem Mittelalter. Khan, der hübsche Mann mit der Glatze, packt einfach die Tradition und unseren Geschwindigkeitsrausch in einen Koffer. Und los geht’s – einmal um die Welt. Jetzt ist er in Berlin und eröffnet das Fes­tival Tanz im August. Akram Khan wirkt sehr asia­tisch und zeigt im nächsten Moment das reine britische Understatement. Der Mann steht für die gelebte und intelligent ausgekos­tete Globalisierung im Tanz.

Das Tanzstück als Netzwerkprodukt

Khans jüngstes Werk, mit dem er jetzt nach Berlin kommt, ist das Ergebnis seines weltweiten Netzwerkens. Das Stück „Bahok“ (Las­tenträger) wurde in Peking produziert, in London organisiert und mit Geld aus der europäischen Industrie finanziert, Sponsorengeld, das rechtzeitig vor Olympia in diverse Fonds und Stiftungen gegossen wurde, um die Chinesen mit westlicher Kultur zu be­glü­cken. Akram Khan mischt in seinem Stück Tänzer des Nationalen Chinesischen Balletts mit Koreanern, Spaniern, Indern, Slowaken, Südafrikanern – ein perfekt geeichtes Chaos aus tänzerischer Klarheit und Geschwindigkeit.

Akram Khan_RankinAkram Khans Stücke sind so in­ternational wie seine eigene Familie, die ihre Traditionen aus Bangladesch nach London gebracht hat. Und seitdem mit der Angst lebt, dass ihr Glauben und ihre Moral verdünnt, verfälscht oder vergessen werden könnten. Wie seine Schwester studierte Akram Khan auf Wunsch der Mutter den 500 Jahre alten indischen Tanz Kathak bei seinem Guru (Lehrer) Sri Pratap Pawar. Der Körper soll wissen, wo er herkommt. Diesen Kathak tanzte Akram Khan schon als Junge in Peter Brooks berühm­ten Bühnen­epos „Mahabharata“, später war er Tänzer bei Jonathan Burrows und in der Royal Shakespeare Company. Seinen Abschluss machte er an der Northern School of Contemporary Dance in Leeds, nur, um der Familie einen Hochschulabschluss zu zeigen. 1999 erhielt er den wichtigen Jerwood Choreo­graphy Award, ging ein halbes Jahr nach Brüssel und gründete 2000 seine eigene Kom­panie.

Kompanie in stetem Wandel

In seinen weltweit tourenden Stücken wie „Kaash“ (Wenn) und „Ma“ (Mutter/Erde) macht er vor allem klar, dass der zeitgenössische Tänzer seinen Körper restlos beherrscht, virtuos ist und eine phänomenale Technik hat. Es sind wie überall die Migranten, die immer etwas perfekter sein wollen als die Einheimischen. Akram Khans erster Schachzug ging dann so: Seine stets neu zusammengesetzte Kompanie organisiert er fast wie einst Serge Dia­ghilev seine legendären Ballets Russes, indem er die besten Künstler aller Sparten zum Mitmachen bewegt: den Bildhauer Anish Kapoor, den Schriftsteller Hanif Kureishi, den Licht­designer Mikki Kunttu und Orchester wie das Brüssler Ictus Ensemble. Er arbeitet mit Tänzergrößen wie Sidi Larbi Cherkaoui in „Zero Degrees“ und der Primaballerina assoluta Sylvie Guillem in „Sacred Mons­ters“. Nur beim Eröffnungstück von Tanz im August wird er nicht selbst auf der Bühne stehen. Denn er probt gerade ein Duo mit keiner Geringeren als der Oscar-Preisträgerin Juliette Binoche, der Filmschauspielerin, die von sich sagt, sie könne gar nicht tanzen.

Globalisierter Tanz

Mit seiner Strategie, den Tanz zu globalisieren, liegt Khan durchaus im Trend: Von China bis in die Filmstudios um­armt der Tanz die Welt. Dahinter steckt weniger eine künstlerische Entscheidung als der Markt. Ganz neu ist das nicht. Vor dem Ersten Weltkrieg, zur Hochzeit des Kolonialismus, reis­ten die klassischen Ballettkompanien auf Handelsschiffen um die Welt. Ballett wurde populär von Tokio bis Buenos Aires. Überall schossen Ballettschulen wie Pilze aus dem Boden. Heute macht der zeitgenössische Tanz dasselbe. Zwar kultiviert er nicht wie das klassische Ballett das stets gleiche Bild vom ver­zweifelt schönen Körper. Dafür feiert der Tanz, wie Akram Khan es formuliert – das Chaos. Für Khan bezeichnet Chaos ganz positiv einen mythischen Urzustand der Welt, das Unvorhersehbare, die Überschreitung, die Übertretung der Grenzen. Aber Grenzen überwindet man nicht, indem man alles irgendwie mit allem kombiniert. Khan will, wie jetzt in seinem Stück „Bahok“, die größtmögliche Distanz zwischen den Traditionen zeigen, zwischen Ballett und Kathak, zwischen China und dem Westen.

Das heilige Monster

Diese Fusion des am weitesten voneinander Entfernten nennt er das „heilige Monster“, wirkliche Fremde. Seine acht Tänzer aus China, Afrika, Europa und Asien wollen sich, jeweils in sich selbst und der eigenen Kultur verwurzelt, am restlos Anderen neu erfinden. Das ist für viele Menschen auf dieser Welt, besonders für die Inder und die Chinesen, genau die Definition der Globalisierung, die sie gerade am eigenen Leib erfahren. Spürbar ist das Chaos auch bei denen, die am Flughafen stranden. Wie in „Bahok“. Dort trifft alt­indische Kampftechnik auf chinesisches Ballett europäischer Herkunft, zarter Humor überall, der abgelöst wird von Bildern der Einsamkeit und Verlorenheit. Mal ist das Handy letzte Zuflucht, mal tanzt eine in den viel zu großen Schuhen ihres Vaters. Über ihnen auf der Anzeigetafel rattern die Buchstaben: „delayed“ oder „plea­se wait“. Die Zwi­schenzone in der globalen Verkehrswelt sieht aus wie eine aseptische Bühne. Der Wartesaal ist das Zentrum der Welt.

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