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Al-Quds-tag am Ku’damm

Al-Quds-tag am Ku’damm

Und dann rülpst die junge, dicke Frau im schwarzen Kleid. Ein Laut von beeindruckender Urgewalt. ­Direkt neben einem Polizisten. Der guckt konsterniert. „Können Sie nicht woanders hingehen?“ – „War doch nicht ins Gesicht.“ – „Ich muss es aber riechen.“ Sie schwenkt ihr Bier. „Wissen Sie, was ich alles riechen muss!“ Freitagnachmittag, kurz nach zwei Uhr, Adenauerplatz am Ku’damm. Nieselregen. Deeskalationswetter. Kann man gut brauchen. Jetzt, kurz vor Beginn der anti-israelischen Al-Quds-Demo. Die Bierfrau ist eine der wenigen Biodeutschen hier. Arabische Männer, Frauen mit Kopftüchern. Viele Kleinkinder auch. Drei Gegendemos an der Route Richtung KaDeWe. Eine jetzt schon direkt gegenüber. Die Polizei, mehr als 1?000 Beamte, steht quer auf dem Ku’damm, zwischen beiden. Wie eine Mauer.
Christopher Lauer von den Piraten wünscht der Berliner Polizei via Twitter noch rasch „’ne ruhige Hand“. Die rülpsende Frau ist die erste Nervenprobe für den Polizisten neben ihr. Bestanden. Gut so. Denn die Stimmung ist aufgeladen, wie schon seit Tagen. Spätestens seit bei Demonstrationen in Berlin gegen den Gaza-Krieg die Israel-Kritik in offenen Antisemitismus eskaliert ist. Kurz nach 15 Uhr: Die überwiegend arabischstämmigen Demonstranten – mit Palästina-, auch mit Hisbollah-Fahnen, einer schwenkt eine blutrot bemalte Babypuppe – biegen auf den Ku’damm ein. Richtung Joachimstaler Straße. „Wir werden dort auf unsere zionistischen Feinde treffen“, schallt es vom Lautsprecherwagen. Hin und wieder kleine Handgemenge mit Polizisten. Die behalten die Nerven, die Ruhe. Die Ordnung. An der Schlüterstraße: die zweite Gegendemo. Die nächste Wutprobe. Leute mit Israel-Fahnen und Popmusik. Ein banger Moment. Da formieren Polizeiwagen eine Kette, Stoßstange an Stoßstange, sie fahren zwischen die Fronten. Bis die Israel-Feinde vorbei sind. Dann löst sich die Gegendemo auf. Aus ihren Lautsprecherboxen schallt ein luftiger Song, „Lang lebe Israel“. Und vom Ku’damm wehen „Freiheit für Gaza“-Schreie rüber. Schon aus der Ferne.

Text: Erik Heier

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