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Bildhauerei

„Alfred Flechtheim. Kunsthändler der Moderne“ im Georg Kolbe Museum

Er förderte Arno Breker und floh vor den Nazis. Eine Ausstellung widmet sich dem Kunsthändler Alfred Flechtheim

Die Feste in seiner großbürgerlichen Wohnung in der Bleibtreustraße waren legendär. Bei Alfred Flechtheim – seine Galerie war am Lützowufer – trafen sich Neureiche und alter Adel, Halbwelt und Weltbürger. Der Boxer Max Schmeling und die Schöpferin des Berliner Bären Renée Sintenis zählten zu seinen Freunden. Als Händler, Sammler und Impulsgeber machte der international denkende Galerist die französische Kunst in Deutschland populär, suchte das Neue und zelebrierte den Zeitgeist.
1921 war der Sohn eines Getreidegroßhändlers, der die kaufmännische Lehrzeit in Paris verbrachte, nach Berlin gekommen. Charismatisch, zupackend, weltoffen, stets dandyhaft gekleidet: ein Netzwerker der Kunst. Das Georg Kolbe Museum widmet ihm eine großartige Ausstellung – die erste zu seinem bewegten Leben, seiner bislang unterschätzten Rolle für die europäische Kunstgeschichte und die moderne Skulptur.

Flechtheims einflussreiches Schaffen fand mit dem Nationalsozialismus ein jähes Ende. Er geriet zunehmend in den Fokus von Hetzkampagnen und emigrierte 1933 nach London, wo er 59-jährig starb. Das ist bis heute kaum bekannt. Aber nicht nur deshalb ist die von Direktorin Julia Wallner entworfene  Schau so aufschlussreich und gelungen. Sie beweist auch Mut und gibt Einblicke in die Berliner Zeitgeschichte. Künftig wird man am Stolperstein für Bertha Flechtheim innehalten (Düsseldorfer Straße 44-45), die sich 1941 vor ihrer Deportation das Leben nahm, und an das Schicksal ihres Mannes denken.
Der schrieb an den Schweizer Sammler Oskar Reinhart über seine Emigration: „Ich habe gestern Berlin und zwar für immer verlassen. Meine Galerien da und in Düsseldorf werden geschlossen. Kein Platz mehr für mich. (…) Hätte ich mich nicht mit Hofer, Kolbe, Renée (Sintenis), Klee und mit den Franzosen beschäftigt, kümmerte man sich nicht um mich, ja, man hat mir angedeutet, dass, wenn ich auf diese Künstler verzichte, ich ruhig weiter Kunsthändler sein dürfte!!! Dann lieber richtig arm im Ausland als Verräter.“

Das Janusgesicht der Zeit spiegelt sich 1928 in einer Büste Arno Brekers, die den russischen Bildhauerkollegen Moissey Kogan zeigt. Damals lebten beide in Paris. Kogan wurde in Auschwitz ermordet, Breker entschied sich für die Rückkehr nach Deutschland und avancierte zum Staatskünstler.

Vor seiner Karriere im „Dritten Reich“ zählte Breker wie Rudolf Belling, Ernst Barlach, Edgar Degas, Ernesto de Fiori, Aristide Maillol, Gerhard Marcks und viele andere, deren Skulpturen die Ausstellung versammelt, zu den Bildhauern der Galerie Flechtheim, was er zwischen 1933 und 1945 aber verschwieg. „Wir haben lange überlegt, ob wir Breker integrieren sollen“, sagt Julia Wallner. Doch Flechtheim habe ihn gefördert. An einer kleinen „Kauernden“ kann man noch den französischen Einfluss sehen. Natürlich solle Breker „nicht salonfähig“ gemacht werden. Er ist nur ein Bausteinchen im Gesamtbild einer reichhaltigen, spannenden Ausstellung. Viele Werke hat Flechtheim in deutsche Museen vermittelt (auch Malerei, etwa von Beckmann und Grosz). Zu den Leihgaben gehören zwei Tänzerinnen von Degas. Die nach dessen Tod im Atelier aufgetauchten Wachsmodelle ließ Flechtheim gießen.
Ein „Initiationspunkt der Moderne“ seien Flechtheims Vermittlungskünste gewesen, so Wallner, denn in den Museen wurde bis dahin ganz anderes gesammelt. Flechtheims freiheitliche Gesinnung, die sehr unterschiedliche Künstler und Künstlerinnen propagierte, wirkt progressiv. Damit passt der legendäre Kunsthändler gut in unsere Tage.

Georg Kolbe Museum Sensburger Allee 25, Charlottenburg, tgl. 10–18 Uhr, bis 17.9.

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