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Älter werden? Supergeil!

Älter werden? Supergeil!

Wie funktioniert Älterwerden in der Subkultur und in Kulturmilieus, die sich am liebsten für jung, nonkonformistisch und subversiv halten? Riecht das Alter, das je nach Blickwinkel und eigenem Alter irgendwo jenseits von 25, 30, 40 oder 50 anfängt, nicht etwas schlecht, irgendwie nach Biedermeier und dem Spießer, der vom Leben nichts mehr will als seine Ruhe? Oder, noch schlimmer, nach dem lächerlichen Berufsjugendlichen mit Wampe und spärlichem Haar, der angestrengt der längst vergangenen Jugend hinterherzappelt?
Vielleicht kann man ja auch mit etwas Stilsicherheit bestens älter werden, ohne in Saturiertheit und Langeweile zu versinken. Nicht nur, weil wir sowieso alle immer älter werden. Vielleicht haben wir auch gar keine andere Wahl, wenn sich jugendliche Suchbewegungen, berufliche und private Provisorien und biografische Übergangsstadien über Jahrzehnte hinziehen. Das alte Versprechen, Jugend sei per se attraktiv und stehe damit für ein aufregendes Leben, wirkt eigentlich nur in den Bilderwelten der Werbung. Der Zwang, sich am Arbeits- und Beziehungsmarkt ausschließlich als jung oder jung geblieben zu vermarkten, ist eine der plumperen neoliberalen Zumutungen. Die Werbung weiß natürlich, dass gerade ältere Zielgruppen auf keinen Fall als ältere Zielgruppen adressiert werden wollen – wer älter wird,  der will als Konsument für jung gehalten werden. Spätestens also, wenn Jugend zum Verkaufsinstrument wird, ist lässiges Altern und die Komplettgleichgültigkeit beim Geburtsjahr des Gegenübers die angemessene Haltung und Antwort.
Das zeigen uns nicht zuletzt die vermeintlich alten Künstler. Rainald Goetz, der Pop-Beauftragte der Suhrkamp-Literatur, ist im Mai 60 geworden. Frank Castorf, auch schon 63, ist immer noch der Daddy Cool des wahrhaft radikalen Theaters und natürlich aufregender als die arrivierten Endvierziger und die Nachwuchsregiekräfte am – sagen wir mal – Deutschen Theater. Auch Renй ­Pollesch geht mit Anfang 50 nicht mehr als Jungspund durch.
Jung sein heißt nicht nur, dass der Horizont der Möglichkeiten offen ist. Es heißt auch: Sich in der Konkurrenz beweisen zu müssen, um im Rennen um einen guten Job nicht abgehängt zu werden. Ob das dann für unangenehme Regungen von Verbissenheit und Opportunismus sorgt oder eher für gut gelaunte Aufbruchsstimmung, hängt vom Naturell ab. Zwei Lebensjahrzehnte später ist dieses Spiel weitgehend gelaufen. Wer sich mit Mitte 40 weit weg von allen Karrierechancen eingerichtet hat, der kann sich die Mühe sparen, jetzt noch größeren Ehrgeiz zu entwickeln. Und wer irgendwo angekommen ist, muss sich nicht mehr alles gefallen lassen. So oder so weiß man mit 40 eher als mit 20, was man vom Leben will und was man von ihm zu erwarten hat. Das sorgt mit etwas Glück dafür, dass man die Dinge entspannter angeht. Und derzeit dürfte niemand die Dinge so entspannt angehen wie Friedrich Liechtenstein. Man könnte sagen, dass er sein Desinte­resse an Karriere, Status und Fremdbestimmung sehr lässig zum Beruf gemacht hat.
Der Grund dafür, dass Friedrich Liechtenstein derzeit der beliebteste Vollbart der westlichen Welt ist, liegt natürlich nicht nur an seinen supergeilen Song-Texten und seinem charmanten Wesen. Oder daran, dass ja ?irgendwer beweisen muss, dass in Berlin-Mitte nicht nur Neospießer wohnen. Friedrich Liechtenstein, der Bonvivant ohne regelmäßiges Einkommen, führt als in die Jahre gekommener Tunichtgut in einem Alter weit jenseits der werberelevanten Zielgruppen vor, dass man ein Leben ohne Festanstellung und Interesse an äußeren Erfolgen, dafür aber mit viel Eigensinn genießen kann. Sein Leben dürfte sein größtes Kunstwerk sein. Und ganz nebenbei nimmt uns der Mann auch noch die Angst vorm Älterwerden.

Text: Peter Laudenbach

Foto: Ralph Anderl

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