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Analog ist besser – Lob der Schallplatte

Analog ist besser - Lob der Schallplatte

Die Musik ist flüchtig geworden. Kühl und digital kommen die Töne aus der Box – falls die Bandbreite stimmt, es keinen Ausfall beim DSL-Provider gibt und sich die Global Player der Musikindustrie auf ein Geschäftsmodell einigen. Es ist ein technischer Fortschritt, dass Musik immer, überall und in großen Mengen verfügbar ist. Egal ob als Download oder Streaming.
Aber warum ist die Vinylschallplatte unsterblich? Musik von analogen Tonträgern ist kein Nischenthema mehr. Im Spielfilm „Gefühlt Mitte Zwanzig“ schauen die Mit-zwanziger Filme von VHS-Kassetten und sie hören Musik von Schallplatten. Die auf junge Kunden spezialisierte Modekette Urban Outfitter hat auch Musik im Angebot: auf Vinyl, manchmal sogar als exklusive Pressung, wie das aktuelle Album „Honeymoon“ von Lana del Rey – und dazu passend gibt es jetzt nostalgische Plattenspieler. Aber auch Läden, die sich nur auf Vinyl spezialisieren, haben wieder ihr Auskommen. Wer am Paul-Lincke-Ufer unterwegs ist, kann die grauen Tüten vom Plattenladen Hard Wax nicht übersehen, in denen Berliner und Touristen ihre neuen Scheiben davon tragen. Und als das Berghain-Plattenlabel Ostgut Ton im Oktober zum zehnten Jubiläum eine limitierte Box mit zehn Maxis und dem Artwork vom Künstler Wolfgang Tillmans veröffentlichte, waren die 900 Exemplare in kürzester Zeit vergriffen. Dabei sind weder Anbieter noch Käufer Fortschrittsfeinde – zur Ostgut-Vinyl-Box gibt es die Stücke als digitale Downloads dazu.
Eine Frage des Alters ist das Comeback der Schallplatte nicht, man muss auch nicht dabei gewesen sein, als sie und die Tonbandkassette noch Alltag waren. Den warmen, analogen Sound, das schwarze, schwere Vinyl und das oft besondere und stilvoll gestaltete Artwork der Plattencover möchten Musikfans jeden Alters nicht missen. Das PDF, das es manchmal bei Itunes dazu gibt, kann da nicht mithalten. Ganz davon zu schweigen, dass die Musik womöglich plötzlich von der Festplatte oder aus dem Streamingangebot verschwindet, weil sich die Geschäftspolitik des Anbieters ändert: lieber die Platte in der Hand als flüchtige Daten aus der Cloud.
Es ist jedoch nicht das Medium allein, das fasziniert. Die Abspielgeräte sind genauso wichtig. Im HiFi-Fachhandel kann man viel Geld für die beste Technik ausgeben und im nächsten Jahr wird wohl der legendärste Plattenspieler, der Technics SL-1200, endlich einen Nachfolger bekommen. Auf der Berliner Funkausstellung im September gab es schon einen Prototypen zu sehen.
Der Berliner Künstler Jay Gard baut Objekte und Installationen aus Sperrholz, wie vollfunktionsfähige Plattenspieler. Die Werke sind gefragt. Laut seiner Galerie sind aus den bis jetzt erschienenen sechs Editionen nur noch Einzelstücke verfügbar. Das liegt wohl zum einen daran, dass Jay Gard als junges Talent mit Zukunft gilt, aber sicher spielt es auch eine Rolle, dass man mit dem Plattenspieler und der richtigen Plattensammlung über ein echtes Gesamtkunstwerk verfügt.
Die Digitalisierung ist Alltag. Aber niemand hindert einen, innezuhalten, die Scheibe aus der Hülle zu nehmen, aufs Abspielgerät zu legen und den Klang, den die Nadel aus den Rillen holt, in den eigenen vier Wänden zu genießen. Und wenn es mal knistert, dann nimmt man das als Zeichen wahrer Authentizität gern in Kauf.

Text: Stefan Sauerbrey

Foto: Anthea Schaap

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