Kultur

Angst essen Seele auf

Angst essen Seele auf

Mit der ersten Saison am neuen Maxim Gorki Theater ist den Intendanten Shermin Langhoff und Jens Hillje mehr als ein schöner und sehr erfolgreicher Neustart gelungen: Sie haben mit einem beeindruckenden Ensemble bewiesen, dass das Label vom postmigrantischen Theater mehr als ein Label ist, dass es nicht nur in der kleinen Nische funktioniert und dass sich unter dieser spezifischen Perspektive viele Geschichten jenseits der Klischees erzählen lassen.
Zum Spielzeitende erzählt der Regisseur und Autor Hakan Savas Mican eine vier Jahrzehnte alte Geschichte noch mal neu: Er holt Rainer Werner Fassbinders Melodram „Angst essen Seele auf“ von 1974 in die Gegenwart – und gibt dabei der von einer spießig ressentimenterfüllten Umgebung bösartig belauerten Liebesgeschichte zwischen dem jungen türkischen Gastarbeiter Ali (Taner Sahintürk) und der älteren deutschen Putzfrau Emmi (Ruth Reinecke) einen optimistischeren Grundton. Vielleicht haben sich in den letzten vier Jahrzehnten ja zumindest ein paar Vorurteilsblockaden in der Mehrheitsgesellschaft gelockert. Mican erzählt das warmherzig, mit schöner Leichtigkeit und gibt dabei den Figuren ganz ironiefrei eine selbstverständliche Würde.
Ruth Reinecke ist, anders als Brigitte Mira in Fassbinders Film, keine Mutti-Figur, sondern eine feine, auf leise Weise selbstbewusste, ihrer Gefühle sichere Frau. Sahintürk, einer der erfreulichsten Schauspieler im Gorki-Ensemble, zitiert in seiner Körperspannung zwischen latenter Aggression, Spott und Empfindlichkeit ein wenig den jungen Fassbinder und bleibt immer direkt und schnörkellos: „Ich bin so glücklich und habe Angst.“

Text: Peter Laudenbach

Foto: Thomas Aurin

tip-Bewertung: sehenswert

Angst essen Seele, Maxim Gorki Theater, Do 19.6., Di 1.7., 19.30 Uhr, Karten-Tel. 20 22 11 15

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