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Zwischenbilanz

Annemie Vanackere ist seit fünf Jahren Intendantin am HAU

„Glamour braucht Inhalt“: Nach fünf Jahren am HAU freut sich Intendantin Annemie Vanackere auf weitere fünf HAU-Jahre. Wofür steht die souveräne Belgierin?

Foto: Dorothea Tuch

Derzeit klagen Belgier, die in Berlin ein Theater zu leiten versuchen, ja gerne über diese schreckliche Stadt, die sie nicht liebt (was, wenn es stimmt, nicht an Berlin liegen muss). Als Annemie Vanackere, auch eine Belgierin, vor fünf Jahren als HAU-Intendantin anfing, freute sie sich auf die neue Aufgabe, auf die neue Stadt und darauf, ihr Programm vorzustellen. Fünf Jahre später sitzt sie zu Beginn der Spielzeit bestens gelaunt in ihrem winzigen Büro im Erdgeschoss des HAU 2. Ihr Vertrag wurde bis 2022 verlängert, sie hat es geschafft, ihren lange unterfinanzierten Etat zu stabilisieren, und sie hat jede Menge vor. Zeit für eine Zwischenbilanz mit der Aussicht auf weitere fünf HAU-Jahre.

Der Start ihrer Intendanz war 2012 nicht ganz unkompliziert, auch wenn es vielleicht ein wenig übertrieben war, dass der tip damals geschrieben hat, schwerer als sie „dürfte es ein neues Team selten gehabt haben“. Vanackeres Vorgänger Matthias Lilienthal hatte das HAU erfunden und zu einem der wichtigsten Produktions- und Aufführungsorte der freien Szene gemacht. Damals ging die Genrebezeichnung einer Performance noch als aufregendes Versprechen durch und war nicht wie heute schlicht ein Genre unter anderen, das genau so öde oder toll, so dumm oder klug wie konventionelles Theater sein kann. Vanackere hatte also mindestens zwei Probleme: den Ballast des Vorgängers, damals ein Berliner Godfather of Performing Arts – und die Tatsache, dass die Theaterkultur-Revolution von Performing Arts und Postdramatik in der Routine angelangt war. Vanackeres Antwort war klug: Sie verabschiedete sich vom Hau-drauf-Tonfall ihres Vorgängers und dessen behauptetem politischem Aktivismus (der am Ende auch nur Theater war) mit Mitteln des Theaters. Ihr das als Entpolitisierung auszulegen wäre angesichts von Programmen wie dem Peter Weiss- oder dem Heiner Müller-Schwerpunkt der vergangenen Spielzeit etwas unfair.

Eher kann man bedauern, dass das Interesse an den weniger gepflegten Teilen der Stadt und an Milieus, für die sozialer Ausschluss kein akademisches Thema, sondern Lebensrealität ist, am HAU deutlich nachgelassen hat. Eine künstlerisch wie politisch gelungene Arbeit wie Constanza Macras’ „Scratch Neukölln“, die unbedingt den ­Charakter von Lilienthals HAU mitgeprägt hat, ist heute am HAU eher schwer vorstellbar. Das ist schade und ein Verlust für dieses Theater.

Statt auf Lilienthals Durchlauferhitzer-Programm setzt Vanackere auf größere inhaltliche Konzentration – etwa mit Künstler­werkschauen, längeren Aufführungsserien und Wiederaufnahmen oder mit der Befreiung vom marketinggetriebenen Zwang zur Uraufführung: Eine gute Inszenierung wird nicht schlechter, wenn sie davor schon in Brüssel, Paris oder Wien zu sehen war.
Mit dieser Souveränität hat Annemie Vanackere Jérôme Bels „Disabled Theater“ zur Eröffnung ihrer Intendanz gezeigt, ein Stück, das prompt zum Theatertreffen eingeladen wurde und dessen allerletzte Vorstellung jetzt im ­November noch einmal im HAU gastiert. Zu den wichtigsten Plänen Vanackeres gehört die Stabilisierung des HAU als Produktionsort – am besten mit eigenen Proberäumen und größerer finanzieller Unabhängigkeit von kurzfristig gewähren Förderungen. Beharrlich wie sie ist, wird sie auch das erreichen.
Dank Vanackere wurde am HAU der Tanz wichtiger; alte HAU-Wegbegleiter wie Anne Teresa de Keersmaeker blieben ihr verbunden. Eines ihrer Arbeitsprinzipien: langfristige, von gegenseitigem inhaltlichen Interesse getragene Arbeitbeziehungen zu den programmprägenden Künstlern.

Auch deshalb bleibt sie sehr gelassen, wenn ihr die neue Volksbühne jetzt, eher dank übergroßer Budgets als dank inhaltlicher Interessen, gezielt Künstler wie Charmatz oder Ingvertsen abwirbt. Nicht jede Abwerbung ist ein Verlust für das HAU, bedeutende Künstler wie Anne Teresa de Keersmaeker oder Tim Etchells bleiben dem HAU nach ihren Abstechern an Chris Dercons Gastspieltheater treu – kein Grund zur Sorge also, zumindest nicht für Vanackere.

Zu Beginn ihrer Intendanz markierten schon die neuen Plakate, auf denen putzige Tiere dem Betrachter entgegenblickten, einen deutlichen Bruch mit der Boxkampf-Ästhetik auf den Plakaten ihres eher ruppigen Vorgängers. ­Natürlich war das nicht nur lustig und etwas niedlich, sondern wie vieles an Vanackeres HAU wohlüberlegt und sauber theorie-unterfüttert, in diesen Fall etwa von den Schriften der US-Theoretikerin Donna Haraway und ihrer Infragestellung des menschlichen Blicks auf die übrigen Geschöpfe. Jetzt erinnert das aktuelle Programm wieder an das damals zutage tretende Interesse an der Ausdruckskraft der Tierwelt: Der Spielzeitbeginn gehört dem Maulwurf (siehe Vorfreude Seite 41). Und das Motto des Programmschwerpunkts („Der Maulwurf macht weiter“) passt natürlich nicht ganz zufällig sehr gut dazu, wie Vanackere das HAU bespielt.

Ihr Stil ist eher der raffinierte Umweg als der Frontalangriff. Das gilt erst recht beim Versuch, mit zeitdiagnostischer Kunst gesellschaftliche Verhältnisse anders in den Blick zu nehmen als andere Medien – etwa wenn ein geplanter HAU-Schwerpunkt die Veränderungen im gentrifizierten, wachsenden Boom-Berlin mit dem vom Niedergang einer alten Industrie verwüsteten Detroit kreuzt. Vanackere hat eine schöne Formel für diese Herangehensweise: „Echter Glamour braucht Inhalt.“

Der Maulwurf wäre überhaupt ein gutes Wappentier für ihr HAU: Lieber mit freundlichem Auftreten unterschätzt werden als rumtönen – aber beharrlich den Untergrund aufwühlen, nach den eigenen Regeln spielen und sich für Macht-Konstellationen vor allem interessieren, um sie auseinander zu nehmen; in den letzten Jahren etwa mit Schwerpunktthemen wie „The Power of ­Powerless“ oder „Weiß Männlich Hetero.“ Wer einen Garten hat, weiß, wie unbesiegbar Maulwürfe sind und wie eine Landschaft aussieht, wenn sie ihr subversives Werk verrichtet haben. Von fest gefügter hierarchischer ­Ordnung ist dann jedenfalls nichts mehr übrig.

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