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Anwohnerprotest am Schöneberger Gasometer

GasometerHeike Tropisch traute ihren Augen kaum, als sie Anfang September die Straße betrat. Von einem Tag auf den anderen hatte sich der Park vor ihrer Haustür in eine riesige Baustelle verwandelt. „In einer Nacht-und-Nebelaktion wurde der Cheruskerpark einfach abgesperrt.“ Und dann begannen die Rodungsarbeiten, denen eine Viel­zahl der Bäume und Sträucher und ein Spielplatz zum Opfer fielen. Die Anwohnerin ist empört und zweifelt am Bauvorhaben: „Völlig unnötig. Alles nur, um eine gut überwachbare kahle Rasenfläche zu bekommen.“ Mit der Abholzung des Cheruskerparks startet das Bauprojekt rund um den Schöneberger Gasometer.
2007 erwarb das private Projektentwicklungsunternehmen Denkmalplus das rund 55.000 Quadratmeter große Gelände um den Schöneberger Gasometer. Auf dem ehemaligen Gasag-Gelände soll in und um den unter Denkmalschutz stehenden 80 Meter hohen Niedrigdruckgasbehälter das Europäische Energieforum (EUREF) entstehen – eine Austauschplattform zum Thema Energie zwischen Vertretern aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. Geplanter Höhepunkt: die Errichtung einer privaten Energie-Universität mit einem eigenständigen Masterstudiengang zum Thema Energie. Außerdem sind gastronomische Einrichtungen, Firmensitze sowie ein Hotel mit eigenem Seminar- und Veranstaltungsbereich vorgesehen.
Die Universität scheint zurzeit nicht im Vordergrund des Investoreninteresses zu stehen. Dafür hat das EUREF Institut jetzt einen Beratungsvertrag mit dem Innovationszentrum für Mobilität und Wandel, einer Tochter der Bahn AG, dem Wissenschaftszentrum Berlin und der Deutschen Telekom geschlossen. Inhaltliche Schwerpunkte sollen sein: Geothermie, Elektromobilität und CO2-freies Bauen.
Die Mitglieder der Bürgerinitia­tive Gasometer, die sich Anfang 2008 gründete, befürchten, dass ein riesiger Büro- und Wohnge­bäu­dekomplex in ihrer direkten Nachbarschaft entsteht. Damit würden viele der nahegelegenen Wohnungen verschattet und das ohnehin mit Freiflächen unterversorgte Gebiet noch dichter besiedelt werden.

Gasometer
Ganz unbegründet sind diese Befürchtungen nicht. Mit der Genehmigung des „Bebauungsplans 7-29“ von der Bezirksverordnetenversammlung Tempelhof-Schö­­­neberg wurde der Weg für eine sehr dichte Bebauung des Geländes rund um den Gasometer geebnet. Trotz Drängen der Anwohner wurde die Nutzung nicht auf wissenschaftliche Zwecke begrenzt. Immerhin konnte eine Begrenzung der Bauhöhe durchgesetzt werden. „Dafür darf mehr in die Breite gebaut werden“, erklärt Alexander Ziemann von der Bürgerinitiative. Dass das Europäische Energieforum überhaupt in der Dimension Gestalt annimmt, glaubt er aber nicht. „Seit der Bankenkrise haben die Banken kein Interesse mehr an der Finanzierung größerer Bauprojekte. Dem Projekt mangelt es derzeit an Investoren.“ Aber nicht an Unterstützern. Nachdem Gerhard Hofmann, Sprecher der EUREF AG und Geschäftsführer des Instituts, wegen „unüberbrückbarer Differenzen“ kürzlich ging, wird nun Ex-Außenminister Joschka Fischer als zukünftiges Zugpferd für das 600 Millionen Euro schwere Bauprojekt gehandelt. Ob er mehr Erfolg bei der Investorenbeschaffung hat, bleibt abzuwarten. Die ersten Baukräne sollen sich aber noch in diesem Jahr drehen.
EUREF-Geschäftsführer Andreas Knie: „Auf dem Gelände wird in diesem Jahr mit dem Um- und Ausbau des Messebaus begonnen sowie mit der Etablierung eines Veranstaltungsraumes direkt im Gasometer.“

Text: Sabine Käsbohrer

 

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