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Armin Petras über seinen Abschied vom Maxim Gorki Theater

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Armin Petras, 48, leitet seit sechs Jahren das Maxim Gorki Theater. Seine Intendanz am kleinsten und finanziell am schlechtesten ausgestatteten Berliner Staatstheater war künstlerisch und beim Publikum so erfolgreich, dass er zum Bedauern vieler Berliner Theatergänger (auch des tip-Theaterredakteurs) mit der kommenden Spielzeit an ein wesentlich größeres Haus wechselt: Er geht als Intendant des Württembergischen Staatstheaters nach Stuttgart. Als Regisseur und Intendant steht Petras für ein politisches Theater der Wirklichkeitserkundung – ohne Phrasen und Parolen, dafür mit ­einer schönen, unverkitschten Menschenfreundlichkeit. Besonders gerne inszeniert Petras Uraufführungen des Dramatikers Fritz Kater, was daran liegen könnte, dass ­Kater sein Alter Ego als ­Stückeschreiber ist.

Am 9.1.2013 gab das Maxim Gorki Theater bekannt, dass das Stück bis auf weiteres nicht mehr gespielt wird, so lange die Auseinandersetzungen mit der Witwe von Robert Enke nicht ausgeräumt ist.

 

Herr Petras, was interessiert Sie als Regisseur an den drei unterschiedlichen Krisen-Zuständen, von denen Fritz Katers Stück „Demenz Depression und Revolution“ erzählt?  
Genau das: die Krise. Krise ist ein absolut zentraler Punkt für Theater. Und ich habe viele Jahre Stücke aus der deutschen Geschichte inszeniert, von Kleist bis Einar Schleef. Jetzt finde ich es einfach spannend, Geschichten von heute zu erzählen.

Der erste Teil des Stücks erzählt semidokumentarisch in vielen Momentaufnahmen berührend von Demenzkranken. Ist es schwierig, über so ein Thema öffentlich zu sprechen? Wenn Prominente ihre Alzheimer-Erkrankung öffentlich machen, ist die öffentliche Reaktion nicht frei von Voyeurismus.
Total. Was wir machen, ist der Versuch, sich da hineinzubegeben. Das ist eine Montage aus vielen Fakten, Poesie, dokumentarischen Passagen, auch aus Gesprächen mit Angehörigen und Betroffenen; ein Versuch, in diese Zustände hineinzugehen. Das ist eine völlig andere Erzählweise als im zweiten Teil …

… in dem die Depression eines Fußballprofis erzählt wird, der sich am Ende umbringt. Das hat offenkundige Parallelen zum Leben des Bundesliga-Torwarts Robert Enke.
Das ist straight durcherzählt, eigentlich eine kitschige Liebesgeschichte, die die Mechanik eines Lebens und einer Krankheit beschreibt, hoffentlich mit einer bestimmten Geschwindigkeit und einer bestimmten Präzision. Christoph Schlingensief schreibt in seinem letzten Buch über den Selbstmord von Robert Enke, eine Tagebucheintragung, sinngemäß: Gestern hat sich der Torwart Robert Enke umgebracht. Er hat seine Antennen noch nicht abgebrochen. Das ist ein tolles Bild von Schlingensief. Diese Antennen abzubrechen verlangt die Gesellschaft von uns. Interessant ist ja auch die öffentliche Anteilnahme an Robert Enkes Tod. Zu seiner Trauerfeier kamen 40?000 Leute, als hätte er wie Jesus stellvertretend für uns etwas auf sich genommen.  

Wir alle kennen Menschen, die älter und vielleicht auch dement werden. Wir kennen Menschen, die in ihrem Leben zeitweise zumindest in der Nähe depressiver Zustände waren. Hat es auch persönliche Gründe, dass Sie sich jetzt mit Themen wie Demenz und Depression auseinandersetzen?
Sicher. Die Einschläge kommen näher. Vor einiger Zeit hat ein Hamburger Intendant seinen Vertrag gekündigt, weil er Depressionen hatte. Eine andere Verbindung zum Fußballer im zweiten Teil: Ich habe mal Fußball gespielt, bei der Jugend von Rotation Berlin. Michael Klammer, der das jetzt spielt, war wirklich Jugend-Profi-Fußballer. Viele Theaterleute waren vor ihrer Theaterkarriere Sportler. Alvis Hermanis zum Beispiel hat Eishockey gespielt. Theater ist die B-Variante (lacht).

Kater nennt sein Stück im Untertitel eine „Studie zu drei Mythen der Gegenwart“. Ein Mythos ist immer auch etwas, was sich rational nicht erklären lässt. Was an Demenz oder Depression ist so unerklärlich?
Weltweit arbeiten 60 Forscherteams an der Erforschung der Demenz. Sie wissen, was sie bewirkt: Eiweißverbindungen im Gehirn werden an ein, zwei Stellen falsch weitergegeben. Aber man weiß weder, wie das entsteht, noch, wie es sich heilen lässt. Die Natur will sich ihr Geheimnis nicht wegnehmen lassen.  

Beim Selbstmord des Fußballers Robert Enke konnte man schnell Erklärungen über den Zusammenhang von Leistungsgesellschaft und Konkurrenz mit Depression lesen. Fritz Katers Text liest sich, als wären ihm solche Kurzschlüsse etwas zu platt.
Das ist auch zu platt. Aber natürlich sind Sportler Ikonen der Leistungsgesellschaft. Aber ich hoffe, dass es kein ideologischer Text ist, sondern ein Text und eine Inszenierung, die für verschiedene Lesarten offen sind. Weder Herr Kater noch ich haben Erklärungen für irgendetwas. Aber alleine indem wir uns bei den Proben wochenlang mit solchen Zuständen wie einer Depression oder einer Demenz beschäftigen, kommen wir hoffentlich dem Gefühl etwas näher, was in solchen Zuständen passiert.

Der Profi-Fußballer musste seine Depression vor der Öffentlichkeit verbergen. Wie ist das im Theater?
Ich habe im Theater noch nie einen gehört, der gesagt hat, ich kann jetzt nicht mehr arbeiten, es geht mir zu schlecht, ich bin depressiv.

Weil es im Theater allen so gut geht oder weil man solche Zustände lieber versteckt?
Ich glaube Letzteres. Ich glaube nicht, dass es allen an allen Theatern gut geht.

Armin_Petras_c_schnitgerTheater beansprucht gerne für sich, gesellschaftliche Krisen und die menschlichen Kollateralschäden des Kapitalismus zu benennen. Was man auf der Bühne gerne kritisiert, wird hinter der Bühne praktiziert, wenn im Theater der Konkurrenzdruck mit einiger Härte funktioniert?
Absolut. Das kann vielleicht auch gar nicht anders sein. Theater ist ein Teil der Konkurrenzgesellschaft und in vielerlei Hinsicht ihr Spiegelbild. Aber es gibt Momente, die hoffentlich davon frei sind: in der geschützten Situation einer Probe, in einem weitgehend angstfreien Raum. Anders kann Theater nicht funktionieren, zumindest nicht meines. Aber in dem Augenblick, in dem man diesen geschützten Raum verlässt und an die Öffentlichkeit geht, wenn die Presse reagiert, wenn vielleicht mal zu wenige Zuschauer kommen, wenn Kollegen vielleicht auch Angst um ihre Karriere haben, ist das sofort wieder eine völlig andere Situation. Natürlich ist ein Schauspieler oder ein Regisseur deutlich ungeschützter als zum Beispiel ein Apotheker. Wir kriegen, ich jedenfalls, mindestens alle zwei Monate was auf die Fresse, von den unterschiedlichsten Seiten. Wenn zum Beispiel einem Kritiker eine Aufführung nicht gefällt, lesen das am nächsten Tag viele Leute. Nicht alle Schauspieler und nicht alle Zuschauer sind immer glücklich und zufrieden mit meiner Arbeit. Das Echo ist deutlich und es ist nicht immer nur freundlich.

Sie sind ja alles andere als larmoyant oder frustriert. Aber besteht der Beruf des Intendanten zu einem nicht kleinen Teil daraus, zu versuchen mit diesem Echo halbwegs produktiv umzugehen, ohne zu verhärten?
Zum Beruf gehört – wie im Leistungssport –ein gewisser Druck, das ist so. Aber ich habe keinen Grund zu jammern, ich habe mir diesen Beruf ja ausgesucht. Wichtig war am Maxim Gorki Theater die inhaltliche Auseinandersetzung mit bestimmten Stoffen. Es gehört dazu, immer wieder Themen in den Fokus zu nehmen, die woanders kaum vorkommen, Projekte wie „Über Leben im Umbruch“, andere Publikumsmilieus, junge Autoren. Oder die Beschäftigung mit der DDR-Geschichte in einer Inszenierung wie „Rummelplatz“ nach dem vergessenen 50er-Jahre-Roman von Werner Bräunig. Oder die Auseinandersetzung mit Littells Roman „Die Wohlgesinnten“.

Zum Druck am Maxim Gorki Theater gehört, dass es schlecht finanziert und nie vor unsinnigen Schließungsüberlegungen in der Politik sicher ist, falls es mal ein, zwei Jahre zu erfolglos arbeitet.
Wegen diesem Druck gehe ich ja auch.

Das Maxim Gorki Theater war Ihre erste Intendanz. Wie haben Sie sich in den sechs Jahren dieser Intendanz verändert?
Ich bin älter geworden (lacht). Es gibt andere Prioritäten. Theater ist nicht mehr alleine das Zentrum meines Lebens. Bestimmte Vorgänge des Aufladens sind wichtiger geworden.

Also Zeit mit Frau und Kindern?
Zum Beispiel. Es ist mir wichtiger geworden, mich mit bildender Kunst auseinanderzusetzen. Es gibt andere Sorten von Sehnsüchten. Was das Theater selber angeht, ist die Illusion endgültig weg, dass man ein Haus dieser Größe als große freie Gruppe betreiben kann. Das hatte ich am Anfang noch gedacht. Ich stehe als Intendant unter dem Zwang, hier am Haus eine Nummer eins zu sein und darzustellen: für die Menschen, die hier arbeiten, und nach draußen. Das war nicht etwas, das ich wollte, das musste ich lernen.

Immerhin waren Sie so erfolgreich, dass das Haus während Ihrer Intendanz nie zur Disposition stand – keine kleine Leistung. Offenbar konnten Sie den Intendanten-Job ziemlich gut.
Das müssen andere entscheiden. Es hat irgendwie funktioniert. Aber es war ein Lernprozess. Ich war im ersten Jahr phasenweise völlig fertig. Ich habe mein Handy keine Sekunde ausgeschaltet, nicht am Sonntag, nicht, wenn ich im Wald war. Ich erinnere mich an die Angst des ersten Jahres. Angst, es nicht zu schaffen; Angst, die falschen Entscheidungen zu treffen; Angst, es nicht zu können.

Gehört es für Sie zur Aufgabe eines Intendanten, immer wieder die angstfreien Räume, von denen Sie vorhin gesprochen haben, herzustellen?
Ja, das ist bis heute einer der wichtigsten Punkte. Theater braucht ein Mindestmaß an Vertrauen, an sozialer Gerechtigkeit und an Strukturen, die es ermöglichen, dass sich Leute entwickeln. Jede Menge junger Schauspieler gehen vom kleinen Maxim Gorki Theater an die größten Theater Deutschlands. Offenbar gab es hier ein Klima, in dem Menschen wachsen konnten.

Kann man, wie es an anderen Theatern ja vorkommen soll, intern auf straffe Hierarchie setzen und stramm an der eigenen Karriere basteln und gleichzeitig auf der Bühne Kapitalismuskritik spielen?
Kann man, absolut. Vielleicht erkennen einzelne Zuschauer, dass da etwas nicht ganz stimmt, vielleicht auch nicht. Ich arbeite nicht so. Es gibt sicher Regisseure, die in der Arbeit ein Höchstmaß an Druck ausüben, und trotzdem Inszenierungen rausbringen, bei denen Zuschauer ein Gefühl von Freiheit haben.

Gehört dazu eine gewisse Verlogenheit?
Dazu habe ich nur eine private Meinung.

Hinterlässt die Art, in der ein Kunstwerk entsteht, Spuren in seiner Wirkung?
Es gibt keine Faustregeln. Ich kenne eine Menge Regisseure, die einen sehr soften, verständnisvollen Habitus pflegen und auf den Proben sehr nett sind – und trotzdem kommt  Scheiße heraus. Ich höre von Schauspielern, dass der große Regisseur Jürgen Gosch in der Arbeit knallhart war – und diese Schauspieler haben ihn geliebt. Ich selbst bin ein Mensch, der diese Art von Druck nicht verträgt. Ich brauche eine Atmosphäre, in der jeder auf der Probe das Gefühl hat, dass wir etwa dieselben Fragen haben und auf Augenhöhe miteinander umgehen. Dass es trotzdem zu schlaflosen Nächten kommt, jetzt bei den Proben gerade zu Knochenbrüchen, dass es zu Verzweiflungsanfällen kommt, auch nach der Premiere, kann ich nicht ändern, das ist nun mal so.

Und jetzt gehen Sie als Intendant ans Württembergische Staatstheater. Haben Sie Angst vor Stuttgart?
Nein. Höchstens Angst davor, missverstanden zu werden.

Schade für Berlin, dass Sie hier aufhören.
Vielleicht kommen wir ja irgendwann zurück. Vielleicht, wenn ich irgendwann als Insasse einer Demenzstation mit mir selbst Theater spiele (lacht).

Interview: Peter Laudenbach

Foto: Harry Schnittger

Demenz Depression und Revolution
im Maxim Gorki Theater
,
­Karten-Tel. 20 22 11 15

 

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